Was ich liebe, ist die elektronische Musik. “Was ich liebe” ist aber auch ein Rammstein-Song. Der erste, den die Berliner Bombast-Rocker bei ihrem Tour-Auftakt in der restlos ausverkauften Veltins-Arena spielten. Aber der Reihe nach.

Ich weiß natürlich, dass ihr FAZE-Magazin-Leser primär auf Techno und “mtz-mtz-mtz” steht. Aber ich weiß auch – und das aus eigener Erfahrung! -, dass eine Band wie Rammstein auch bei vielen Ravern pure Faszination auslöst. Ich selbst verfolge das bunte Treiben der Musiker rund um Frontmann Till Lindemann seit vielen, vielen Jahren. Umso glücklicher war ich, als wir tatsächlich Tickets ergattert haben. Tickets für Konzerte, die binnen weniger Minuten ausverkauft waren. Alle! Kostenpunkt: 106 Euro. 106 Euro, die jeden Cent davon wert waren!

So machten wir uns zu sechst also auf den Weg von Köln nach Gelsenkirchen. Einmal Rheinland – Ruhrpott. Wir – das waren Jungs und Mädels im Alter von Anfang 20 bis Anfang 50. Konzert- und festivalerprobt wie wir sind haben wir ein Stück weit außerhalb vom Arena-Gelände geparkt. Getreu der Devise “Lieber 20 Minuten laufen als nach dem Konzert 120 Minuten im Stau stehen”.
Es war dann so zehn Minuten vor offiziellem Konzertbeginn, als wir unsere Plätze einnahmen. Sitzplätze. Die hatten wir ganz bewusst gewählt, da wir lieber die große Show in ihrer Gänze bestaunen wollten, als uns in die Menschenmasse Front of Stage zu stellen. Die Vorband startete pünktlich auf die Minute um 19:30 Uhr. Wobei Vor”band” eher gegen das Wort Vor”programm” ausgetauscht werden sollte. Es spielte das Piano-Duo Jatekok. Nein, keine typische Klassikmusik, sondern Rammstein-Songs im klassischen Gewand. Nett. Nicht mehr, nicht weniger.

Und dann … Dann war es um 20:30 Uhr soweit. Rammstein betraten die Bühne, die bis unters Arenadach erbaut war und mich spontan irgendwie an ein Chemiewerk erinnerte. Mittig der hohe Turm, seitlich die Ausläufer. Große Kreise, und eine Rückwand, bei der man noch nicht wusste, was in ihr steckte. Auf dem eigentlichen Fußballspielfeld angesiedelt: vier riesige Speaker-Türme mit zahlreichen Flame-Jet-Installationen. Ich sag mal so: Wie gut, dass das Hallendach geöffnet war!

Mit einem Fanfare-artigen Intro startete die Show. 60, vielleicht 70 Sekunden Spannung, was einen gleich erwarten könnte. Dann der große Knall. Typisch Rammstein eben. Pyrotechnik deluxe. Da hätte sich sogar Agni – der Gott des Feuers – noch eine große Scheibe abschneiden können! Kleiner Wehrmutstropfen: Da die Show bereits um 20:30 Uhr begann und draußen noch nicht die Dämmerung eingesetzt hatte, waren die ersten 45 Minuten bis zum Sonnenuntergang leider etwas minimalistisch, was das optische Erscheinungsbild der Licht-, Laser- und Effekttechnik angeht. Im Dunkeln hätte das Ganze von der ersten Minute an die brachiale Wirkung auf alle 60.000 Besucher entfaltet. Aber gut …

Ich habe euch unten mal die Setlist des Konzertes vom 27. Mai 2019 zusammengestellt. Hier wird eingefleischten Rammstein-Fans schnell klar: Viele der ersten Stücke stammen aus dem zuletzt releasten Album. Das trägt illustrerweise den gleichen Titel wie die Band. Eins der Highlights – klanglich, textlich wie inhaltlich: “Puppe”. Die Kurzfassung, worum es geht: Um ein Kind, dessen Schwester als Prostituierte zuhause arbeitet und getötet wird. Klingt brutal? War es auch – spätestens als der ausgebildete Pyrotechniker Till Lindemann einen Kinderwagen in überdimensionaler Größe auf die Bühne schob und ihn beim Refrain in Brand setzte – siehe Video unten. Bevor jetzt wieder irgendwelche Möchtegern- und Skandal-suchenden Redakteure ihren vermeintlichen Intellekt ankurbeln und Rammstein des unseriösen Textes beschuldigen: Befasst euch mit der Botschaft!

Weiteres Catching-Happening für mich war die erste VÖ des neuen Albums: “Deutschand”. Ein hervorragend arrangiertes und neu komponiertes Intro im Elektronik-Stil. Ein Remix übrigens von Lead-Gitarrist Richard Kruspe. Techno bei Rammstein? Klar! Ohnehin ist Rammstein ja nicht non-elektronisch. Vor allem die Synth-Einlagen von Keyboarder “Flake” lassen immer wieder harmonische, theatralische wie auch funkelnd-blitzende Ausflüge in die Welt der Technoszene zu. So auch beim “Deutschland”-Intro, das in einer ähnlichen Version wie die auf dem Album performt wurde.

Ebenfalls hörens- und sehenswert: “Mein Teil”. Ein Song – oder sollte ich besser “Track” sagen? – den jeder Rammstein-Enthusiast einmal live erleben möchte. Ich werfe jetzt einfach mal nur ein paar Stichworte in den virtuellen Raum: Badewanne, Blut, Kochmütze, Messer. Und dann wurde es mal wieder warm in der Arena. Bei “Sonne” schossen die Flammenwerfer so viel Energie in Richtung Horizont, dass man froh war, nur mit einem T-Shirt on Location gewesen zu sein. Vom Titel, bei dem die Bühne in grelles Gelb getüncht war und bei dem die Gitarrenriffs, Percussion- und Drum-Elemente exorbitante Schmerztöne bei vielleicht ungeübten Gehörgängen generierte – zu einer Ballade. “Ohne dich”. Und wenn schon mal die Feuerzeuge und Handytaschenlampen durchs Stadion schwenkten, dann konnte man auch gleich “Engel” noch in einer Slow-Variante spielen. Ein großartiger Schachzug übrigens, denn mit einer soften Version hatte wohl niemand gerechnet. Und damit sich der Kreis des ruhigen, atmosphärischen Klangs schließt, holten sich Rammstein mit dem Duo Jatekok den Support, den “Engel” zu ungeahnten Flügelschlägen der Musiklandschaft erwachen ließ. Auf der B-Bühne, die sich dezent am seitlichen Rand des Infields befand, standen sie also: Jatekok und Rammstein. Die Rocker schön brav aufgestellt, wie die Soldaten in einem Kinderspiel. Die Pianistinnen solide-souverän am Klavier platziert. Und während 60.000 Leute mitsangen, ließen sich Till & Co. mit einzelnen Schlauchbooten auf Händen tragen. Der Weg in Richtung Hauptbühne war dank der Fans somit geebnet.

Und weil bekanntlich nach der Ruhe der Sturm kommt, donnerten Rammstein bei “Ausländer” wieder in gewohnter Manier los. Es war – nach “Engel” die zweite Zugabe, gefolgt von “Du Riechst So Gut” und “Pussy”. Dann: ein Verneigen. Hand an die Brust. Demut und Respekt vor dem Publikum. Abgang. Aus? Nein. Mit einer großartigen Neu-Interpretation von “Rammstein” enterten Rammstein erneut die Bühne und spielten den Titel so, dass er kaum wiederzuerkennen war. Sechs von fünf Sterne! Nach “Ich will”, welches mit einem Rammstein-würdigen Outro endete, endete nach rund 135 Minuten auch das Konzert. Das erste Konzert der bisher größten Europatournee seit Bestehen der Band.

Fazit: Schade, wer keine Tickets für die Tour hat. Und auch wenn mein Herz für die elektronische Musik schlägt, so sage ich euch: “Mein Herz Brennt”. Auch für Rammstein.

Hier nun wie versprochen die Setlist vom Tour-Auftakt in Gelsenkirchen am Montag, den 27. Mai 2019:

Was ich liebe
Links 2, 3, 4
Sex
Tattoo
Sehnsucht
Zeig dich
Mein Herz brennt
Puppe
Heirate mich
Diamant
Deutschland (Intro)
Deutschland
Radio
Mein Teil
Du hast
Sonne
Ohne dich

Engel
Ausländer
Du riechst so gut
Pussy

Rammstein
Ich will

(C) Fotos: Torsten Widua