Russische Kriegsmusik als Hardtechno-Edit – Bootshaus setzt DJ auf „schwarze Liste“

Russische Kriegsmusik als Hardtechno-Edit – Bootshaus setzt DJ auf „schwarze Liste“

Vor wenigen Tagen spielte Techno-DJ und Produzentin Zanova einen Techno-Edit des Songs „Katjusha“ – einen umstrittenen Song, der Gästen vor Ort negativ auffiel.

Katjusha“ ist ursprünglich ein sowjetisches Liebeslied von 1938, in dem eine junge Frau am Flussufer ihrem an der Front dienenden Geliebten Treue schwört. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Song zu einem zentralen emotionalen Bezugspunkt für Rotarmisten, ähnlich wie „Lili Marleen“ für deutsche Soldaten.

Sein Name ging auf den gefürchteten sowjetischen Raketenwerfer über, der im Deutschen als „Stalinorgel“ bekannt wurde. Dadurch verschob sich die Wahrnehmung vom einfachen Liebeslied hin zu einem Stück, das untrennbar mit sowjetischer Kriegsführung, Patriotismus und der Symbolik der Roten Armee verbunden ist.

In der DDR war „Katjusha“ fester Bestandteil des antifaschistischen Repertoires und Ausdruck sozialistischer Völkerfreundschaft mit der Sowjetunion, was den Song zusätzlich politisch auflud.

Was hat das Ganze nun mit dem Bootshaus zu tun? Zanova spielte dort vor kurzem einen Techno-Edit des Songs. Eine Raverin schrieb anschließend den Club an, sie sei mit einer Freundin vor Ort gewesen, deren Mann in der Ukraine von russischen Soldaten getötet wurde.

„Sie wollte einfach nur tanzen und Spaß haben“, schreibt die Frau weiter. „Als sie dann aber russische Musik und ein Lied aus dem zweiten Weltkrieg hörte, rastete sie völlig aus. Das ist absolut inakzeptabel.“

Im Kontext des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine bekommt „Katjusha“ tatsächlich eine neue brisante Dimension, weil es heute häufig als russisch‑sowjetisches Patriotikum gelesen wird.

So löste etwa die Performance einer chinesischen Opernsängerin, die „Katyusha“ im zerstörten Theater von Mariupol sang – an einem Ort, an dem bei einem russischen Angriff hunderte Zivilisten starben, heftige diplomatische Kritik der Ukraine aus und wurde dort als Beispiel „vollständiger moralischer Degradierung“ gewertet.

Das Spielen des Songs kann deshalb durchaus als Verharmlosung oder indirekte Normalisierung russischer Kriegsnarrative empfunden werden, gerade von Menschen mit ukrainischem Hintergrund oder solchen, die die aktuelle Symbolik des Liedes als pro‑russisch oder militaristisch deuten.

Der weltweit beliebte Club kontaktierte die Techno-Produzentin nach dem Vorfall per Instagram-Chat.

Dort machte das Bootshaus die Musikerin auf den Vorfall aufmerksam, wie auf ähnliche „deutsche“ Fälle wie „L’Amour Toujours“ von Gigi D’Agostino hin und betonte eigene Werte wie Eskapismus und Neutralität. Zudem würden viele Ukrainer im Land leben.

Man habe Zanova kontaktiert, um sie „sensibilisieren“ zu wollen. „Ihre Reaktion ist allerdings, sich darüber lustig zu machen“, heißt es aus Bootshaus-Kreisen. Vielmehr sei sie uneinsichtig gewesen und habe die Angelegenheit sogar in Instagram-Storys geteilt.

In den mittlerweile gelöschten Storys wird deutlich, dass Zanova sich tatsächlich deutlich wehrt. „Katjusha“ sei kein politisches Statement. „Es ist ein historischer Song, der in Deutschland und überall in Europa bis heute bekannt ist. Einschließlich der Menschen, die Vintage, Kriegsfolklore oder klassische Songs der Sovjet-Ära wertschätzen.“

„Ich bin nicht dazu verpflichtet, meine künstlerischen Entscheidungen aufgrund der Anwesenheit bestimmter Nationalitäten im Publikum anzupassen.“ Künstler hätten das Recht „kulturell relevante Musik“ zu spielen, ohne, dass sie als Provokation interpretiert würde.

Sie respektiere, dass das Bootshaus einen Safe Space anstrebe. Aber „Sicherheit kann nicht das Zensieren von Kultur oder das Vorabfiltern von Kunst bedeuten, nur um hypothetische Empfindlichkeiten vorwegzunehmen.“ Einsicht oder Mitgefühl klingt anders.

„Wenn ein Musikstück, das mit dem Kampf gegen den Faschismus in Verbindung gebracht wird, heute als ‚unsicheres‘ Element wahrgenommen wird, war mir ehrlich gesagt nicht bewusst, dass sich einige Gäste mit der falschen Seite dieser Geschichte identifizieren würden“, führt sie fort und verschiebt damit die Opferrolle hin zu der betroffenen Raverin.

Doch das war nicht alles. Die aufgebrachte Musikerin ging noch weiter und machte die Sache in ihren Instagram-Storys öffentlich. Dort greift sie das Bootshaus direkt an. „Wenn das Bootshaus in der Position ist, Künstlern ‚Empfehlungen‘ zu geben, empfehle ich ihnen zu überprüfen, wer bei ihnen die Kommunikation übernimmt.“

Anschließend teilte sie Instagram-Storys von ihrem Gig und schrieb dazu „Sieht nicht so aus, als ob es hier jemand betroffen hätte.“ Der Club habe ihren Booker nach eigener Aussage trotzdem kontaktiert und sie „geblacklistet“.

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