
Blickt man auf die über 25-jährige Karriere von Schiller, so sind viele interessante Wendungen, neue Ideen, fortwährende Bewegung und große Kollaborationen zu sehen. Ein Künstler, für den Stillstand ein Fremdwort ist und der regelmäßig versucht, etablierte Pfade zu verlassen, um neue Eindrücke aufzusaugen und zu verarbeiten. Mit dem Debütalbum „Zeitgeist“ und dem ikonischen Track „Das Glockenspiel“ fing alles an. Mittlerweile hat Christopher von Deylen, so Schillers bürgerlicher Name, 14 Alben veröffentlicht — neun davon landeten auf Platz 1 der Album-Charts. Der gebürtige Hamburger hat mit Orchestern, mit Klassikstars wie Lang Lang oder Anna Netrebko sowie mit Popstars wie Peter Heppner, Mike Oldfield, Nena oder Unheilig zusammengearbeitet. Vor knapp zwei Jahren hat er angefangen, als DJ aufzulegen, mit speziellen Hybrid-Sets, die auch einige Live-Geräte umfassen.
Nun steht ein neues Album an, mit dem Titel „Euphoria“ — und es markiert wieder einen besonderen Punkt in Schillers Karriere, unterscheidet es sich doch in wichtigen Aspekten von seinen Vorgängern. Wir haben Christopher von Deylen abends vor einem Gig bei der Partyreihe „Wonderful Days“ im Kölner Bootshaus getroffen und nicht nur über sein neues Album gesprochen, sondern auch über seine neue Romanze mit dem Auflegen und die wiederentdeckte Liebe zur Clubmusik.
Christopher, du wirst später heute Abend auf der Party „Wonderful Days“ im Bootshaus spielen. Wie stehst du zu dem Club?
Es ist für mich ein großes Vergnügen, im Bootshaus aufzulegen. Es handelt sich um einen jener Clubs, bei denen man sich ernsthaft fragt, warum es davon nicht mehr gibt — insbesondere mit Blick darauf, wie konsequent und professionell das Team seine Arbeit versteht. Das Bootshaus ist kein abgehobener Club: Man stellt den Artists verlässliches, hochwertiges Equipment zur Verfügung und konzentriert sich auf die wirklich relevanten Aspekte. Selbstverständlich kommen auch Showelemente wie ein Flammenwerfer zum Einsatz, doch sie sind sinnvoll eingebettet und wirken nie beliebig. Entscheidend ist zudem, dass der Club über eine leistungsfähige, gut abgestimmte PA verfügt — schließlich ist sie die zentrale Schnittstelle zwischen Musik und Publikum, und damit von elementarer Bedeutung. Das weiß ich sehr zu schätzen.
Das sogenannte Clubsterben ist zweifellos Realität, bedingt durch steigende Mieten, verändertes Ausgehverhalten und dadurch rückläufige Besucherzahlen. Dass das Bootshaus jedoch jemals aufgrund von Publikumsmangel schließen müsste, halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Die Betreiber nehmen ihr Publikum ernst — eine Haltung, die man andernorts mitunter vermisst. Einfach mittelprächtige Lautsprecher aufzustellen, die Türen zu öffnen und Tickets zu verkaufen, reicht eben nicht mehr. Was früher vielleicht noch irgendwie funktionierte, reicht heute längst nicht mehr aus.
Was hat sich denn deiner Meinung nach verändert?
Vor allem die Hörgewohnheiten haben sich im Laufe der Zeit deutlich verändert. Wenn ich heute als Gast in einen Club gehe, ist das für mich für einige Stunden eine Art Kokon, in den ich vollständig eintauchen möchte. Das empfinde ich als etwas sehr Schönes. Wer damit nichts anfangen kann, geht in der Regel gar nicht erst hin, sondern verbringt seine Zeit zu Hause — was meist etwas weniger spannend ist (lacht).
Übrig bleiben jene, die neugierig sind: Die einen fühlen sich stärker zu Techno hingezogen, die anderen eher zu Trance. Umso schöner und auf gewisse Weise auch beruhigend finde ich es, dass es nach wie vor genügend Menschen gibt, die bereit sind, loszulassen und sich auf dieses Eintauchen einzulassen. Nicht zuletzt aus diesem Grund trägt mein neues Album diesen Titel: „Euphoria“.
Kannst du uns das näher erläutern?
Letztlich geht es mir um das Wiederfinden des Zwanglosen, um jene Form von Euphorie, die nicht verordnet wird, sondern entsteht. Wenn man heute etwa ein großes Festival besucht, ist Musik leider beinahe zur Nebensache geworden; im Vordergrund steht die Prominenz der DJs, Timecode-basierte Effekte und ein minutiös geplantes Entertainment. Dabei soll keineswegs verklärt werden, was früher war — ein Sven Väth hat beim Auflegen schließlich auch nicht scheu zu Boden geblickt. Natürlich waren das Persönlichkeiten, Typen, Entertainer. Doch es hatte eine andere Qualität.
Heute begegnet man der perfekt choreografierten Show, bei der man bisweilen den Eindruck gewinnt, das Publikum brauche diese klare Anleitung, um zu wissen, wann es sich mitreißen lassen darf. Nach dem Prinzip: „Okay, 3, 2, 1 — loslassen.“ In solchen Momenten kommt mir der Gedanke, wie schön es wäre, wenn dieses Loslassen, dieses Freidrehen wieder organischer entstehen könnte — mehr aus den Menschen selbst heraus, weniger aus einer impliziten Gebrauchsanweisung mittels maßloser Überinszenierung.
Dabei geht es mir keineswegs darum, das heutige Setting grundsätzlich schlechtzureden. Es wäre allzu einfach, pauschal zu behaupten, alles sei verloren oder kaputt. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass sich etwas verschoben hat — ein Stück weit entfernt von dem, was es einmal war.
Früher war also nicht alles besser?
Als ich Mitte der 1990er-Jahre begann, Musik zu machen, war ich 22 Jahre alt und arbeitete als Praktikant in einem Tonstudio. Dort traf ich immer wieder auf Protagonisten der 1970er- und 80er-Jahre, deren Blick auf die damalige Gegenwart von einer gewissen Bitterkeit geprägt war. Sie erzählten davon, wie sehr sich alles verändert habe, wie viel verloren gegangen sei und dass früher vieles besser gewesen sei. Doch genau das wollte ich damals natürlich nicht hören. Mich interessierte meine damals aktuelle Gegenwart — ich wollte sie ernst nehmen, sie als etwas Eigenes begreifen und nicht aus zweiter Hand einer vergangenen Zeit nachtrauern.
Diese Haltung hat sich bis heute kaum verändert. Entsprechend aufmerksam werde ich, wenn ich selbst dabei bin, Gedanken zu formulieren, die mit dem Satz beginnen: „Früher war alles besser.“ Dann versuche ich, innezuhalten und zu unterscheiden — zwischen einer persönlichen, authentisch gewachsenen Nostalgie und einer vermeintlich objektiven Bewertung der Wirklichkeit. Denn vielleicht geht es weniger darum, die Gegenwart zu beklagen, als darum, sich ihr offen und neugierig auszusetzen.
Hast du ein Beispiel empfundener Nostalgie?
In diesem Zusammenhang denke ich oft an die Loveparade, die ich damals einige Male miterlebt habe. Aus heutiger Perspektive erscheint es beinahe unvorstellbar, dass Menschen einfach so zusammenkamen — ohne Zweck, ohne Rechtfertigung, ohne das Bedürfnis, alles zu hinterfragen. Es herrschte eine große Unbeschwertheit, ein selbstverständliches Miteinander im Moment. Und damit sind wir wieder bei dem, was ich mit „Euphoria“ meine: jenem Zustand, in dem sich Gemeinschaft, Musik und Gegenwart für einen Augenblick mühelos decken.

Wie genau kam es zu dem Titel?
Bei der Namensfindung bin ich dieses Mal bewusst anders vorgegangen als früher. In der Vergangenheit habe ich meist versucht, den emotionalen Zustand der Gegenwart aufzunehmen — eine Art Seismograf für das, wie sich die Welt gerade anfühlt — und daraus sowohl einen Titel als auch einen Sound zu entwickeln. Mit „Euphoria“ verhält es sich genau umgekehrt. Der Titel fungiert eher als Antithese, vielleicht auch als Katalysator zu dem, was man spürt, wenn man sprichwörtlich den Finger in den Wind hält, um die Stimmung der Zeit zu erfassen.
Gegenwärtig würde man vermutlich auf das Gegenteil von Euphorie kommen. Hätte ich meine frühere Herangehensweise beibehalten, hätte das Album wohl einen Namen wie „Armageddon“ getragen und sich in einer deutlich schwereren, fast hoffnungslos anmutenden Klangwelt wiedergefunden. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Atmosphäre des Albums durchgehend ungetrübte Heiterkeit vermittelt oder im Sinne eines permanenten Dur-Zustands daherkommt. Ebenso wenig handelt es sich um eine penetrante Aufforderung zum Optimismus oder eine musikalische Schönfärberei. Vielmehr ist die Grundtonalität vorwärtsgerichtet — mit einer bewussten Prise Eskapismus, als Einladung, für einen Moment Abstand zu gewinnen, ohne die Wirklichkeit zu negieren.
Was erwartet uns musikalisch?
Für mich ist es bislang das clubbigste Album, das ich produziert habe. Ich habe das bewusst zugelassen — oder vielleicht besser: wieder zugelassen — nachdem ich mich lange Zeit davon distanziert hatte. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass ich vor knapp zwei Jahren begonnen habe, regelmäßig aufzulegen. Der Unterschied zur Arbeit mit einer Band ist dabei erheblich. Eine Tour mit Band erfordert monatelange Vorbereitung: Proben, Absprachen, eine feste Setlist. Zwar lässt sich diese von Abend zu Abend leicht variieren, doch wenn man merkt, dass ein Stück nicht zündet, kann man es ja nicht einfach abbrechen (lacht).
Beim Auflegen ist das anders. Auch dort freut man sich mitunter auf bestimmte Stücke, spielt sie, schaut hoch — und blickt in eher fragende Gesichter. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass man unmittelbar reagieren kann: Man probiert etwas anderes, verschiebt die Richtung, tastet sich weiter vor. Ich arbeite dabei nie mit einer festen Playlist, die ich einfach abspiele. Stattdessen habe ich einen Pool, der meist ein Vielfaches dessen umfasst, was man in der eigenen Spielzeit überhaupt unterbringen kann. Aus diesem Reservoir heraus beobachte ich, wie die Menschen auf der Tanzfläche ticken.
Natürlich hängt vieles auch davon ab, wer vor oder nach einem auflegt. Deshalb bin ich in der Regel früh vor Ort und höre mir zumindest die beiden DJs vor mir an — um ein Gefühl für das Energielevel zu bekommen und dafür, worauf das Publikum an diesem Abend reagiert. Das ist schließlich nie universell. Man könnte sich natürlich darauf beschränken, zehnmal am Abend „Insomnia” zu spielen. Aber das ist nicht das, was ich mir unter einem lebendigen, offenen Clubmoment vorstelle.
Und wie sieht deine Vorstellung aus?
Dazu muss ich ein wenig ausholen. Vor knapp zwei Jahren hat Talla 2XLC mir ermöglicht, bei einem seiner Events als Special Guest aufzulegen. Ich war mir damals selbst nicht sicher, ob das überhaupt etwas für mich ist. In den Vinyl-Zeiten hatte ich mich bereits einmal am Auflegen versucht — und bin kläglich gescheitert. Das Mechanische, das Haptische, all das habe ich trotz endlosen Probierens schlicht nicht beherrscht.
In der Folge blickte ich auf DJs lange mit einer eigentümlichen Mischung aus Verachtung und Neid (lacht). Eigentlich wäre ich auch gerne einer von denen gewesen, also redete ich mir ein, dass sie ja lediglich Musik anderer Leute spielten und dabei so täten, als würden sie etwas Neues erschaffen. Eine bequeme Ausrede, die mir erlaubte, das Thema für viele Jahre ad acta zu legen. Das Auflegen war für mich also erledigt.
Irgendwann erfuhr ich dann eher zufällig, dass die neuen Player im Prinzip ähnlich funktionieren wie Ableton Live — vereinfacht gesagt. Plötzlich wurde mir klar, dass mir die Technik inzwischen ermöglicht, mich ganz auf die Musik und die Gestaltung zu konzentrieren, ohne mich mit emfpindlichem Vinyl und springenden Nadeln herumzuschlagen. Heute spiele ich ein Hybrid-Set: Ich lege also nicht nur auf, sondern habe ein kleines Live-Setup dabei — mit Sequenzer, Sampler und Synthesizer — um dem Set eine weitere Ebenen hinzuzufügen.
Heute Abend bei „Wonderful Days“ werden die meisten DJs vermutlich vor allem Classics spielen. In meiner Stunde greife ich vermutlich auch auf zwei oder drei davon zurück, die ich dann aber auch bewusst in ihrer Originalversion spiele. Im Kern performe ich so, wie ich es selbst hören möchte, wenn ich in einen Club gehe — mal technoid, mal mit überraschenden Wendungen, mal mit bewusst herausgenommenem Tempo. Als Ausnahme habe ich mir für heute vorgenommen, das Publikum mit einem besonderen Rework von Armin van Buurens „Dominator“, verbunden mit Motiven aus Hans Zimmers „Time“, auf eine kleine Reise mitzunehmen. Das sind natürlich zwei Welten, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Aber genau das reizt mich sehr.
Ich möchte der Versuchung widerstehen, eine Stunde lang ausschließlich auf bewährte Hits zu setzen. Natürlich ist es angenehm, wenn einem das Publikum alle paar Minuten die Hüte zuwirft, und die sattsam bekannten Breaks bejubelt. Aber wenn an einem Abend über viele Stunden hinweg ein ähnliches Repertoire gespielt wird, möchte ich den Gästen etwas anderes anbieten. Dazu gehören für mich auch bisher unveröffentlichte Versionen oder eigene Remixe und Reworks, die ich speziell für meine Sets produziere.
Ist es dann letztlich auch ein Gefühl von Nostalgie, das der Auslöser oder der Grund für dieses Projekt war?
Nein, eher im Gegenteil: Es war ein Gefühl von „Jetzt erst recht“. Man kann sich natürlich gemeinsam in die Haltung flüchten, dass ohnehin alles sinnlos geworden sei — sich einrichten im kollektiven Schulterzucken. Das ist bequem. Aber es ist keine Option. Die Alternative besteht darin, sich aufzubäumen und genau das Gegenteil dessen zu tun, was man vielleicht noch vor fünf oder zehn Jahren für richtig gehalten hätte. So wie Bruce Willis im dritten Akt von „Stirb langsam“: angeschlagen, aber unbeirrbar, mit klarem Fokus nach vorn.
Es ist kein blinder Trotz, sondern eine bewusste Haltung. Ein Moment von: Jetzt erst recht — und zwar ohne Rechtfertigungsdrang. Ein gepflegtes „Zero Fucks Given“, nicht als Pose, sondern als innere Entscheidung. Weitermachen, weil man es will. Nicht, weil es gerade opportun erscheint, sondern weil aufgeben schlicht keine ästhetische Option ist.
Ich habe bewusst versucht, mich von meinen eigenen Erwartungen zu lösen — und ebenso von denen des Publikums. Es ist tatsächlich das erste Album seit langer Zeit, bei dem es mir leichtfiel, nicht bei jedem Ton, bei jedem Sound darüber nachzudenken, was andere darin hören oder erwarten sollen. Ganz einfach ist das natürlich nicht. Denn selbst wenn man sich vornimmt, als freies Radikal zu arbeiten, existieren heute nahezu permanent Feedback-Schleifen, denen man sich kaum entziehen kann.
Früher blickte man auf die Charts und wusste zumindest in quantitativer Hinsicht, wie es lief. Man wusste allerdings nicht, warum jemand die Musik nicht gekauft hatte oder weshalb sie jemandem nicht gefiel. Dieses Nicht-Wissen hatte etwas Befreiendes. Heute kann man es — wenn man es darauf anlegt — beinahe sekündlich erfahren. Und genau deshalb ist es so schwer, trotz aller Bekundungen zu sagen: Ich gehe jetzt ins Studio und mache einfach.
Ich kann aber ehrlich sagen, dass mich das in diesem Fall kaum interessiert hat. Denn wenn man sich zu sehr von diesem permanenten Feedback vereinnahmen lässt, entsteht schnell das Gefühl, hinter dem Möglichen zurückgeblieben zu sein — nicht weit genug gegangen zu sein, nicht radikal genug. Bei diesem Album war es anders. Auch durch die Zuversicht und das Selbstvertrauen, das ich mir in den letzten Jahren durch das Auflegen erarbeitet habe.
Es gibt Stücke auf dem Album, die in ihrer Schnörkellosigkeit und in ihrem Vertrauen auf die eigene Energie — unabhängig vom Tempo — vor drei oder vier Jahren so nicht entstanden wären. Vielleicht ist daraus so etwas wie eine kleine Wiedergeburt entstanden: ein vorsichtiges Zurückfinden zu einer Authentizität, die weniger fragt und mehr zulässt.

Erzähl uns doch bitte etwas zu deinen Albumgästen Julia Sanina, 8kays, Karakum und Frida Gold.
8kays stammt aus der Ukraine. Sie hatte mich vor knapp einem Jahr auf Instagram angeschrieben — als Teil einer neuen Generation, die gleichermaßen produziert und auflegt und mit meinem Song „I Feel You“ (mit Peter Heppner) aufgewachsen ist. Sie fragte mich, ob sie die Vocals des Stücks bekommen könne, um ihre eigene Version daraus zu entwickeln. So kamen wir erstmals in Kontakt. Inzwischen lebt sie in Berlin, ihr Remix erschien Ende November, und für das Album haben wir gemeinsam den Titeltrack „Euphoria“ produziert. Über sie ergab sich auch ein wunderbarer Kontakt zu Korolova, mit der sie eng verbunden ist. Wir haben uns im vergangenen Oktober beim Amsterdam Dance Event getroffen und die Nacht musikalisch zum Tag gemacht.
Julia Sanina, die Sängerin der ukrainischen Alternative-Rock-Band The Hardkiss, habe ich beim Wacken Open-Air kennengelernt, das ich privat besucht hatte. Sie fragte mich später, ob ich einen Remix für einen ihrer Songs machen wolle. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass ich dazu musikalisch nichts Substantielles beitragen konnte. Also schlug ich vor, stattdessen gemeinsam einen Song für mein Album zu produzieren — ein Ansatz, der sich deutlich stimmiger anfühlte. Daraus entstand der Song „My Silence”, den wir gemeinsam auch auf meiner Arena-Tour im Mai spielen werden.
Mit Frida Gold verbindet mich eine längere Geschichte. Schon vor rund 15 Jahren hatten wir musikalisch zusammengearbeitet, waren mit dem Ergebnis aber nicht wirklich zufrieden. Danach verloren wir uns aus den Augen, bis wir uns zufällig beim Reeperbahn Festival in Hamburg wieder begegneten. Die aktuellen Arbeiten von Frida Gold empfinde ich als sehr elektronisch und wohltuend ambitioniert. Besonders schätze ich nach wie vor Alinas Stimme — sie hat etwas sehr Lässiges, Unangestrengtes. Ich sehe sie weniger als klassische Sängerin, sondern eher als poetische Diseuse. Der gemeinsam produzierte Track „Sieben Nächte“, inspiriert durch das gleichnamige Buch von Simon Strauß, ist ebenfalls als Vorab-Single erschienen.
Karakum ist eine atemberaubende Live-Techno-Band aus Leipzig, die ich 2024 auf dem wunderbaren Festival „Inselleuchten” kennengelernt habe. Ich habe da ebenfalls gespielt und bin noch bis spät in die Nacht geblieben. Es gab dort den sogenannten Zauberwald als Bühne, mit mystischer Beleuchtung und wahnsinnig viel Liebe zum Detail. Und dort sah ich diese Band, die einen ungemein atmosphärischen, hypnotischen Techno mit Gesang spielte.
Ich habe sie dann gleich recherchiert und mir ihren Konzertfilm aus dem Planetarium Jena angeschaut — und war regelrecht hingerissen. Danach lud ich sie als Support zu einem meiner Open-Air-Konzerte ein. Als das Album konkreter wurde und ich die Viertel-Bassdrum wieder bewusst zugelassen hatte, rief ich Aaron von Karakum an und fragte, ob sie Lust auf eine Kollaboration hatten. Am Ende sind daraus sogar gleich zwei gemeinsame Tracks entstanden.
Deine Verbindung zur Ukraine ist – nicht nur mit Blick auf deine aktuellen Albumgäste Julia Sanina und 8kays – sehr intensiv.
Im Jahr 2006 habe ich zum ersten Mal in Kyjiw gespielt, parallel dazu auch immer wieder in Moskau und St. Petersburg. Über mehrere Jahre hinweg bin ich ein- bis zweimal jährlich in die Region gereist, habe dort oft live gespielt, Freundschaften geschlossen und die unterschiedlichen Kulturen kennengelernt. Als 2022 dann die russische Full-Scale-Invasion begann, war für mich sofort klar, dass ich nie wieder nach Russland fahren werde — selbst dann nicht, wenn dieser Krieg eines Tages beendet sein sollte.
Vor einigen Jahren machte mich meine Frau auf das Freedom Ballet aufmerksam, ein unglaublich kreatives Contemporary Dance Kollektiv. Mit ihnen habe ich 2023 für mein letztes Album „Illuminate“ zwei Videoclips in Kyjiw realisiert. Leider konnte ich damals nicht dorthin reisen, weswegen wir das seinerzeit im Remote-Verfahren via WhatsApp und WeTransfer gelöst haben. 2024 erhielt ich dann von einem ukrainischen Veranstalter eine Anfrage, ob ich mir vorstellen könne, trotz des Krieges in der Ukraine aufzutreten. Ich sagte natürlich sofort „Ja“ und spielte Konzerte in Lwiw und Kyjiw. Daraus entstand eine aufwendige Dokumentation, die Teil des „Euphoria“-Boxsets ist. Ende 2024 war ich erneut in der Ukraine, diesmal im Süden des Landes. Im Juli 2025 folgte ein großes Open-Air in Kyjiw, und im Januar 2026 kehren wir für ein weiteres großes Event zurück — diesmal unter der Überschrift „Interstellar“. Ich freue mich wahnsinnig darauf!
Warum ich trotz der aktuellen Situation so gerne dorthin fahre? Als steile These möchte ich formulieren: Ich fühle mich in der Ukraine mit Krieg wohler als anderswo auf der Welt ohne. Ich weiß, wie irritierend das klingen muss und ich verstehe, dass man das nur sehr schwer bis gar nicht nachvollziehen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Man kennt die Bilder aus dem Fernsehen, die Zahlen, die Fakten: seit vier Jahren Krieg, permanente Angriffe mit ballistischen Raketen und Drohnen, Stromausfälle, unzählige Stunden im Keller oder Bunker. Man stellt sich natürlich vor, dort auf Menschen zu treffen, die mit gesenktem Blick durch die Straßen schleichen, erschöpft, hoffnungslos, innerlich längst am Ende. Die Erschöpfung ist natürlich Teil der Realität. Aber eben nur ein Teil.
Bereits bei meinem ersten Aufenthalt während des Krieges hatte ich ein völlig anderes Gefühl — eines, das sich über die Jahre sogar noch verstärkt hat. Die Menschen dort besitzen einen Siegeswillen, der sich kaum in militärischen Kategorien beschreiben lässt. Er zeigt sich im Alltag: in der Art, wie Cafés eingerichtet werden, Shops und Tankstellen gestaltet sind, Clubs betrieben werden; in der Leidenschaft, mit der trotz allem gelebt, gearbeitet, gestaltet wird. Eine Form von Kreativität und Beharrlichkeit, die einen, wenn man dann in den wohlbehüteten Schoß der verordneten Überregulierung zurückkehrt, durchaus beschämt zurücklässt.
Denn während dort mit enormer Geschwindigkeit und Willenskraft Dinge entstehen, ist man hierzulande immer öfter umgeben von einem diffusen „reicht doch so“, einem unambitionierten „ist doch jetzt gut genug“. Während ich mich hier für latent overpaced halte, fühle ich mich in der Ukraine plötzlich selbst als derjenige, der innerlich denkt: Leute, bitte nicht so schnell — ohne es natürlich auszusprechen (lacht). Dazukommt: Der Mitleidsreflex desjenigen, der vermeintlich aus dem friedlichen Westen kommt, wirkt dort fast deplatziert bis irritierend. Natürlich wünscht sich niemand dort, dass der aktuelle Zustand noch lange anhält. Aber was trotz aller Widrigkeiten auf die Beine gestellt wird, zeugt von Resilienz und Tatendrang. Beides ist uns in meiner Wahrnehmung vollkommen fremd geworden, fast schon verdächtig geworden. Vielleicht ist das der Grund, weswegen mittlerweile erstaunlich viele Menschen den Ukrainern den ungefragten Ratschlag geben, nun doch endlich aufzugeben.
Es ist einfacher, alles als korrupt oder aussichtslos abzutun, als sich ernsthaft zu fragen, wie ein Land emotional beinahe vier Jahre Krieg durchhalten konnte — trotz der unzähligen Opfer, die es gebracht hat und weiterhin bringt. Bei aller zweifellos problematischen Korruption: Geld alleine hilft nicht dabei, sein Land zu lieben. Jenseits jeder militärischen Betrachtung ist den Menschen dort nie das Wesentliche verloren gegangen, wofür sie all das auf sich nehmen: ihre Kultur, ihre Identität, ihre Art zu leben. Das sind in meiner Beobachtung im selbsternannten „freien Westen“ mittlerweile Kampfbegriffe geworden, die zu einer eigentümlichen Selbstverleugnung, man könnte sogar schon fast Selbstaufgabe sagen, geführt haben. Umso wichtiger ist es, dass man ab und zu freidreht. Sei es nun in Kyjiw oder in Berlin.

Arena Tour – Live mit Band und musikalischen Gästen:
09.05.2026 | Quarterback-Immobilien-Arena, Leipzig
10.05.2026 | Rudolf-Weber-Arena, Oberhausen
11.05.2026 | Porsche-Arena, Stuttgart
12.05.2026 | Lanxess-Arena, Köln
14.05.2026 | MyTicket-Jahrhunderthalle, Frankfurt/M.
15.05.2026 | Barclays-Arena, Hamburg
16.05.2026 | Uber-Arena, Berlin
Hybrid-DJ-Set
10.01.2026 | Interstellar, KIT, Kyjiw, Ukraine
28.02.2026 | Wonderful Days, Perkins Park, Stuttgart
21.03.2026 | Wonderful Days, Stadthalle Krone, Bautzen
26.06.2026 | Electro Love Festival, Niederwörresbach
27.06.2026 | Luminosity Festival, Zandvoort, Niederlande
Aus dem FAZEmag 167/01.2026
Text & Interview: Tassilo Dicke
Foto: Annemone Taake
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