Nach ihrem fulminanten Panama-Trip melden sich Iryna und Roxy von der Raverglueck-Kolumne zurück. Und auch diesmal haben sie wieder so einiges zu erlebt. Aber lest selbst:

 

Zuletzt berichteten wir euch über unsere Quarantänezeit im Dschungel von Panama, da wir den Rückflug nach Deutschland im Anschluss an das Tribal Gathering Festival nicht antreten konnten. Im Rahmen unserer Rückkehr haben wir uns eine Homebase in Berlin eingerichtet und wurden nun Teil des Geschehens in unserer Heimat.

Dies sind Zeiten, die einem vieles vor Augen führen: Über die Gesellschaft, in der wir leben. Über die Wirkungsweise von Politik, herrschenden Regierungen und den daraus resultierenden Regelungen. Über den Zusammenhang der eigenen Gesundheit mit der unserer Mitmenschen. Und letztendlich über uns Individuen als Teil eines Ganzen. Aus unserer Sicht gibt es Gründe und Gelegenheiten, die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen, die Treffsicherheit von veröffentlichten Zahlen und den Umgang mit uns systemrelevanten Mitmenschen zu diskutieren und zu kritisieren. Die hiesigen Zeilen möchten wir jedoch nutzen, um ein positives Licht auf diejenigen zu richten, die diesen Sommer richtig was gerockt haben. Denn nicht zuletzt wird der Wert von Kultur in unserem Leben deutlich.

Wir empfinden großen Respekt für die Menschen, die im Einklang mit den Regelungen, Veranstaltungen auf die Beine gestellt haben, die uns als (Techno-)Gemeinschaft wieder zusammengebracht haben und den derzeitigen Trubel durch die Liebe zu Musik für eine Weile beseitigen konnten.

So waren wir im August zunächst am idyllischen Helenesee beim Bucht-der-Träumer-Ferienlager. Statt wie üblich ein großes Event auszurichten, wurde hier für zwei Wochen ein Zeltlager mit Marktplatz, Workshopbereich und kleiner Bühne am Strand aufgebaut. Traumhaft! Wenig Gäste, viel Platz in der Natur und ein Hygienekonzept, das mit respektvoller Konsequenz beachtet wurde. Wir haben unsere jüngsten Dschungelerfahrungen direkt genutzt und den Workshop „Create Your Lifelines“ angeboten: ein mehrdimensionales Selbstreflektionstool durch angeleitete Meditation. Hierbei kann man nicht nur sich selbst besser kennen lernen, sondern auch seine Mitraver. Wir sind schon lange begeistert von Festivals, die Workshops zu einer Säule des Geschehens machen und freuen uns darüber, dass die oft frustrierenden Restriktionen gleichzeitig Raum für alternative Beschäftigungen schaffen. Nicht falsch verstehen: Wir sind die ersten, die man wieder vorne links auf dem Floor findet, aber zwischendrin lernen wir gerne neue Dinge dazu.

An insgesamt drei Wochenenden wurden von der Pangea-Crew auf dem ehemaligen Pütnitzer Flugplatz kleine Festivals organisiert; wir waren bei der „Love Culture“-Edition und haben auch hier wieder einige Workshops angeboten. Zugegebenermaßen hat uns das Tanzverbot in Mecklenburg-Vorpommern in eine merkwürdige Situation manövriert: in einem abgesperrten Haushaltsbereich auf einem Stuhl zu sitzen, während der Headliner auflegt ist natürlich nicht das Wunschszenario. Aber immerhin gab es Musik auf großen Anlagen, ein liebevoll dekoriertes Außengelände und sympathische Menschen, die vor allem dankbar über etwas Abwechslung außerhalb der eigenen vier Wände waren. „Leg irgendwas auf!“ „Hauptsache mal wieder ein Bass zu meinem Herzschlag!“ Auch hier wurde abseits der Musik so einiges aufgefahren, um den Schmerz der verpassten Tanzexzesse etwas zu lindern: ein großes und vielseitiges Angebot an Workshops und Bastelkursen von Yoga und Meditation über Kakao-Zeremonie, Makramee, Heilkunde bis hin zu Batik-Shirts. Das Lagerfeuer hat die Septembertemperaturen nach Einbruch der Dunkelheit auch gleich viel erträglicher gemacht.

Das darauffolgende Wochenende führte uns zum Prärie Festival bei Spremberg. Und das fand zum ersten Mal statt – organisiert inmitten des Chaos der dynamischen Vorgaben und allgemeiner Verunsicherung. Das ist nach unserem Empfinden ein Lichtblick für alle, die hoch motiviert sind, sich trotz widriger Bedingungen mit alternativen Konzepten zu beschäftigen, bis das Veranstaltungsarmageddon vorüber ist.

Wie auch schon bei den letzten Events, wurde auf dem Floor eine einfache Ampel-Logik eingeführt: Grün, wenn alle Masken aufhaben und genügend Abstand halten – dann gibt es auch keine Probleme mit der musikalischen Unterhaltung. Gelb, wenn die Regelungen nicht flächendeckend eingehalten werden inklusive Reduzierung der Lautstärke. Und bei Rot, sprich deutlichen Verstößen, geht die Musik komplett aus. Dieses Konzept hat sich als extrem wirksam erwiesen, denn schließlich stehen wir am Ende alle da, um die Musik zu hören. Auf dem Prärie Festival herrschte eine allgemeine Maskenpflicht auf dem gesamten Gelände, die somit effektiv kontrolliert werden konnte. Bleibt zu hoffen, dass wir bald wieder etwas enger raven dürfen und wir auch die untere Gesichtshälfte unserer zukünftigen Freunde sehen können.

Getanzt wurde zu einem unfassbar hochkarätigen Line-up: mit Alex Stein, Leon Licht, Matchy, Sin:Port, Marcus Meinhardt und Thomas Schumacher gaben sich die Maestros der Techno-Szene die Klinke in die Hand. Trotz Tanzbeschäftigung wurde auch hier ein Workshop-Space geschaffen, der Themen wie Meditation, unsere Lifelines und Informationen zur Integration von psychedelischen Erfahrungen abdeckte. Einen unmittelbar positiven Effekt hatten die Hygienebestimmungen: eine vortreffliche Sauberkeit der Toiletten. Normalerweise eine Quelle von Beschwerden und traumatischen Erfahrungen, hat man nun stets eine saubere Toilette mit Papier, Seife und Desinfektionsmittel vorgefunden. Können wir das bitte auch im Anschluss an die Pandemie beibehalten? Am besten mit der umweltfreundlichen Kompostlösung, wie es Pangea vorgemacht hat.

Wo wir gerade beim Thema Umwelt sind: Als Raverglueck hatten wir aufgrund unserer konzentrierten Flughäufigkeit zu allen möglichen Festivaldestinationen dieser Erde in den letzten Jahren nicht gerade einen positiven Effekt. Wir beschäftigen uns jedoch ausgiebig mit dem Thema Kreislaufwirtschaft und den potentiellen Konsequenzen unserer individuellen Entscheidungen. Vom Kauf der Avocado über die Plastikzahnbürste bis hin zu besagten Flügen. Je tiefer die Erkenntnisse sich im Herzen festsetzen, desto eher ändert sich unser Handeln. So haben wir bereits letztes Jahr mehr Urlaub für Festivalbesuche genommen, um in ganz Europa aufs Fliegen verzichten zu können. Wir haben ehrlich gesagt noch richtig Lust auf Veranstaltungen wie Burning Seed in Australien – allerdings möchten wir solche Erfahrungen zukünftig mit längeren Aufenthalten in den fernen Ländern verbinden, statt in kurzer Zeit viele Events an vielen Orten abzudecken.

Neben den diesjährigen Quasi-Festivalerfahrungen gab es auch ein paar Clubnächte. Moment! Clubtage. Sagt man das jetzt so, wenn um 22 Uhr alles dicht macht? Wir waren bei Veranstaltungen vom Sisyphos, Ritter Butzke, Berghain und Birgit & Bier, wobei vom Rave über den Biergartenbetrieb bis hin zu Flohmärkten und Ausstellungen viele kreative Ansätze verwirklicht wurden. Unsere geliebten Clubvibes kamen beim Tanzen im Außenbereich, im Hellen, mit Maske im Gesicht und Abstand nur schwer auf. Aber wie bereits ausgeführt, ist es wundervoll, dass überhaupt etwas Kulturelles angeboten werden konnte. Und jedes verkaufte Ticket für solche Events ist hoffentlich ein winziger Beitrag zum Bestehen der Clubkultur.

Das Überleben der Veranstaltungsbranche allgemein wurde hitzig und produktiv bei der Streaming-Produktion der Most Wanted: Music Konference im November diskutiert. Unter anderem haben sich hier Politiker mit Experten des Nachtlebens zusammengesetzt, wobei vor allem zum Ausdruck gebracht wurde, dass eine Reihe von reaktiven Krise-Soforthilfen keine nachhaltige Lösung darstellt. Eine permanente Repräsentation der Brancheninteressen mit politischem Einfluss sei von Nöten, damit im Jahr 2021 geplante und genehmigte Veranstaltungen nicht doch kurzfristig abgesagt werden müssen. Die Weichenstellung ist ein unfassbar zäher Prozess, insbesondere da niemand per Glaskugel über die zukünftige Lage Aussagen treffen kann. Es steht jedoch fest, dass die Musikindustrie nicht nur zum Wohl der vielen Menschen am Leben gehalten werden soll, deren Existenz hier dranhängt, sondern auch weil Musik in unser aller Leben von essenzieller Bedeutung ist. Um eine Podiumsteilnehmerin zu zitieren: „Zum gerade erwerbslosen Piloten sagen wir ja auch nicht, dass er sich einfach umschulen lassen soll. Wieso wird das von uns erwartet?“

Wie geht es nun weiter mit den Festivals? Es ist offensichtlich, dass sich in den letzten Jahren immer mehr Interesse an elektronischer Musik entwickelt hat. Unsere Festival-Masterliste ist jeden Tag gewachsen, es gab national sowie international einen regelrechten Boom. Nicht zuletzt, da es durch Trends wie der Verwandlung von EDM-Enthusiasten zu Techno-Interessierten immer mehr Geld zu holen gab. Die Underdog-Techno-Kultur wurde zur Mainstage-Industrie.

In der Folge haben wir so einige standardisierte Veranstaltungen erlebt, mit fast identischen Line-ups, ähnlichen Bühnendesigns, mäßig eingestellten Soundanlagen, einfallslosen kulinarischen Angeboten, ohne Sitzmöglichkeiten, ohne einen Gedanken an ein nachhaltiges Konzept und mit zu vielen verkauften Tickets. Das war mehr Selbstverteidigung als Tanzen. Wir haben Events lieben gelernt, bei denen durch unzählige Kniffe und Kleinigkeiten eine Parallelwelt für und mit dem Festivalgast kreiert wird.

Deshalb haben wir die Hoffnung, dass die sich neu zusammensetzenden Veranstaltungen in der Zwangspause wieder mehr eine eigene Identität definieren. Dass an ansprechenden und einzigartigen Konzepten gearbeitet wird. Dass man vielleicht mehr mit Freiwilligen arbeitet und die Grenze zwischen Gast und Beitragendem zunehmend verschwimmt. Dass mehr musikalische Risiken bei der Künstlerwahl eingegangen werden und ein hoher Soundanspruch an den Tag gelegt wird. Dass noch mehr Menschen in den vielseitigen Workshopgenuss kommen können. Dass Toiletten und die kulinarische Versorgung mehr sind als ein Punkt, den man notgedrungen abdecken muss. Dass wir gemeinsam in diesem Mikrokosmos namens Festival Teil eines konsistenten Kreislaufs werden können, ohne Müllhalde als Endergebnis. Und wir persönlich fänden es super, wenn es ein paar mehr Tage sind, damit man nicht nur durch die Gegend hetzt und alle mehr von der aufwendigen Produktion haben.

Wir freuen uns auf jeden Fall auf die Festivalzukunft und wenn alles gut geht, können wir unsere bereits gesicherten Tickets für Ozora und die Fusion in 2021 auch in Anspruch nehmen. Aber wir wissen ja: If you want to make the universe laugh, make plans.

 

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