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Die einen kennen ihn als DJ und Produzent, andere als Booker des Club Lehmann und wieder andere als ehemaligen Chef des Partysan Baden-Württemberg. Raphael Dincsoy ist ganz offenbar ein Mann mit vielen Talenten, von denen er eines in diesem fast vergangenen Jahr besonders in den Fokus gerückt hat: Das Auflegen. Produktionen spielten eine eher ungeordnete Rolle. Warum das so war und ob es so bleibt, hat uns der Stuttgarter im Interview verraten.

„2014 war ein sehr ereignisreiches Jahr für mich. ‚Karrieretechnisch‘ bin ich sehr zufrieden. Ich habe sehr viele Gigs gespielt und viele schöne Momente erleben dürfen, viele tolle Leute kennengelernt und vielen Menschen eine hoffentlich gute Zeit bereitet“, lässt er das Jahr noch Revue passieren. Und während es beruflich durchweg gut lief, ging es auf persönlicher Ebene weitaus weniger erfreulich zu, wie er ganz offen gesteht: „Es war die schwerste Zeit meines Lebens. Ich musste feststellen, dass ich mich die letzten Jahre zu sehr mit mir selbst beschäftigt und fast alles um mich herum vergessen habe. Dadurch habe ich jemanden verloren, der ein sehr wichtiger Teil meines Lebens war. Ohne sie wäre ich sicherlich nicht da, wo ich jetzt stehe.“ Ein bisschen wie im alten Fanta4-Hit „Sie ist weg“ hat Raphael die Zeichen zu spät erkannt. Das hatte durchaus auch auf seine Kreativität einen Einfluss: „Ich hatte einfach sehr lange keinen Kopf und keine Energie, eigene Musik zu machen. Ich stand sogar mehrfach davor, einfach alles hin zu schmeißen. Die richtigen Freunde und Leute um mich herum sowie das viele Auflegen haben mir sehr dabei geholfen, mich abzulenken, Kraft zu tanken. Sie haben mir letztendlich dann auch wieder Energie und Inspiration gegeben.“

Trotz des privaten Tiefschlags war Raphael den Sommer über auf fast jedem wichtigen Festival vertreten. Und auch aus diesen Erlebnissen ließ sich für ihn viel Gutes gewinnen. „Ganz frisch ist noch die MAYDAY in Polen in Erinnerung. Dort hatte ich eine tolle Zeit mit vielen Freunden wie Alan Fitzpatrick, Black Asteroid, den verrückten BMG-Jungs und meinem ‚Schwesterherz‘ Klaudia Gawlas. Die Leute dort waren sehr offen für meinen Sound, und das Feedback war echt fett. Auch im Century Circus der NATURE ONE war wieder viel Energie, und ich hatte sehr viel Spaß. Zum Jahresabschluss steht noch das SEMF Festival an. Darauf freue ich mich schon sehr.“ Trotz der vielen positiven Erfahrungen vor den ganz großen Crowds schlägt Raphaels Herz doch immer noch vorrangig für die kleineren Clubgigs. „Dort fühle ich mich einfach am wohlsten. Da ist die Energie konzentrierter und man bekommt ein direkteres Feedback von den Leuten. Ich spiele am liebsten drei, vier Stunden oder länger, baue meine Sets langsam und lange auf – das geht leider auf einem Festival eher nicht.“ Ein solcher Club, eine familiäre Heimat, findet er gerade auch in dem von ihm selbst in Sachen Booking und Residenz betreuten Lehmann. „Ich bin seit Tag Eins dabei und kann mir keine bessere Residency vorstellen. Ich bin dankbar für das Vertrauen und die Möglichkeiten, die sich mir hier bieten. Wir sagen ‚There is a home for Techno‘ – und wir meinen das auch so. Wir möchten, dass sich unsere Gäste bei uns wie zuhause fühlen. Gastfreundschaft ist uns super wichtig. Dazu legen wir sehr viel Wert auf guten Sound. Hier arbeiten wir mit d&b und sind sehr zufrieden. Auch das Feedback unserer Gäste beziehungsweise Gast-DJs ist ausnahmslos gut. Im Lehmann ist die Crowd sehr open minded. Darüber sind wir sehr froh, und das macht es auch etwas einfacher, variabler bei den Bookings zu sein.“ In diesem Monat steht Raphaels erster Gig im Berliner Berghain an. Ein besonderer Moment für ihn. „Natürlich geht am 07.12. für mich ein Traum in Erfüllung. Das Berghain ist für mich der perfekte Club. Es verkörpert Techno in seiner reinsten und pursten Form. In keinen Club gehe ich privat lieber, und kein Club hat mich so inspiriert. Ich glaube wenn es dann soweit ist, werden die Knie schon etwas weich.“ Und wenn das unbeschadet überstanden ist, gibt es für Raphael Dincsoy und das Jahr 2015 kein Halten mehr. „Ich habe viele neue Inspirationen gesammelt und war bereits zuletzt häufig im Studio. Nach all den Kollaborationen möchte ich mich nun mehr auf Solo-Releases konzentrieren. Die ersten Nummern sind fertig, und ich bin sehr zufrieden. Mal schauen, ob ich das eine oder andere Label dafür begeistern kann.“ / Nicole Ankelmann

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Aus dem FAZEmag #034/12.2014