sawlin
Man kann es drehen und wenden, doch ein Debütalbum ist immer etwas Besonderes. Ein Medium, das es dem Künstler ermöglicht, sein wahres Gesicht zu zeigen. Eine Geschichte über mehr als nur zwei oder drei Tracks zu erzählen, die sich dem Hörer ins Gehirn brennt und ihn nicht mehr so schnell loslässt. Natürlich gelingt das dem Künstler nicht immer, doch wenn, dann wird er noch lange davon zehren. Wir haben uns anlässlich seines Debütalbums mit dem Berliner Sawlin unterhalten – über seinen ganz persönlichen „Ursprung“.


Es gibt so viele Möglichkeiten, seine Zeit zu verbringen und Geld zu verdienen. Wieso hast du dich fürs Musikmachen entschieden?

Dass ich mal Musik machen würde, stand schon früh fest. Eigentlich seit ich denken kann. In irgendeiner Form habe ich immer mit Klang experimentiert. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie ich die Platten meiner Mutter absichtlich zerkratzt habe, um einen Rhythmus mit der springenden Nadel zu erzeugen. Aber nicht Mutti verraten, sonst bekomme ich noch Fernsehverbot! (lacht). Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an den Klang, den man erhält, wenn man das Radio mit dem Tuningregler ganz auf eine Seite bewegt hat? Dann gibt es immer diese orientalisch klingende Zufallsmelodie. Ich habe auch sämtlichen Unsinn mit Lautsprechern angestellt. Also alles in allem viel experimentiert und versucht, Klänge zu erzeugen. Allerdings musste bei mir alles rhythmisch sein. Ich erinnere mich auch daran, dass ich häufig auf Platten meiner Mutter nach Beats und Percussionsolos gesucht und sie in meiner Fantasie ständig wiederholt habe. Aber das war ja keine Lösung. Letztendlich war das aber meine persönliche Entstehung von Techno. Das prägendste Beatsolo war übrigens „Lady Bump“ von Penny McLean. Wäre elektronische Musik nie erfunden worden, würde ich sicher Schlagzeug oder Percussions spielen.

Und warum hältst du gerade an elektronischer Musik fest?

Was mich an elektronischer Musik fasziniert, das sind die vielfältigen Rhythmen und die ständig neuen Klänge. Die ganzen Möglichkeiten, die sich einem bieten. Und der Fakt, alles alleine realisieren zu können, hat einfach meine Kreativität stimuliert. In meinen Augen ist es außerdem die politisch neutralste Musik. Es war die erste Musik, die nicht ausschließlich weiß wie Rock oder schwarz wie HipHop, schwul oder hetero war. Wenn du einen eigenen und guten Sound hattest, dann hat dich die Community aufgenommen. So musstest du dich nicht mit so einem Zeug beschäftigen und hattest Zeit, dich ums Wesentliche zu kümmern.

Dich inspirieren hauptsächlich die 90er-Jahre. Was macht dieses Jahrzehnt so besonders für dich?

Ich war zur ersten Blütezeit des Technos in der Pubertät, und da ist Musik ein wichtiger Teil der Identität. Beim ersten Verliebtsein und dem ersten Kuss lief im Hintergrund immer Techno. Damit ist die Musik mit meinen Gefühlen verbunden. Techno lief zu der Zeit einfach überall und wenn du in diesem Alter bist, dann strebst du nach Freiheit und Individualität. Für mich symbolisierte Techno all das. Die Aufbruchstimmung des Ostens und meine innere Aufbruchstimmung schlugen im selben Takt … um hier auch mal etwas Philosophisches einzustreuen. Das permanente Tragen von „Rave Satellite“-Sets auf meinem Walkmen hat mich ganz Berlin im Technokontext sehen lassen. Und das zu einer Zeit, als Berlin noch recht grau war. Alles schien dann nicht mehr so deprimierend, und ich hatte viele Tagträume und Fantasien, die sich ums Musikmachen drehten. Somit ist Techno für das Glücksgefühl und die Motivation dieser Zeit verantwortlich. Das erkenne ich auch daran, dass immer wenn ich Techno aus der Zeit höre, ich das gleiche Glück und die Motivation spüre.

In wenigen Wochen erscheint nun dein erstes Album „Ursprung“. Welche Gedanken hast du dir vorher dazu
gemacht?

Ich habe im letzten Jahr viel über meine Entwicklung nachgedacht. Woher ich komme, ob sich alles so entwickelt hat, wie ich mir das vorgestellt habe, und wie ich weiter machen will. Nicht zuletzt auch, weil meine Partnerin schwanger war. Als ich so darüber nachgedachte, hatte ich einen bestimmten Klang im Kopf – und der hatte Einfluss auf das, was ich in diesem Jahr gemacht habe. Das war mir aber erst gegen Ende klar. Es war auch das erste Mal, dass ich ein markantes Sample verwendet habe, das ich mit dieser Zeit verbinde. Sonst habe ich eher versucht, meine Vorstellung von Klang und Komposition von heute zu definieren.

Womit hast du „Ursprung“ produziert, und worauf legst du bei deinen Produktionen besonderen Wert?

Ich lege viel Wert auf Wärme und Originalität. Mein klangliches Ideal ist dabei der britische „70er-Jahre-Sound“. Dabei will ich aber auch den Spaß und die Vorteile der aktuellen Produktionstechnik nutzen. Bei „Ursprung“ habe ich oft mein iPad eingesetzt. Sachen aufzunehmen und direkt zu verarbeiten, macht einfach wahnsinnig Spaß. Das Sampling bekommt so eine neue Dimension für mich. Es ist sehr intuitiv und kreativ. Wenn ich anschließend alles durch meine analogen Geräte schicke, ist auch kein Unterschied zu rein analogen Produktionen zu hören. Gefährlich wird es nur da, wo ich Druck erzeugen muss. Ich setze das iPad aber eher für Atmos, Effekte und Percussion-Loops ein. Ansonsten habe ich bei „Ursprung“ viel mit meinem immer größer werdenden Modularsystem experimentiert. Jedes neue Modul bietet mir Hunderte neue Möglichkeiten, und ich kaufe mir erst eine neues, bis ich zumindest das Potential meiner aktuellen verstanden habe. So mache ich das auch mit meinen anderen Synthies. Seit Jahren nutze ich dieselben Geräte und bin der Auffassung, dass ich denen auch in 20 Jahren noch neue Sounds entlocken kann. Deshalb erstaunt es mich, wenn Kollegen ihr Synthies aus dem Grund verkaufen, dass sie ihnen nichts mehr geben. Dabei haben sie noch keinen einzigen Parameter verändert. Oft reicht es aus, einen einzelnen Wert zu verändern, um einen individuellen Sound zu bekommen. Außerdem lege ich Wert darauf, dass die Persönlichkeit eines jeden Künstlers rauszuhören ist. Man müsste mal so einen Blindtest machen und versuchen bekannte Produzenten rauszuhören. Meiner Erfahrung nach lässt sich nur ein Bruchteil der aktuellen Künstler klar identifizieren.

Wieso hast du dich für ARTS als Plattform für dein Debütalbum entschieden und nicht für Vault Series?

Es gab mehrere Gründe dafür. Zum einen hat Vault Series ein straightes Konzept. Es hätte Jahre gedauert, passendes Material zu finden. Zum anderen agiert Vault Series auf etwas kleinerem Fuß. Aber alle sind glücklich damit. Mit ARTS bzw. Emmanuel habe ich über Albumkonzepte im Allgemeinen gesprochen als er in Berlin war. Er interessierte sich für meine Sicht der Dinge, und so kam eins zum anderen. Einen Monat später war alles auf den Weg gebracht.

Du trittst ausschließlich als Liveact auf?

Auf der Bühne muss ich immer etwas zu tun haben. Das ist wohl meinem alten ADHS-Leiden geschuldet. Ich habe wie viele natürlich versucht erst mal aufzulegen. Ich habe zu meinem 16. Geburtstag ein DJ-Set bekommen. Meine Mutter muss gespürt haben, wie wichtig mir das war, denn eigentlich konnte sie sich das gar nicht leisten. Dann nutzten sich die Platten jedoch schnell ab. Oder Platten, die ich zusammen spielen wollte, passten irgendwie nicht. Außerdem ging es zu sehr ins Geld. Mit dem Computer änderte sich alles. Ich schleppte meinen riesigen Tower zu Auftritten mit, denn die Entwicklung des Klangs permanent zu beeinflussen, während die anderen dazu tanzten war einfach super. Das war alles nicht so durchgeplant. Mit dem Arrangieren hatte ich große Schwierigkeiten, doch dann kam Ableton Live und ich habe meine 1210er gegen einen Laptop eingetauscht. Ich spiele aber länger, als ich veröffentliche. Da gibt es noch Fotos von meinem ersten Gig im Jahr 2002. Auf einem Foto ist auch Galluzzí zu sehen. Dass er zugehört hat, habe ich aber erst nach dem Gig bemerkt.

Du wünschst dir von Hörern, dass sie darauf achten, was „zwischen den Basslines“ passiert. Wie meinst du das?

Niemandem wird vorgeschrieben, wie er meine Musik zu hören hat. Allerdings investiere ich viel Zeit und Energie in all das, was nicht mit dem reinen Beat zu tun hat. Den mache ich nach 15 Jahren ohne große Mühe, da muss ich zumindest nicht viel designen. Mein Workflow lässt mich schnell zum gewünschten Ergebnis kommen. In stundenlangen Sessions arbeite ich dann jedoch an meinen organischen und komplexen Klanglandschaften. Die erzählen oft eine interessante Geschichte, doch das fällt vielen erst auf, nachdem ich sie darauf hinweise. Mit der neuen Aufmerksamkeit, die ich gerade genieße, könnte sich das vielleicht ändern. Mein Ziel ist vorerst erreicht, wenn der Hörer meine Musik oberflächlich interessant findet. Da mein eigener Anspruch an Innovation sehr hoch ist, fällt mir das nicht gerade leicht, aber ich bleibe stur und hoffe.

Wird es zu „Ursprung“ auch eine Tour geben?

Bestimmt! Meine Bookingagentur arbeitet auf Hochtouren. Ich kann aber noch nichts Endgültiges sagen. Die Tour ist noch nicht komplett, und es gibt noch ein paar Dinge zu klären und zu verhandeln. Am Ende kommt es ja dann doch immer anders. Ich weiß nur, dass ich zu Silvester im Amsterdamer Warehouse und im Januar im Baby Club in Marseille sein werde. Die ganze Tour findet ihr dann auf meiner Webseite und Facebook-Page. / Gutkind

Aus dem FAZEmag 045/11.2015