Sequential Fourm – Man kennt sich

Wenn ich einen neuen Synthesizer auschecke, versuche ich zunächst, mir nicht die Presets anzuhören. Mir geht es dann erst einmal nur um den reinen Grundsound und meine Intuition. Manchmal passieren die besten Momente, wenn man einen Synth das erste Mal anmacht — deswegen nehme ich das meistens auf. Der neue Synthesizer Fourm von Sequential lag nun im Studio und mir kam der Grundsound ziemlich schnell sehr bekannt vor. Er klang wie ein gewisser Synthesizer der gleichen Marke, den ich mir eigentlich nicht leisten kann. Denn der nur 900 Euro teure Kompakt-Synth klingt sehr stark nach einem der legendärsten Synthesizer überhaupt, dem Prophet 5. Dessen Neuauflage wurde 2020 neu herausgebracht — für schlappe 3.555 Euro. Wenn der deutlich kleinere Fourm einen ähnlichen Sound und vier analoge Stimmen, eine Modulationsmatrix und eine Feedbackschaltung mitbringt, lohnt es sich doch, mal herauszufinden, ob ich vielleicht einfach nur ein Drittel des Prophet-5-Preises ausgeben muss für den gleichen Sound.

Zunächst zum Grundkonzept des Fourm: Es gibt zwei Oszillatoren mit jeweils Dreieck-, Sägezahn- und Pulswellenformen. Die kann man per Knopfdruck zueinander addieren, sodass sich komplexere Wellenformen bilden. Oszillator A kann man zu Oszillator B syncen oder gegeneinander verstimmen, dazu später mehr. Das Signal geht dann in den Mixer, wo man ein Feedback und Noise dazumischen kann. Dann geht alles in den Filter, einen -24dB Tiefpassfilter, mit den nahezu gleichen Filterchips wie beim 2020er Prophet Rev4, den SSI-2140-Chips. Der Filter kann durch die Tonhöhe und eine Hüllkurve gesteuert werden. Die Hüllkurven werden nochmal dynamischer, weil sie durch die Velocity stärker oder weniger stark eingreifen. Wenn man sich Prophet und Fourm rein oberflächlich anschaut, sieht man natürlich, dass der Aufbau nahezu identisch ist. An der ein oder anderen Stelle geht der Prophet noch mehr ins Detail, allerdings besitzt der Fourm auch Funktionen, die der Prophet nicht hat.

Zum Spektrum gehört ebenfalls ein Arpeggiator, in dem man neben den klassischen Arpeggios auch eigene Sequenzen aus bis zu 64 Noten einstellen kann. Ziemlich cool ist auch die Tempo-Sektion — in der man das Tempo einerseits wie gewöhnlich per Drehregler, aber auch per Tap einstellen kann. So ist man sehr schnell im Sync mit anderen Musiker*innen — oder während des Testzeitraums auch im Groove einer mitlaufenden Platte. Außerdem gibt es noch eine Unisono-Sektion, in der man die vier Stimmen des Synths zu einer gebündelten Stimme stecken kann. Der ganze Signalpfad ist dabei zu 100 Prozent analog aufgebaut, ohne Schnörkeleien oder irgendwelche digitalen Mastereffekte. Eine Einstellung, mit der man das Ganze aber noch analoger klingen lassen kann, ist der Vintage-Regler, den man leider nur über ein Menü erreichen kann. Er fügt der Lautstärke, den Filters und der Tonhöhe zufällige Schwankungen hinzu, was dem Synth direkt etwas Unperfektheit und Charakter spendiert.

Eigentlich bedient fast jeder Knopf, bis auf ein paar Ausnahmen, nur eine Funktion. Die Regler, die doch noch eine zweite Funktion haben, kann man intuitiv über das Drücken des großen „Select“-Reglers erreichen. In der Global-Sektion gibt es zwei Factory Banks und zwei User Banks mit jeweils 127 Plätzen für Presets. Also kann man bis zu 508 Presets speichern. Im Vergleich: Der erste Prophet konnte, was damals revolutionär war, 40 Presets speichern. Prophet-Erfinder Dave Smith hat es damals geschafft, alle analogen Regler digital auszulesen und damit speicherbar und abrufbar zu machen. Auf der Rückseite finden wir alle Anschlüsse, um einen analogen Synthesizer in die heutige Zeit zu bringen: Drei MIDI-Buchsen und ein USB-C-Anschluss verbinden den Synth mit DAWs, Sequencern oder Mainstage, um auf der Bühne und im Studio professionell Musik zu machen.

Jetzt zum Wichtigsten, zum Grundsound: Den Prophet hört man in Micheal Jacksons „Thriller“, bei Phil Collins’ „In The Air Tonight“ oder in „Purple Rain“ von Prince. In aktuellen elektronischen Tracks nutzen ihn Künstler wie Bicep, Kölsch oder Fiume für ihre ultrawarmen Poly-Sounds und die gleichzeitig recht knackigen Hüllkurven, mit denen sehr viel Punch in Basslines und Drumsounds gelangt. Und genau dieses Erbe hört man auch beim Fourm heraus.

Irgendwie setzt sich der Synth immer gut in den Mix — die Sounds wirken selten zu harsch, sondern eher sehr warm und sehr definiert. Tatsächlich klingen Synthie-Sounds selten wirklich natürlich ohne wenigstens etwas Reverb. Für mich klingt der Sound des Fourm aber für sich genommen bereits ohne künstlichen Raum schon ziemlich fertig, und das muss man erst einmal schaffen. Spannend ist auch, wie viel Druck der Synth über das gesamte Spektrum vom c-1 bis c-6 aufbaut: Die ganz tiefen Bässe sind wirklich ungemein klar und drückend, was gerade für Clubproduktionen wichtig ist. Das verstärkt sich dann nochmals mit dem internen Feedback in der Mixer-Sektion: So gelangt der Ausgangssound nochmals zurück in den Mixer. Man kann im Menü einstellen, wie oft dieser Vorgang passiert und wie oft damit das Signal nochmals durch den ganzen Synth läuft. Bei kleineren Werten wird der Sound einfach nur dicker, während ab ca. 40 Prozent eine wirklich starke Crispyness und Distortion dazukommt. In den oberen Werten ab 80 Prozent wird es dann wirklich sehr massiv und dark. In den Höhen ist es währenddessen oben immer sehr klar und angenehm statt kreischend und undefiniert.

Man kann das zunächst simple analoge Konzept des Synthesizers aber auch sehr ausreizen und eher experimentelle Klänge erzeugen: So kann man in der Modulationsmatrix, die etwas skurril mit mehreren Farben arbeitet, drei Modulatoren mit den Modulationszielen Cutoff, Pitch, Lautstärke, Pulsweite oder LFO-Frequenz verbinden. Mit sehr schnellen LFO-Frequenzen kommt man dann schnell in einen rauen, technoiden Sound. Mischt man noch Noise und Feedback dazu, wird das Ergebnis deutlich rougher. Beim Fourm kommt dann noch der ikonische Sync-Sound von Sequential dazu, der die Frequenz der beiden Oszillatoren miteinander verschaltet und sehr Formant-artige, scharfe Obertöne erzeugt. Diese Einstellung ist so etwas wie der Signature-Sound der Sequential-Synths und ist auch 2026 immer noch beeindruckend.

Kurz zur Qualität des Keyboards. Die ist natürlich weit entfernt von einer Hammer-Tastatur. Auch die schmalen Tasten sehen nicht unbedingt edel aus. Das ist nun einmal oft das Ergebnis bei kompakten Synths. Was aber richtig gut kommt, ist das polyphone Aftertouch: Links über der Tastatur kann man einstellen, ob man mit dem Drücken nach dem eigentlichen Drücken der Note Filter, Pitch oder LFO steuert. Und das funktioniert phänomenal gut — individuell für jede Taste. So kann man Pads noch viel lebendiger machen, wenn man per Aftertouch noch die Geschwindigkeit des LFO ändern kann. Was ich auch noch interessant finde an einer kleinen Tastatur aus nur drei Oktaven: Man findet oft spannende Chords, denn durch das enge, nah beieinander liegende Greifen der Chords ergeben sich außergewöhnliche Kombinationen. Nahezu Jazz-esque. Und wer mehr Tasten oder eine feinere Velocity-Auflösung braucht, kann ein Masterkeyboard anschließen und den Fourm eher als reinen Klangerzeuger betrachten.

Da der Aufbau der Oberfläche so nah am Prophet 5 ist, im Vergleich nur eine Stimme fehlt und sogar eine ausgefeiltere Modulationsmatrix an Bord ist, würde ich sagen, dass gar nicht so viel zum großen Bruder fehlt. Klar, der Prophet 5 kommt mit einer großen Tastatur und einem deutlich stylisheren Holz-Look daher. Und auch der Fourm könnte stärker auf Features wie mehr Stimmen, mehr LFOs, loopbare Envelopes, MPE oder Ähnliches setzen. Aber ich bin trotzdem happy, vor allem für den Preis. Nun habe ich endlich den Prophet-Sound in einer anderen Verpackung.

Aus dem FAZEmag 167/01.2026
Text: Bastian Gies
www.sequential.com/