Credit: Fabrice Bourgelle


Nach„Family Portrait“ aus 2018 lieferte Felix Clary Weatherall – so sein bürgerlicher Name – am 22. Oktober über Flying Lotus‘ Brainfeeder mit „Tread“ nun den mit Spannung erwarteten Nachfolger ab. Das Werk ist dabei zeitgleich gewohnt komplex, gefühlsbetont glatt und melodisch, aber auch hervorragend tanzbar, nostalgisch und brillant modern.

Die Lobeshymnen vor rund drei Jahren waren in der Tat enorm. Von nationaler bis hin zu internationaler Presse wurde das Debütalbum in nahezu allen erdenklichen relevanten Blättern und Portalen mit Lob überhäuft. Die Chancen, dass die Pressestimmen in diesem Jahr ähnlich ausfallen, stehen äußerst gut. Alleine schon die Herangehensweise Weatheralls beeindruckt – frustriert von den Arbeitsabläufen im kreativen Prozess, beschloss er, seine eigene Software zu schreiben und zu entwickeln. Das daraus resultierende Plug-in namens „Thresho“, das über Abletons Max-For-Live-Plattform erhältlich ist, startet die Aufnahme, sobald das Audiomaterial einen benutzerdefinierten Schwellenwert erreicht, und stoppt sie, sobald dieser unterschritten wird, wobei die resultierenden Clips automatisch mit Zeitstempeln gespeichert und indiziert werden: „Ich war schon seit einiger Zeit frustriert von meinem Arbeitsablauf, weil ich mich nie dazu durchringen konnte, alles, was ich spielte, mit Outboard-Equipment aufzunehmen. Das führte nur zu langen Sessions, in denen ich mit Hardware spielte und nie etwas vorweisen konnte. Ich habe lange nach einer automatischen Aufnahmefunktion gesucht, aber ich konnte nichts finden, also habe ich beschlossen, sie selbst zu bauen. Ich habe auch eine Funktion hinzugefügt, mit der die Aufnahmen zu einem Teil von Ableton hinzugefügt werden, sodass man von jedem Projekt aus darauf zugreifen kann. Manchmal entstand ein ganzes Stück aus einer Idee innerhalb einer Aufnahme, manchmal habe ich einfach eine zufällige Aufnahme in ein bestehendes Projekt eingefügt und geschaut, was passiert.“

Indem er „Thresho“ im Hintergrund laufen ließ, konnte Weatherall beim Jammen mit seinen Instrumenten ganz im Moment bleiben und sich ganz auf die Ideen einlassen, die ihm gerade einfielen. Eine seiner Hauptintention dabei war, etwas anderes als beim vorherigen Werk zu machen: „Ich habe einen Sound, den ich bei einem früheren Projekt gemacht habe, so satt, dass ich immer etwas machen will, das ganz anders klingt. Ich bin an die Produktion dieses Albums nicht mit einem Konzept im Kopf herangegangen, ich habe einfach Musik gemacht, die ich machen wollte. Aber als es sich zusammenfügte, wurde mir klar, dass ich all diese Tracks aus einem bestimmten Blickwinkel heraus gemacht habe. Ich habe etwa ein Jahr an der Platte gearbeitet. Sechs Monate davon waren reine Experimentierphase, in der ich einen riesigen Fundus an Sounds aufgebaut habe, und in der zweiten Hälfte habe ich dann tatsächlich Musik geschrieben.“

Zur gleichen Zeit, als er „Tread“ schrieb, gab es auch große Veränderungen in der Welt außerhalb der Musik. Er fand sich in einem kleinen Abschnitt der Old Kent Road in London wieder – ein Areal zwischen seinem Studio und seinem Haus, das er jeden Tag durchquerte – wo er entdeckte, dass es sich dabei um dasselbe Viertel handelte, in dem seine Oma viele Jahre zuvor in einem Süßwarenladen gearbeitet hatte und in dem sein Vater in seiner Glanzzeit verschiedene Partys besucht und Häuser besetzt hatte: „Ich schwelgte in Erinnerungen an die schöne Zeit, die ich in dieser Gegend verbracht hatte und hörte anschließend eine Menge Musik, die ich zu dieser Zeit liebte. Ich wollte eine Platte machen, die eine Hommage an diese Zeit und diese Musik ist. Ich denke, meine Arbeit war schon immer von Nostalgie geprägt, aber dieses Mal geht es um eine andere Ära.“

Nach zahlreichen ausverkauften Konzerten in UK, Europa, Australien und Nordamerika wird die Ross-From-Friends-Drei-Mann-Liveshow – bestehend aus Weatherall, Jed Hampson und John Dunk – mit ihrer Mischung aus Livemusik (Gitarre, Tasten und Saxophon) und Elektronik in 2022 auf große Headline-Tournee gehen: „Wir haben die Liveshow in ihrer jetzigen Form komplett überarbeitet. Wir haben viel mehr Hardware eingeführt und verlassen uns viel weniger auf den Laptop. Wir haben auch viel mehr Raum für Improvisationen geschaffen. In den bisherigen Liveshows war das immer ein sehr interessanter Teil der Show, also wollten wir das viel mehr ausbauen.“ Darüber hinaus erwartet Weatherall gerade mit seiner Partnerin das erste Kind: „Die Vorfreude ist riesig! Ich werde auf jeden Fall versuchen, so viel Zeit wie möglich mit dem Kleinen zu verbringen!“

 

Aus dem FAZEmag 117/11.21
Text: Triple P
Credit: Fabrice Bourgelle
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