Rival Consoles – die große Notwendigkeit der Hoffnung

Rival Consoles – die große Notwendigkeit der Hoffnung. Credit: Eva Vermandel

Der gefeierte Musiker Ryan Lee West alias Rival Consoles versorgt uns seit den späten Nullerjahren mit seinen experimentellen und konzeptionellen Klangwelten, die er kontinuierlich weiterentwickelt und in die er auch gesellschaftliche Themen wie den Einfluss von Social Media auf das menschliche Dasein, bildende Kunst oder den technologischen Fortschritt implementiert. Der rote Faden aber sind menschliche Emotionen in all ihren Facetten. Mit „Landscape From Memory“ veröffentlicht der in London lebende Musiker sein neuntes Studioalbum, das allerdings in seiner Entstehung herausfordernder war als die meisten seiner bisherigen Werke, da ein Jahr der Untätigkeit überwunden werden musste.

Das Album ist nach einem frustrierenden brachliegenden Jahr entstanden. Was hat dich letztendlich zur Musik und ins Studio zurückgebracht?

Ich glaube, ich musste mich inspiriert fühlen von etwas, das ich gemacht habe, es musste etwas sein, das mich so bewegt, dass ich es immer wieder hören möchte. Das ist eine fast jugendliche Eigenschaft, die mit der Zeit sehr leicht verloren geht. Irgendwann aber gab es einen emotionalen Moment, als ich das Intro zu „Landscape From Memory“ schuf – das sehr emotionsgeladen wirkt und ein hoffnungsvolles, erlösendes Gefühl vermittelt.

Viele der Stücke auf dem Album sind aus alten, abgelegten Skizzen entstanden. Wie war es, mit diesen Fragmenten zu arbeiten war es eher befreiend oder herausfordernd?

Es ist in gewisser Weise Teil meines Prozesses geworden, weil ich so viel Material mache, dass die Ideen mit der Zeit verloren gehen können. Ich finde das sowohl schwierig wie auch aufregend, weil es bedeutet, dass nichts jemals ein einziger Moment in der Zeit ist, alles kann in der Zukunft etwas anderes sein.

Landscape Of Memory“ – hast du auch eine visuelle Idee oder Landschaft dafür?

Ich betrachte fast meine gesamte Musik in gewisser Weise als Landschaften – und das liegt zum Teil daran, dass ich mir seit Jahrzehnten jeden Tag Musik anschaue. Ich glaube, das verändert die Wahrnehmung von Musik, und nach einer Weile fängt man an, Strukturen in seinem Kopf zu sehen. Ich habe keine spezifische Zeichnung für die ganze Platte, aber ich kann eine allgemeine Form in meinem Kopf sehen.

In dem Track Catherine, der deiner Partnerin gewidmet ist, steckt eine Menge persönlicher Emotion. Wie hat dein privates Umfeld insbesondere deine Partnerin das Album oder deine Musik im Allgemeinen beeinflusst?

Ich denke, dass meine sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit Musik meine Perspektive sehr erfrischt haben. Ich versuche, mit diesem Album neue Wege zu gehen, und vieles davon kommt von diesem Einfluss. In letzter Zeit fühle ich mich auch zu Musik hingezogen, die nicht zu meinem Geschmack gehört, weil ich finde, dass man mehr lernen kann, wenn sie nicht zu unserem Stilempfinden passt.

Tracks wie Gaivotas“ oder In Reverse mischen akustische und elektronische Elemente auf besondere Weise. Wie findest du das Gleichgewicht zwischen digitalem Sounddesign und organischen Klängen?

Ich habe oft keine Lust, sie zu mischen, aber aus irgendeinem seltsamen Grund funktionierte das hier mühelos und ohne jede intellektuelle Anstrengung. Ich glaube, das lag zum Teil daran, dass die beiden Tracks improvisiert und aufgenommen wurden, ohne dass ich mir Gedanken über das Ergebnis gemacht hatte.

Ich bin ein großer Fan von Kontrasten, und so fungiert die Gitarre in „Gaivotas“ vor allem als extremer Kontrast zu den digitalen Synthesizern, die vor ihr kommen. Ich mag diesen kruden Wechsel, weil er irgendwie schockierend und unerwartet ist.

Du arbeitest viel mit visuellen Medien: Wie beeinflusst dich das als Musiker, als Person, welche Impulse bekommst du?

Ich fühle mich sehr von der bildenden Kunst beeinflusst, ich liebe das Gefühl von Farbe und Markierungen, und ich versuche, Klänge zu kreieren, die zum Beispiel einem aggressiven Pinselstrich mit dicker Farbe ähneln. Ich möchte solche kühnen Dinge mit Sound erreichen.

Es gibt eine großartige Symbiose zwischen Film- und Musikbearbeitung, und ich stelle fest, dass ich oft von etwas Einfachem im Film gegenüber etwas Komplexem in der Musik allein beeinflusst werde. Das liegt daran, dass die Musik nicht der alleinige Fokus ist, aber wenn sie nicht der alleinige Fokus ist, kann sie oft kraftvoller als je zuvor erscheinen. Ich lasse mich in letzter Zeit immer wieder von Spielen inspirieren, zum Beispiel von Hideo Kojimas „Death Stranding“. Ich finde, dass er eine Umgebung schafft, in der sich die Musik in und aus einer Erzählung heraus entfalten kann und damit eine emotionale Reise schafft. Auch seine akribisch detaillierten Sounds für Menüs und Geräte sind äußerst fesselnd und interessant.

Wie hat sich nach fast zwei Jahrzehnten als Rival Consoles deine Beziehung zur elektronischen Musikszene entwickelt? Wo siehst du dich heute? Und wie hat sich diese Szene verändert?

Ich fühle mich kreativer als je zuvor, aber ich denke, ich habe meine Ideen definitiv langsamer umgesetzt, was vielleicht daran liegt, dass ich so viele Wege/Ansätze/Stile/Überlegungen kenne.

Ich habe das Gefühl, dass ich zu den letzten Generationen gehöre, die die letzten Momente des Non-Streaming miterlebt haben, bis es zu dem wurde, was es heute ist, und dazwischen liegt ein gewaltiger Unterschied. Ich habe das Gefühl und beobachte, dass wir in einer Zeit leben, in der jeder jedes Quäntchen Energie und Kreativität ausschöpft, um die potenzielle Energie der Plattformen sowohl der sozialen Medien als auch des Streamings zu nutzen. Auch mit dem immer größer werdenden Thema der KI in der Kunst stelle ich fest, dass ich sowohl abgelenkt als auch auf meine eigenen Ideen und meine Arbeit fokussiert bin, trotz des Chaos, in dem wir leben.

Du warst damals auch der erste Künstler auf dem neuen Label Erased Tapes. Kannst du beschreiben, was dieses Label für dich bedeutet?

Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich Teil einer Reise bin, die von einer Website und ein paar Songs zu den Millionen Dingen führte, die seitdem passiert sind. Es ist eines dieser seltsamen Dinge, viele Leute versuchen aus logischen Gründen, sich einem Label anzuschließen, das bereits etabliert ist, aber aus welchem Grund auch immer habe ich mich für Erased Tapes entschieden, als es begann, und so sind wir über fast zwei Jahrzehnte zusammengewachsen.

Wenn du dein Album mit einem einzigen Gefühl beschreiben müsstest, welches wäre das und warum?

Hoffnungsvoll – ich glaube, ich habe mich schon immer mit Emotionen wie Melancholie beschäftigt, aber immer mit einem gewissen Gefühl der Hoffnung, das meiner Meinung nach emotional stärker aufgeladen ist als die totale Melancholie. Diese Platte scheint durchweg hoffnungsvoller zu sein, was angesichts der beunruhigenden Natur der Welt derzeit etwas unerwartet ist, aber vielleicht gibt es auch die größere Notwendigkeit dafür.

Hier könnt ihr das Album „Landscape from Memory” bestellen und mehrere der Tracks reinhören:

Tracklist „Landscape from Memory”:
1. In Reverse
2. Catherine
3. Drum Song
4. Soft Gradient Beckons 02:56
5. Gaivotas 04:36
6.Coda 03:36
7. Known Shape 05:10
8. Nocturne
9. Jupiter 04:05
10. In a Trance
11. If Not Now 03:02
12. 2 Forms
13. Tape Loop
14. Landscape from Memory

Das Album „Landscape from Memory” von Rival Consoles ist am 4. Juli 2025 erschienen.

Text: Tassilo Dicke
Credit: Eva Vermandel
www.rivalconsoles.net
Aus dem FAZEmag 161/07.2025