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Frühe Releases auf Get Physical, Kindisch oder Exploited ebneten den Weg für eine außergewöhnlich steile Karriere, die erst im Jahr 2012 startete. Der Sound des in Offenbach bei Frankfurt a. M. stationierten Rey & Kjavik begeisterte von Anfang an. Tief, inspirierend und doch nach vorne – das war der Sound, den wir vor allem in seinen Anfangsjahren zu hören gewohnt waren. Mittlerweile hat er sich geändert, ist erwachsener, außergewöhnlicher und in einem gewissen Maße auch experimenteller geworden. Ausschlaggebend für diese „Reifung“ war vor allem eine Vielzahl an Reisen, die er in den letzten Jahren im Zuge seiner Gigs unternahm. Wir sprachen mit ihm über Inspiration, Selbstbilder und Soundevolutionen.

Das erste Album: Wie fühlt es sich an, endlich seinen eigenen Longplayer in den Händen zu halten?

Ich muss zugeben, so ganz genau habe ich noch gar nicht darüber nachgedacht. Das Album entstand ziemlich organisch aus vielen kleinen Prozessen, die am Ende dieses für mich sehr schöne Produkt ergaben. Ich bin eher der Typ, der eine Sache abschließt und weiterlebt, ohne zu denken: „Mensch, habe ich das gut gemacht.“ Das gibt mir, zumindest aus meiner Sicht, eine sehr bodenständige Art, und das ist mir auch sehr wichtig. Ich habe sehr viel Emotion und Kraft in dieses Album gesteckt und das fertige Produkt macht einen am Ende natürlich auch stolz. Es gab auch die Überlegung, ein Künstler-Pseudonym aus „Rkadash“ zu machen, aber ich entschied mich bewusst dagegen. „Rkadash“ ist musikalisch zu 100 Prozent Rey & Kjavik im Hier und Jetzt.

Wo du es ansprichst: Soundtechnisch hebt sich dein Album teils stark von deinen bisherigen Produktionen ab.

Ich denke, der Umschwung ist gar nicht so radikal, sondern vielmehr über einen längeren Zeitraum in mir gereift. Wer mich kennt, weiß, dass ganz viel Personalität in meiner Arbeit als Künstler steckt. Je häufiger ich allein auf Reisen war, desto mehr habe ich mich auch weiterentwickelt. Das spiegelt sich im Umkehrschluss natürlich auch in meiner Musik wider. Wenn man meine Releases vom Start im April 2012 bis heute verfolgt, kann man das auch ganz gut raushören, denke ich.

Kann man also sagen, dass das Reisen dich auch zu deinem Album inspirierte? Inwiefern haben dich welche Reisen konkret beeinflusst?

Das kann man konkret an keinem Beispiel festmachen, mich prägten alle Reisen. Vor allem die, die man allein tätigt, lassen einen auf eine gewisse Art reifen, die Welt mit anderen Augen sehen, bewusster durch den Tag gleiten und weniger marschieren oder funktionieren, wie es oft im Alltag der Fall ist. Gerade das Entschleunigen ist heutzutage extrem wichtig geworden, auch wenn ich das selbst viel zu selten schaffe. Aber vielleicht waren auch gerade deshalb die Wüste in Nevada (Burning Man) oder Tankwa (Afrika Burn) Orte, die mir besondere Kraft gaben und Wege aufzeigten. Fern von Zivilisation, mobilem Netz, Terminstress oder dem Internet.

Hauptsächlich hört man auf dem Album sehr orientalisch anmutende Sounds, da spielen sicherlich deine Reisen durch die Türkei eine große Rolle. Wie hat dich die Kultur dort beeinflusst und was faszinierte dich so an ihr, dass du diese Einflüsse mit in deinen Sound nehmen wolltest?

„Baba City“ auf Katermukke war ja 2016 bereits mit orientalischen Klängen und einem eigenen Vocal von mir versehen. In dem habe ich in verschiedenen Sprachen den Slang der Kids auf der Straße aufgenommen, um auf – in meinen Augen – damalige Missstände bezüglich Ausländerfeindlichkeit aufmerksam zu machen. Das beste Beispiel liefern wir doch hier in Offenbach, in meiner so genannten „Baba City“. Prozentual haben wir den höchsten Ausländeranteil und leben alle friedlich Tür an Tür – ohne Hass, Gräuel oder Skepsis. Wir profitieren vom Miteinander. Ich habe dadurch z. B. die besten Lebensmittelmärkte aus allen Teilen der Welt direkt vor meiner Tür. Die Reisen an Orte wie Istanbul, Tiflis, San Francisco oder zum Burning Man haben meinen Sinn für dieses Gefühl, mit dem ich täglich konfrontiert bin, nur noch verfeinert.

Inwiefern hat sich auch dein Sound bei deinen Auftritten verändert?

Ich denke, diesbezüglich war eines meiner Schlüsselerlebnisse das Burning Man 2015. Dorthin bin ich mit einem Sound gereist, mit dem ich mir über lange Zeit einen hohen Bekanntheitsgrad aufgebaut hatte. Sehr druckvoll, heavy Basslines, deep und mit eigenen Vocals und Lyrics bestückt. Vor Ort stellte ich fest, dass die Tanzfläche in kurzer Zeit leer sein würde, wenn ich den Sound spielte, für den Rey & Kjavik zu dieser Zeit stand. Dieses Gefühl und solch einen Gedanken kannte ich so damals nicht, denn für mich wirkte mein Sound wie ein Universalwerkzeug auf den Dancefloor. Doch genau an diesem Ort war alles anders und so öffnete sich in den folgenden Tagen ein ganz neues Universum in meinem Schaffen und Denken. Ich merkte in der Folge, dass ich den Hörer emotional auf einer ganz anderen Ebene abholen kann, als ich das bislang tat. Der Anspruch ist heute für mich Woche für Woche auch ein anderer geworden. Jemandem eine Art von Musik näherzubringen, die er in diesem Kontext so vielleicht noch gar nicht kennt, ihn aber davon zu überzeugen, die Reise mit mir zu gehen, ist eine Magie, die für mich nur in einem solchen Kontext entstehen kann.

Du bist jemand, der seine persönliche Seite sehr ungerne nach außen trägt. Persönliches über dich ist kaum bekannt, auch deinen Namen hältst du öffentlich unter der Hand. Wieso hast du dich dazu entschieden?

Ich wollte von Beginn an die Musik für sich sprechen lassen. Musik soll Emotionen tragen, gerade in heutigen Zeiten auch verbinden und einen aus den Fängen und Gedanken des normalen Lebens für wenige Stunden entfliehen lassen. Das ist auch der Grund, weshalb es zu Beginn weder Biografie noch Pressefotos oder ähnliche Infos zu mir gab, was auch heute noch gilt und weiterhin gelten wird, wenn es um mich als Privatperson geht. Auf der Künstlerseite musste ich leider ein wenig einlenken und nach ca. zwei Jahren das erste Mal mein Gesicht veröffentlichen. Ich wurde in Paris gebucht und kurz vor Abflug wurde der Gig gecancelt. Das Event wurde aber ohne mich durchgezogen, da ja auch keiner wusste, wie ich aussehe. Das war dann folglich eine Lücke, die ich schließen musste. Aber man muss immer das Positive aus allem im Leben ziehen. Wer weiß, wofür es am Ende gut war.

Ich stelle mir das recht schwierig vor in der heutigen Zeit, in der das Internet kaum etwas vergisst und Social Media so einen großen Stellenwert haben.

Ich denke, zu Rey & Kjavik gibt es doch schon einiges, das sich über die Jahre angesammelt hat, und um den geht es hier doch auch. Auf meinem Arm trage ich in Tinte verewigt: „Jeder sieht, was du scheinst, nur wenige fühlen, wie du bist!” Das ist jetzt ein Stück Persönlichkeit mehr in der heutigen Welt der Informationsflut, aber interessiert das wirklich? Kommt deswegen jetzt einer mehr oder weniger zu meiner Musik tanzen? Ich für meinen Teil glaube das nicht.

Mit Katermukke hast du schon sehr früh in deiner Karriere ein sehr renommiertes Label für deinen Sound gewonnen. Wie kam die Zusammenarbeit zustande und war es klar, dass du auch hier dein Album releasen willst?

Das stimmt, aber Kindisch/Get Physical, Compost Records oder auch Exploited nicht zu erwähnen, würde ihnen unrecht tun. Sie haben die ersten EPs veröffentlicht und zählen für mich auch klar zu den renommierten Labels der Branche. Der Kontakt zu Velten [Dirty Doering, Anm. d. Red.] kam durch einen gemeinsamen Gig im Kater Holzig zustande. Er fragte mich, ob ich noch Tunes hätte für das Label, und seitdem bin ich quasi an Bord. Er lehnte bislang nie etwas ab, was ich ihm gesendet hatte, auch nicht das Album. Er ging den ganzen Weg mit und hatte immer Vertrauen in meine Arbeit – das ließ mir eine unglaubliche Freiheit. Dafür danke ich ihm und somit gab es auch keine Zweifel daran, das Album hier zu releasen.

Aus dem FAZEmag 065/07.2017
„Rkadash“ erschien am 7. Juli auf Katermukke.
Text: Janosch Gebauer
Fotos: Stipe Braun
www.rkjvk.com