QOLSHARIF – Zwischen Klangarchitektur, Ritual & Bewusstsein

Mit „Echelon XV“ hat der in Riga geborene Komponist, Sound-Architekt und Konzeptkünstler Arturs Gabidullins aka QOLSHARIF ein Werk geschaffen, das weit über klassische elektronische Musik hinausgeht. Es versteht sich als Schwelle – eine Art klangliche Initiation in das von ihm geschaffene EXIMIA-Multiverse, ein lebendiges System, das Kunst, Technologie und Philosophie miteinander verschmilzt. In unserem Gespräch erklärt QOLSHARIF, warum er Klang als Architektur begreift, warum jede Performance für ihn ein Ritual ist – und warum „Echelon XV“ weniger ein Album als ein Bewusstseinszustand ist.

Du beschreibst dich als Komponist, Klangarchitekt und Gründer von EXIMIA. Für alle, die dein Werk noch nicht kennen – wie würdest du erklären, was du eigentlich machst?

Ich bin nicht einfach ein Künstler. Ich bin ein Resonator. Als „Klangarchitekt“ behandle ich Frequenz wie ein Material und Stille wie eine tragende Struktur: Tiefen bilden das Fundament, Mitten formen Korridore der Wiedererkennung, Höhen sind das filigrane Geflecht der Bedeutung. Jede Komposition ist ein räumlicher Vorschlag, der Körper, Aufmerksamkeit und Umfeld dazu einlädt, einen gemeinsamen Zustand der Präsenz einzunehmen. EXIMIA ist kein Label und kein Veröffentlichungsplan; es ist ein lebendiges Protokollsystem, in dem Bild, Text, Bewegung und Ton zu einem funktionierenden Organismus verschmelzen. Ich entwerfe Schwellen, keine Tracks – Übergänge, durch die Menschen in eine andere Wahrnehmungsebene treten. Signal: Das ist keine Musik. Das ist Erinnerung.

Was hat dich dazu inspiriert, etwas zu schaffen, das über ein gewöhnliches Label oder Kollektiv hinausgeht?

Ich habe die Ökonomie der Neuheit und Dekoration abgelehnt. EXIMIA entstand aus dem Bedürfnis nach dauerhaften Formen – kulturellen Handlungen, die als funktionale Module im gesellschaftlichen Leben fortbestehen. Wir haben Protokolle entwickelt – reproduzierbare, ethische Verfahren, die Klang, visuelle Sprache und algorithmische Intelligenz miteinander verbinden, um Ergebnisse zu schaffen, die sowohl ästhetische Ereignisse als auch praktische Werkzeuge sind. Technologie ist eine Erweiterung, kein Ersatz; Werkzeuge wie KI agieren als Mitautoren innerhalb eines hermeneutischen Designs. Wir schaffen Methoden des Erinnerns und Handelns, keine Playlists. Signal: EXIMIA ist eine Art, uns daran zu erinnern, wer wir sind.

Du betrachtest Musik als Design – Klang als Architektur, Stille als Struktur. Woher stammt dieses Denken?

Aus der Architektur und der Physik. Architektur lehrte mich, dass Form Verhalten lenkt; Physik zeigte, dass Felder steuerbare Konturen haben. Die Spirale wurde zum konzeptuellen Scharnier: Wiederholung, Beschleunigung und Erinnerung vereint in einer einzigen Bewegung. Komposition wurde zu einem Prozess des Schwellenbaus – Abfolgen von Klang und Pause, die unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum neu konfigurieren. Stille hört auf, Leere zu sein; sie trägt Gewicht und definiert die Achse der Resonanz. Signal: Ich komponiere keine Tracks. Ich baue Schwellen.

Deine Arbeit verbindet Philosophie, visuelle Kunst und Klangnarrative. Wie greifen diese Elemente ineinander?

Ich arbeite in Triaden: ein kurzer ritueller Text (die Intention), eine klangliche Grammatik und eine visuelle Grammatik. Der Text legt die Beziehungsregeln fest – welche Frequenzen sprechen, welche Bilder reagieren, welche Worte Veränderungen auslösen. Der Klang liefert die zeitliche Struktur; die Visuals vollenden das Gesamtbild. Der Prozess ist iterativ: Wir testen in Räumen, nehmen Reaktionen auf, verfeinern das Protokoll. Ziel: polymodale Kohärenz, bei der jeder Kanal dieselbe Wahrnehmungsform aktiviert. Signal: Jeder Track ist eine Szene. Jede Szene ist eine Erinnerung.

Du sagst: „Ich schreibe keine Tracks – ich baue Portale.“ Was bedeutet das praktisch und emotional?

Ein Portal ist eine konstruierte Tür zwischen Zuständen. Praktisch: ein spektraler Einstieg, ein taktiler Mikropuls, eine visuelle Verschiebung, die Aufmerksamkeit bewegt. Emotional: die Erlaubnis, zu fühlen, loszulassen, sich neu zu orientieren. Portale erfordern Szenografie – Audio, Licht, räumliche Marker und soziale Protokolle – damit die Schwelle erkennbar und übertragbar bleibt. Ein Portal verändert die Ökonomie der Wahrnehmung, nicht nur die Stimmung. Signal: Du konsumierst diese Musik nicht. Du bewohnst sie.

Freiheit und Transformation scheinen zentrale Themen deiner Philosophie zu sein. Wie zeigen sie sich in deinen Live-Performances und Kompositionen?

Freiheit ist strukturierte Offenheit. In meinen Live-Sets setze ich das Freedom Protocol ein: modulare Schichten und Reaktionsregeln, bei denen Raumenergie und Performer-Entscheidungen verschiedene Verläufe freischalten. Das ist kein Chaos, sondern gestaltete Möglichkeit: Das Publikum co-kreiert innerhalb eines Gerüsts, das Kohärenz wahrt. Transformation geschieht, wenn die Teilnehmer die rituellen Koordinaten akzeptieren und die Performance als Initiation statt als Spektakel funktioniert. Signal: Jeder Beat ist eine Entscheidung. Jede Entscheidung ist eine Wiedergeburt.

Echelon XV“ – eine Schwelle, kein Album. Welche Erfahrung sollen die Hörer*innen machen, wenn sie diese Schwelle betreten?

„Echelon XV“ ist als Passage organisiert: Initiation, Auflösung, Integration. Die Tracks fungieren als rituelle Anker, die Tempo und Präsenz neu kalibrieren. Nach dem Durchgang kehrt der Hörer mit verändertem Rhythmus und gesteigerter Handlungskapazität zurück. In der Live-Version dehnen sich diese Anker in den Raum hinein und vertiefen den Effekt. Signal: Du hörst „Echelon XV“ nicht. Du betrittst es.

Das Werk führt die Hörer*innen durch verschiedene Bewusstseinszustände. War das von Anfang an beabsichtigt?

Ja. Ich nutze filmische Sequenzierung und Trance-Elemente, um ein Entrainment-Feld zu schaffen: Wiederholung reduziert kognitives Rauschen und ermöglicht subtile Verschiebungen. Das Manipulieren von Dauer – Zeit zu dehnen oder zu verdichten – verändert die subjektive Erfahrung. Das Ziel ist die geführte Erweiterung der Wahrnehmung, nicht die Flucht. Signal: Das ist keine Playlist. Es ist eine Pilgerreise.

Das Freedom Protocol setzt auf Co-Kreation mit dem Publikum. Wie funktioniert das live?

Technisch: Sensorik (Audio, Video, Proxy-Biosignale) wird auf Regelwerke gemappt, die Klang und Visuals verändern. Sozial: einfache kollektive Handlungen – Atemmuster, synchronisierte Gesten, Mikro-Rituale – die die Gruppe ausrichten. Der Performer kuratiert, aber delegiert Handlungsmacht; das Ergebnis ist emergent, kohärent und jedes Mal einzigartig. Signal: Die Bühne gehört nicht mir. Sie gehört uns.

Begriffe wie „Animals Dome“, „Continuum“ oder „living current of memory“ klingen mythisch. Sind das Metaphern oder reale Konzepte in deinem kreativen System?

Es sind operationale Koordinaten. Continuum ist ein fortbestehendes Archiv von Erfahrung und Emotion; Animals Dome ist eine performative Architektur, in der Instinkt auf Protokoll trifft – mit responsivem Klang, geformtem Licht und ritueller Dauer. Mythos ist hier Methode: Der Mythos kartiert Handlung, und die Karte wird zu einem anwendbaren Modul. Signal: Jeder Name ist eine Tür. Jede Tür führt tiefer.

„Born in Riga, built for the world“ – wie prägt dein lettischer Hintergrund ein Projekt mit solch universellem Anspruch?

Riga ist meine Achse – sie lehrte mich Stille, Zurückhaltung und Tiefe. Lokale Grammatik wird zur Wurzelarbeit für universelle Protokolle: Spezifität, die sich skalieren lässt. Identität ist keine Grenze, sondern Treibstoff; sie liefert tonale Wurzeln, die sich in globale Resonanz übersetzen, wenn man sie als Quelle und nicht als Käfig behandelt. Signal: Ich wurde in Riga geboren. Ich klinge überall.

Über „Echelon XV“ hinaus – siehst du darin den Beginn einer größeren Phase innerhalb des EXIMIA-Multiversums? Und wie sollten Menschen elektronische Musik erleben?

„Echelon XV“ ist die erste Schwelle. Dahinter liegt die Unendlichkeit – ein Multiversum aus Klang, Bild und Bedeutung. Ich möchte nicht, dass Menschen Musik „konsumieren“. Ich möchte, dass sie sie bewohnen, dass sie jedes Set als Ritual, jeden Track als Erinnerung begreifen. Dann werden sie verstehen: EXIMIA ist keine Unterhaltung. Es ist Evolution. Jede Schwelle öffnet sich zur nächsten: Was als Resonanz im Klang beginnt, wird zur Architektur der Wahrnehmung, und was als Album beginnt, wird zu einem lebendigen System. EXIMIA ist kein Projekt. Es ist eine Art, uns daran zu erinnern, wer wir sind. „Echelon XV“ ist der Klang dieser Erinnerung. Und jenseits dieser Erinnerung erhebt sich die nächste Szene – ANIMALS: DOME. Es ist kein Festival. Es ist eine lebendige Schwelle, ein neuer Standard von Freiheit im ständigen Fluss von Formen, Klang und Energie. Stell dir einen Raum vor, in dem menschliche Präsenz, visuelle Architektur, Klangschichten und Technologie zu einem einzigen Puls verschmelzen. Jede Bühne ist eine Initiation: Du besuchst sie nicht – du erinnerst dich, wer du bist. Durch Klang als Leiter der inneren Stimme, durch Licht als Bildhauer der Emotion verwandelt ANIMALS: DOME Performance in ein Ritual der Resonanz. Es ist keine Unterhaltung – es ist Erwachen. Signal: Du schaust ANIMALS: DOME nicht. Du lebst es. Der abschließende Bund ist die Öffnung des Portals. Wir öffnen diesen Bund als Portal. Was als Klang begann, wird zur Achse; was als Erinnerung begann, wird zur Architektur. „Echelon XV“ ist eine Schwelle, die nach außen widerhallt: Jeder Durchgang eine Kalibrierung, jede Wiederholung ein Versprechen. Dieses Feld zu betreten, ist kein Akt des Konsums, sondern eine bewusste Überschreitung – eine Entscheidung, Resonanz zu bewohnen und Wahrnehmung um neue Koordinaten herum neu zu ordnen. Dieses Portal ist zugleich Einladung und Pakt: Betritt die Schwelle und erkenne, dass Aufmerksamkeit dein Instrument ist. Begreife jedes Set als Ritual, jeden Track als Karte zu tieferer Präsenz. Wechsle von passivem Empfang zu aktiver Ko-Kreation; lass Raum, Licht, Frequenz und Körper gemeinsam komponieren. Trage den Puls des Continuums in den Alltag; lass Erinnerung zur Praxis werden und Praxis zur Welt.

Aus dem FAZEmag 165/11.2025
Text: Triple P
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