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Es ist derzeit sehr interessant, zu beobachten, wie sich zwei japanische Hersteller, die sich um die Dance-Kultur besonders verdient gemacht haben, von unterschiedlichen Startpositionen aus auf einen gemeinsamen Punkt zubewegen. Da ist zum einen Pioneer als klassischer DJ-Ausrüster, der mit der Toraiz-Reihe neuerdings auch im Gewässer der reinen Klangerzeuger fischt. Von der anderen Seite bewegt sich Instrumentenhersteller Roland auf den Punkt des erweiterten DJ-Setups zu. Dass Roland nach dem MC-Reigen der Neunziger- und Nullerjahre das Dance-Genre noch einmal derart konzentriert ins Visier nehmen würde, hätte vor Einführung der AIRA-Reihe 2014 kaum jemand für möglich gehalten. Dass sie jetzt sogar einen eigenen Controller vorstellen und sich so in direkte Konkurrenz zu Pioneer stellen, noch viel weniger.

Jetzt aber ist es allerdings geschehen: Mit dem DJ-808 hat Roland tatsächlich seinen ersten DJ-Controller herausgebracht. Damit rücken die Japaner von der DJ-Peripherie ins Zentrum des Mixing-Geschehens. Das generelle Bestreben, ein DJ-Setup durch Klangwerkzeuge kreativ zu erweitern, ist nicht neu und wurde unter anderem durch Künstler wie Chris Liebing oder Geräte wie den Redsounds-Cyloops-Sampler schon vor 15 Jahren forciert. Neu ist, dass die DJ- und Klangwerkzeuge aus einer Herstellerhand kommen und so ein absolut taktsynchrones Live-Remixen von Decks und Instrumenten ermöglichen.

Das magische Triple
Dass ein Zahlentriplett speziell mit den Ziffern 8 und 0 vielleicht nicht unbedingt originell ist, aber marketingtechnisch immer noch zieht – geschenkt. Interessant wirkte bei der Erstankündigung seitens Roland im letzten September hingegen, dass im DJ-808-Controller tatsächlich eine vollständige Drummachine mit Step-Sequenzer integriert sein wird. So etwas hat in vollem Umfang noch kein anderer DJ-Tool-Hersteller umgesetzt.

Nun steht sie also vor uns, eine gigantische Schlachtplatte in den Dimensionen 66 x 41, prädestiniert für die Kontrolle von Serato DJ. Ohne Fehl und Tadel zusammengesetzt aus einer mattschwarz lackierten Aluminium-Oberfläche und einem hochstabilen Kunststoffchassis, bringt es der DJ-808 auf ein Gewicht von sieben Kilogramm. Seitliche Handmulden helfen, den Giganten zu versetzen, für längere Transporte bieten bereits zahllose Hersteller Transporttaschen und Hardcases an. Sicherlich hat es Roland in Hinblick auf die Armfreiheit und Live-Spielbarkeit gut mit dem DJ gemeint. Dennoch wirkt das Gerät irgendwie überdimensioniert. So wie Ami-Schlitten im Vergleich zu europäischen Autos. Geringere Abstände, kleinere Bedienelemente und eine damit verbundene Schrumpfung der Grundfläche hätten dem DJ-808 eventuell gutgetan, ohne die hervorragende Ergonomie einzuschränken. Was die Kritik abmildert, ist, dass das Gerät hinsichtlich Look & Feel seitens Roland wohl eindeutig als AIRA-Vertreter erkennbar werden sollte. Von den fetten Bedienelementen über das grundsätzliche Design bis zur weihnachtsbaumbunten Farbgebung war das Feld also schon im Vorfeld abgesteckt.

Kampfstern DJ-808
Dass der DJ-808 sich den Nickname Kampfstern redlich verdient hat, zeigt unter anderem die Anschlusssektion. Vorhanden sind professionelle XLR- und Cinch-Master-Outs sowie ein Stereo-Booth-Ausgang als Klinke-Slot. Um den Vierkanalmixer des Controllers auch mit externen Klängen speisen zu können, sind zwei Line- sowie umschaltbare Phono/Line-Eingänge vorhanden. Hinzu kommt natürlich ein USB-Port für die Anbindung eines Computers. Sinnvolle Alleinstellungsmerkmale sind zwei weitere USB-Anschlüsse, um beispielsweise eine TB-3 aus eigenem Hause triggern zu können. Die Stromversorgung der angeschlossenen AIRA-Boxen übernehmen die USB-Ports gleich mit. Aber aufgepasst: Die USB-Ports sind tatsächlich nur zum Ansteuern kompatibler AIRA-Geräte vorgesehen. Mobile Endgeräte beispielsweise lassen sich darüber nicht integrieren. Ein weiteres Anschlussschmankerl ist ein fünfpoliger MIDI-Ausgang, worüber sich auch klassisches MIDI-Equipment anstöpseln lässt. Leider gibt das Gerät nur die Clock-Taktung aus. Somit kann externes Equipment zwar synchronisiert, jedoch nicht mit MIDI-Befehlen gesteuert werden. Auf der Gerätestirn sind schließlich obligatorische DJ-Features wie die Kopfhörersektion mit jeweils ¼ Zoll sowie Miniklinkenanschluss, ein Headphone-Lautstärkeregler sowie ein Cuemix-Regler inklusive Split/Cue-Schalter untergebracht.

Trommelkontrolle
Aus Platzgründen gehen wir nicht näher auf all das ein, was der DJ-808 ebenso gut vollführt wie jeder andere Controller der oberen Preiskategorie: das herkömmliche Mixen von bis zu vier Serato-Decks. Für geschmeidiges Arbeiten sorgen unter anderem die 100-mm-Pitchfader sowie 130-mm-Jogwheels mit der laut Roland niedrigsten Latenz am Markt. Jedes Jogwheel verfügt im Auge über eine digitale Nadelpositionsanzeige und kann bis zu zwei Serato-Decks steuern. Bei einem Deckwechsel springt fast schon controllerklassisch die LED-Farbe als optisches Hilfsmittel um. Ebenfalls zum guten Ton im professionellen Controller-Segment gehören die 2-x-4-Performance-Pads unterhalb der Jogs. Sie lassen sich, je nach eingestelltem Modus, mit Cue-Punkten, Sample-Shots oder Slices belegen, für Rolls nutzen und vieles mehr. Alles irgendwie bekannt. Moment – doch nicht alles. Denn die Pads können ebenfalls die integrierten Drum-Sounds steuern.

Und damit wären wir beim Highlight des DJ-808: Die integrierte Drummachine TR-S. Auf Basis der „Analog Circuit Behavior“-Technologie (ACB) bietet sie eine gute Auswahl an jenen Sounds, die Roland unsterblich machten: Kicks, Snares, Open/Closed HiHats und Claps der analogen Veteranen TR-808, TR-909, TR-707 und TR-606, abgelegt in vier Instrumentengruppen. Der gewünschte Klang lässt sich über den zugeordneten Value-Regler anwählen. Über weitere Potis können Volume, Attack, Decay sowie der Pitch abgestimmt werden. Ebenso lassen sich hübsche Shuffles generieren und Accents vergeben. Wer es freier mag, programmiert seine Pattern – wie erwähnt – einfach über die acht Performance-Pads ein. Dem internen Trommeltreiben sind zumindest speicherseitig Grenzen gesetzt. Nur 16 Pattern à 16 Steps kann der DJ-808 insgesamt festhalten. Dem steht jedoch der Umstand, dass die Pattern durch Betätigen des Sync-Buttons stets parallel zum musikalischen Grundtakt laufen, übermächtig positiv gegenüber. Wer möchte, kann den TR-S sogar auf den achtkanaligen Serato-Sampler anwenden. 

Der Voice-Transformer VT
Ergänzend zum TR-S besitzt der DJ-808 noch ein weiteres, diesmal vom AIRA VT-3 übernommenes Spezialfeature: den Voice-Transformer. Er lässt sich zur Echtzeitverfremdung live eingesungener Stimmen nutzen. Grundvoraussetzung ist natürlich das Vorhandensein eines Mikrofonanschlusses. Diesen bringt der Controller in kombinierter XLR/Klinkeausführung auf der Rückseite mit, ihm zugeordnet ist ein Gainregler. Innerhalb der VT-Sektion befinden sich schließlich noch ein Lautstärkepoti sowie jeweils ein Regler für den EQ, die Tonhöhe und den Formanten. Aus diesen Ingredienzen lässt sich ein ziemlich wild verzerrter Stimmensalat anrühren. Praktisch: Eine Ducking-Funktion passt die Lautstärke der Stimme automatisch an. Noch besser: Ein sogenanntes Autopitch bringt die eigene Stimme auf die Tonlage des zugespielten Tracks. Alles wirklich „nice to have“ – aber ob der Voice-Transformer denn wirklich so oft genutzt wird, dass man ihn fest in einem DJ-Controller verankern musste? Schweigen …

Fazit
Ob es grundsätzlich wirklich noch einen DJ-Controller mehr auf dem Markt brauchte, kann nur der User entscheiden. Jede neue Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Dem DJ-808 muss man eine absolut Roland-gewohnt professionelle Herangehensweise und Umsetzung bescheinigen. Mit der Möglichkeit, zwei AIRA-Instrumente über USB-Ports einzubinden und dem Serato-Spielgeschehen exakt eingetaktete Drumparts hinzuzufügen, bringt der Riese sogar konkurrenzlose Zusatzfunktionen mit. Nun muss sich zeigen, wie viele Anwender die geforderten 1705 EUR UVP (circa 1500 EUR Straße) zu bezahlen bereit sind. Wo doch Profi-DJs so eine verdammt konservative Spezies sind.

Aus dem FAZEmag 064/06.2017
www.roland.com

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