Put the needle on the record – Wie DMC und Technics die DJ-Welt für immer veränderten

DMC und Technics arbeiten seit fünf glorreichen Jahrzehnten Seite an Seite, um die DJ-Kultur voranzutreiben – eine Partnerschaft, die in der elektronischen Musik so symbiotisch ist wie die Duos Sasha und Digweed, Tale Of Us und Kruder & Dorfmeister. Zwei große Namen in der weltweiten Szene mit 90 Jahren Erfahrung – der eine mit einem Stück Hardware, dem die DJs alles zu verdanken haben, der andere mit einem Unternehmen, das in den 1980er-Jahren dazu beitrug, den kommerziellen Mikrofon-DJ in einen Underground-Künstler zu verwandeln, der mit einem einzigen Post in den sozialen Medien ganze Stadien füllen kann.

Und beide verdanken alles dem Vinyl.

Es war der Glühbirnenerfinder Thomas Edison, der 1877 den ersten „Plattenspieler“ erfand. Damals benutzte Edison einen rotierenden Zylinder, der mit Stanniol überzogen war, um Töne aufzuzeichnen – der Zylinder wurde dann mit einer Nadel abgespielt, die den Rillen folgte und den Ton über ein Horn verstärkte. Was hätte Edison wohl gedacht, wenn er gewusst hätte, dass Jahrhunderte später die Menschen Fahrräder, Stühle und sogar Kettensägen benutzen würden, um an seiner Erfindung zu „scratchen“? Denn als DMC und Technics Mitte der 1980er-Jahre die World DJ Championships ins Leben riefen, geschah genau das.

„Ist das ein Mixing- oder ein Scratching-Wettbewerb?“, rief DJ Orlando Voorn aus den Niederlanden, nachdem er 1986 von DJ Cheese aus den USA geschlagen worden war – dessen flinke Fingerfertigkeit hatte Orlandos geradlinigen Mixing- und Blending-Stil übertroffen. Als Erfinder des Scratching gilt im Übrigen der New Yorker Hip-Hop-DJ Theodore Livingston. In den 70er-Jahren hörte dieser sich versehentlich auf seiner Heimanlage scratchen, nachdem seine Mutter ihn gebeten hatte, die Musik leiser zu stellen – ein rhythmisches Element, das er bald weiterentwickelte und einige Wochen später in seine DJ-Sets einführte.

Nach der Einführung der World DJ Championships entfachten DMC und Technics in der DJ-Welt ein Feuer der Leidenschaft, das zahlreiche Artists rund um den Globus dazu ermutigte, ihre Fähigkeiten an den Plattentellern zu perfektionieren, nur um eines Tages der unangefochtene Weltmeister oder Weltmeisterin zu werden. Während viele Teilnehmer*innen Gimmicks und Haushaltsgegenstände benutzten, um sich durch ihre sechsminütigen Sets zu scratchen, wurde der Kampf bald zu einer Sache der Schönheit und des Könnens – frühere Champions wie Cutmaster Swift, Cash Money und die Rock Steady DJ’s halfen dabei, diese neue Kunstform zu etablieren.

Mit dem Turntablist-Genre entstand als Folge dieser Entwicklung eine völlig neue Dimension in der Welt des Auflegens.

Die Einführung des Vinyls in das Leben eines DJs lässt sich auf diesen Seiten nicht in Worte fassen. Zwar waren es wahrscheinlich Terry Noel im New Yorker Arthur Club oder Francis Grasso im Sanctuary, die zum ersten Mal Platten für einen Dancefloor zusammenmischten – aber es war der Battle-DJ, der wirklich wusste, wie man das Beste aus diesem wunderschönen Stück Vinyl herausholt. Und was für einen wunderbaren Einstieg einige dieser DJs in diese Welt hatten: Craze, ein dreifacher DMC-Weltmeister aus Nicaragua, kaufte als Erstes Jose Chingas „Fly Tetas“. Qbert – Teil der weltmeisterlichen Rock Steady DJs und der Crew von Invisibl Skratch Piklz – legte sich die unglaubliche „Funk You Up“-Platte von Sequence auf dem Sugarhill-Label zu und Champion Prime Cuts aus Großbritannien erinnert sich an seine erste Vinyl-Erfahrung, als wäre es gestern gewesen:

„Es war ,Walking On Sunshine‘ von Rocker‘s Revenge und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich das Vinyl nach Hause brachte und voller Ehrfurcht dem Klang auf den Kopfhörern lauschte. Arthur Baker hat hier ein absolutes Feuer mit einem Track entfacht, von dem ich immer dachte, dass er seinen Hip-Hop-Produktionen um Lichtjahre voraus ist.“

Das Aufkommen von Scratching in der Straßenkultur ist auch dem legendären Malcolm McLaren nicht entgangen, der über die aufkeimende Hip-Hop-Szene stolperte und beschloss, ihr seine eigene Note zu geben, indem er Anfang der 80er-Jahre das bahnbrechende „Buffalo Girls“ veröffentlichte. „Die einzige andere Platte mit Scratching vor ,Buffalo Girls‘, von der ich weiß, war Grandmaster Flashs ,On The Wheels Of Steel‘. Er hat die Platte einfach gedubbt und synchronisiert.“

Der Wettbewerb von DMC und Technics wurde derweil so beliebt, dass sie ihre Finals an legendären Orten wie der Royal Albert Hall und der Wembley Arena in London abhielten. 1991 „drehte“ sich der deutsche DJ David mit seinem ganzen Körper auf dem rotierenden SL1200, um den Titel zu gewinnen, was DMC-Gründer Tony Prince zu dem Ausruf veranlasste: „So etwas habe ich in meinem Leben noch nie gesehen.“ Es war ein Moment, der nie vergessen werden wird – wie Muhammad Alis und George Foremans „Rumble In The Jungle“ und Johan Cruijffs Finte bei der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 1974. Er wird für immer mit ihm und uns leben.

Und während Live-Künstler*innen wie James Brown, Public Enemy, Run DMC und Roxane Shante bei diesen Finals auf der Bühne standen, waren es immer die Turntablisten, die die Show stahlen. Als das DMC-Hauptquartier von DMC Canada darüber informiert wurde, dass ein 15-jähriger Junge namens Alain Macklovitch das nationale Finale gewonnen hatte und nach London reisen würde, um es mit der ganzen Welt aufzunehmen, ahnte niemand, dass ein globaler Superstar geboren worden war. Der in Quebec geborene Teenager, der unter dem Namen A-Trak antrat, ließ seine Konkurrenten mit einer nie dagewesenen Kühnheit und einem nie dagewesenen Selbstvertrauen hinter sich – er wurde später der Tour-DJ von Kanye West, bevor er eine Partnerschaft mit Armand Van Helden im Bereich der elektronischen Musik einging und mit „Barbra Streisand“ einen Nr.1-Hit landete. Das Magazin Rolling Stone kürte ihn zu einem der „50 wichtigsten Menschen in der elektronischen Musik“. Bis heute tourt er als Headliner großer Festivals durch die Welt.

Um zu verstehen, wie wichtig DMC und Technics für diesen Kosmos sind und wie sehr sie die Welt des DJings verändert haben, muss man sich nur einige der Superstar-DJs ansehen, die zu Beginn ihrer Karriere an den World DJ Championships teilnahmen. In den späten 80er-Jahren, als Acid House das Vereinigte Königreich eroberte, war Carl Cox in der Rave-Szene dank seiner unglaublichen DJ-Kunst als „Three Deck Wizard“ bekannt. Jahre zuvor war Carl zusammen mit einem anderen jungen DJ namens Norman Cook für DMC aufgetreten – Norman hatte seine Indie-Musik-Tage (The Housemartins) hinter sich gelassen und feierte schon bald Chart-Erfolge mit dem Dance-Hit „Blame It On The Bassline“ mit Beats International. Anschließend änderte er seinen Namen in Fatboy Slim und die Welt war nie wieder dieselbe. Gemeinsam mit Carl nahm er am größten DJ-Battle der Welt teil, gewinnen konnte allerdings keiner von ihnen.

In den 80er- und 90er-Jahren war die Teilnahme an den DMC Dutch Finals in den Niederlanden ein echter Ritterschlag. Was war man nur für ein DJ, wenn man nicht die Fähigkeiten besaß, um an den Weltmeisterschaften teilzunehmen? Und so folgten auf dem Weg, den Orlando Voorn ’86 im Londoner Hippodrome eingeschlagen hatte, bald so illustre Namen wie Erick E, Michel de Hey und DJ Jean. Manche sagen, DMC sei schuld an der Entstehung von EDM, weil all diese unglaublichen holländischen DJs ihre Fähigkeiten früher als ihre weltweiten Produzenten-Kolleg*innen einsetzten. Aber darauf wollen wir nicht eingehen.

Der Hype um den glorreichen Wettbewerb ist nach wie vor brandaktuell. Während DMC und Technics in ihr 41. bzw. 59. Jahr gehen, ist die Popularität der World DJ Championships und des Turntablism größer denn je. Man braucht sich nur DJ Michelle in Dubai und DJ Agatha auf den Philippinen anzuschauen – zwei Mädchen, die noch nicht einmal im Teenager-Alter sind – um zu sehen, wie weit die Liebe zu diesem Zweig der DJ-Kunst heute noch reicht.

Das 2023er DMC Technics World Final findet am Freitag, den 3. November, im Midway in San Francisco statt. Mit dabei sind Dilated Peoples, Mixmaster Mike, UZ, Invisibl Skratch Piklz, Kentaro, Prime Cuts, K-Swizz, DJ Topic und viele mehr …

Hier könnt ihr in den legendären Auftritt von DJ David reinschauen:

 

Aus dem FAZEmag 140/10.2023
Text: Dan Prince