“Rettet die Ravekultur” lautete der Titel der Demonstration, die am vorherigen Wochenende auf und an dem Landwehrkanal in Berlin stattfand. Dass die mehr als 4.000 Personen den Anlass nicht nur nutzten, um zu demonstrieren, sondern auch um zu feiern, liegt auf der Hand. Der Aufschrei in den Medien war groß – Abstandsregelungen wurden missachtet, Masken wurden zuhause gelassen und ganz nebenbei entstand wohl auch jede Menge Müll, der einfach zurückgelassen wurde. Die Demonstration stieß zwar auf gemischte Reaktionen, neben Kritikern gab es auch zahlreiche Befürworter der Aktion, doch insgesamt war das Echo eher negativ konnotiert – auch bei vielen DJs und Angehörigen der Szene, wie beispielsweise bei Alex Niggemann.

Ebenfalls Team Contra: Anja Schneider. Im Interview mit der “Welt” äußerte sich die Produzentin, DJ und Labelbesitzerin zu dem Vorfall und positionierte sich eindeutig. Ihre größte Sorge: ein langfristiger Image-Schaden für die Berliner Clubkultur.

Auf die “Protestaktion” aufmerksam sei Anja Schneider demnach erst im Nachhinein und durch die sozialen Medien geworden. Ihre Reaktion: Unverständnis. Seit Monaten versuche sich die Berliner Clubszene durch Soli-Spendenaktionen, Aufrufen zum Social Distancing und Politikgesprächen ein Gehör zu verschaffen, um die Szene zu retten. Mit einer derartigen “respektlosen Pseudo-Demo” und tausenden “Partydemonstranten” sorge man allerdings eher für das Gegenteil und mache viel kaputt.

Initiator der Aktion war ein Mitarbeiter eines Clubs, der nicht damit gerechnet hatte, dass die Sache aus dem Ruder läuft. In den Augen von Anja Schneider sei dies eine sehr naive Denkweise – man hätte das Unheil kommen müssen sehen, schließlich wisse man, wie viele junge Menschen in Berlin leben, die für derartige “Demos” affin sind. Generell seien Demonstrationen ohnehin der falsche Ansatz, da es schlichtweg unmöglich sei, die Masse zu kontrollieren und die Vorschriften einzuhalten, so die Gründerin von Sous Music, die vor kurzem ihre neue Podcast-Serie “Backstage” startete.

Zum Ende des Interviews verdeutlichte sie noch einmal ihren Unmut über die Aktion und die möglicherweise daraus resultierenden Konsequenzen. Demnach habe man mit Müh und Not an einem neuen Konzept gearbeitet, das im kommenden Sommer kleine Open-Air-Events mit wenig Teilnehmern und regulierten Uhrzeiten ermöglicht. Das “Desaster auf dem Landwehrkanal” könnte dem Vorhaben nun einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen. Es sei nicht gänzlich unabwägig, dass die Politik derartige Ideen zum Wiederbeleben der Clubkultur nun vorerst auf Eis legt. Zusätzlich könnte sich die Party auf dem Landwehrkanal noch rückwirkend als Infektionsherd erweisen, was die Hoffnungen dann wohl vollends vernichten würde.

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Quelle: Welt.de