Das Stuttgarter Duo SHDW & Obscure Shape ging vor rund sechs Jahren an den Start und gehört zu einer neuen Generation von Techno-Künstler*innen, die die Szene gehörig aufmischt. Marco Bläsi und Luigi Urban haben ihre Vision von Techno verwirklicht und leben sie mit ihrem Label From Another Mind aus. Doch auf Lorbeeren ausruhen liegt ihnen nicht: Die beiden kennen keinen Stillstand, arbeiten weiter an ihrer Karriere – und an neuen Visionen. In einer Zeit ohne Gigs haben sie ihrer Kreativität freien Lauf gelassen, starten nun ein neues Label und bringen eine eigene Modekollektion raus. 

Mit From Another Mind betreibt ihr seit 2015 euer eigenes Label, nun kommt mit Mutual Rytm ein weiteres dazu. Wie kam es zu diesem Schritt und wie grenzt sich das neue Label vom alten ab? 

Marco: Grund für das neue Label ist eine andere musikalische und künstlerische Ausrichtung. Mutual Rytm ist offen für unterschiedliche Genres der elektronischen Musik, egal ob Techno, House, Disco oder Dub – einfach gute zeitlose Musik! Auch wenn unser Fokus zurzeit mehr auf dem neuen Label liegt, wird From Another Mind immer unser „Baby“ bleiben und wir werden natürlich weiterhin dort unseren Signature-Sound veröffentlichen.

Luigi: Auf From Another Mind haben wir bisher nur unsere eigenen Tracks und diverse Remix-Compilations veröffentlicht. Mit Mutual Rytm bieten wir auch für andere Künstler eine großartige Plattform an. Zu den Beweggründen gehört auch, dass der Sound aus den späten 90er- und den frühen 2000er-Jahren sowohl unsere Produktionen als auch unsere DJ-Sets schon immer sehr beeinflusst hat. Hinzu kommt, dass wir uns mit dem momentanen Trend der Techno-Szene nicht identifizieren können und wir uns davon auch distanzieren möchten. Mutual Rytm wird ein klares Statement dazu sein! 

Wie lang tragt ihr die Idee eines neuen Labels schon mit euch rum, und wann wurde es konkret? 

L: Wir tragen den Gedanken schon ziemlich lange mit uns herum. Anfangs hatten wir noch die Idee, ein From-Another-Mind-Sublabel zu gründen. Das haben wir aber nach langen Überlegungen verworfen, da die beiden Labels eigenständig funktionieren und voneinander unabhängig sind. Die musikalische und künstlerische Ausrichtung ist differenziert, auch wenn es gewisse Parallelen geben wird.

M: Auf From Another Mind würden wir unsere Tracks als „Big-Room-Anthems” beschreiben. Wir wollten aber auch schon immer etwas mehr zeitlose Musik produzieren. Seit Beginn der Pandemie sind wir tief in die Wurzeln unserer Musik und unserer Intention dahinter eingetaucht. Wir haben an der Ästhetik unseres Sounds gearbeitet und wollen wieder dorthin zurückkehren, wo für uns alles begann: zeitlose und innovative Musik. Es hat sich nach dem richtigen Zeitpunkt angefühlt, die Gedanken eines neuen Labels zu verwirklichen.

Welche Acts können wir denn auf Mutual Rytm erwarten? 

M: „Mutual“ steht für gegenseitig und gemeinsam. Wir wollen eine Label-Familie formen, die gemeinsam Entscheidungen trifft und sich gegenseitig unterstützt. Wir arbeiten nicht nur mit Newcomer*innen, sondern auch mit etablierten Künstler*innen und Techno-Urgesteinen, wie z.B. André Walter alias Stigmata. Natürlich kennt man Stigmata, wenn man sich ausgiebig mit Techno beschäftigt hat, aber …

L: …viele, vor allem von den jungen Raver*innen, haben von ihm noch nie wirklich etwas gehört. Dennoch gehört André auch zu den Künstlern, die Techno, wie wir ihn heute hören und leben, mitgeformt hat. 

M: Oder auch beispielsweise Invexis, der uns auch sehr beeinflusst hat mit seinen herausragenden Produktionen. Kleine Anekdote dazu: Wir haben Georg letztlich über seine Frau auf Facebook ausfindig gemacht. Wir hatten dann einen langen Austausch mit ihm und er hat extra für unser Projekt seine Maschinen wieder angeworfen und neue Musik gemacht. 

Wann kommt das erste Release raus und wie sieht der weitere Fahrplan aus?

M: Das erste Release wird zum Jahresende hin veröffentlicht und wird eine Doppel-Vinyl mit acht Tracks namens „Federation Of Rytm I“. Mit dabei sind Alarico, Vil & Cravo, Nicolas Vogler, Lars Huismann, Stigmata, Invexis, Grindvik und wir natürlich. Weiter geht es dann mit der Solo-EP von Lars, gefolgt von einer 5-Tracker-EP von uns und danach beweist Alarico mit der MR004, warum er einer der vielversprechendsten Produzenten zurzeit ist. Zu viel wollen wir aber noch nicht verraten, es soll ja noch spannend bleiben! 

L: Während wir mit From Another Mind in den vergangenen sechs Jahren gerade mal acht Releases in der Diskografie zu verzeichnen haben, ist unser Ziel, auf Mutual Rytm alle sechs bis acht Wochen eine Platte zu veröffentlichen. Bisher läuft alles nach Plan und wir freuen uns riesig, die ganze Musik auf Vinyl zu pressen. 

Ihr habt es eben schon kurz erwähnt: Selbstkontrolle und Selbstverwirklichung. Wie wichtig ist es euch, die Fäden selbst in der Hand zu haben? 

M: Wichtig ist vielleicht das falsche Wort; es ist uns lieber, die Fäden selbst in der Hand zu haben. Man muss sich vorstellen, dass, wenn man mit externen Labels zusammenarbeitet, es immer wieder zu kurzfristigen Planänderungen kommen kann, Missverständnisse entstehen, ein Kommunikationsmangel herrscht oder auch im schlimmsten Fall ein Interessenskonflikt entsteht. Natürlich stößt man bei einem eigenen Label ebenfalls auf Probleme, wie z. B. Delays im Presswerk, fehlende liquide Mittel oder Knowledge. Dennoch bevorzugen wir es, unsere Vision zu verwirklichen und alle Prozessabläufe zu kontrollieren. Das soll natürlich nicht heißen, dass wir generell abgeneigt sind, mit anderen Labels zusammenzuarbeiten. Im Gegenteil, wir finden das sehr wichtig für den Werdegang jedes/jeder Künstlers/Künstlerin. Aber Musik, die Kunst, ist für uns etwas sehr Kostbares und Intimes, was nicht alle Labels heutzutage wertschätzen. Deshalb muss die Auswahl des externen Labels gut überlegt sein. Da geht es schließlich auch darum, eine langfristige Partnerschaft mit dem Label anzustreben und nicht nur um ein einziges Release. Genauso halten wir es ja auch mit den Künstler*innen, mit denen wir auf Mutual Rytm zusammenarbeiten. Gegenseitiger Respekt und gegenseitiges Vertrauen ist für uns essenziell und die Basis einer erfolgreichen Kooperation. 

Wie sieht denn bei euch ein Studiotag aus und gibt es dort eine feste Rollenverteilung?

L: Wir versuchen, mindestens zwei Mal pro Woche gemeinsam ins Studio zu gehen. Darüber hinaus macht man natürlich auch viel eigenständig Musik und setzt sich dann mit einer Handvoll Ideen zusammen ins Studio und arbeitet das Ganze dann aus. Es gibt aber auch andere Herangehensweisen. Manchmal starten wir einfach mit einem neuen Projekt, schalten die Maschinen ein, klimpern ein bisschen darauf herum, drücken auf „Record“ und schauen, was dabei herauskommt. Aber das ist immer unterschiedlich, es ist auch wichtig, dass man unterschiedliche Ansätze hat.

M: Genau, das läuft nicht nur nach einem Schema. Manchmal hören wir uns auch einfach Platten aus unserer Sammlung oder Tracks in Rekordbox an, die uns momentan sehr gefallen, und lassen uns davon inspirieren. Dann überlegen wir uns, welche Geräte dafür Sinn machen würden, welche Sounds wir daraus kreieren wollen und fangen dann an, Musik zu machen. Es gibt aber keine feste Rollenverteilung, etwa, dass jetzt der eine nur das und der andere nur das macht. 

Und wie lang seid ihr dann im Studio? 

M: Wir starten meistens erst gegen Mittag und bleiben dann bis in die frühen Morgenstunden. Zwischendurch kochen wir gerne oder machen Sport, wie unsere Laune eben gerade ist. 

L: Wir setzen uns da nicht unter Druck, denn das Wichtigste ist, dass das Produzieren Spaß macht. Musikmachen darf sich nicht nach Arbeit anfühlen, weil Kreativität ganz schlecht mit Routine klarkommt. 

M: Und wenn wir dann mal im Flow sind, vergeht die Zeit auch wie im Flug! Es gibt aber natürlich auch Tage im Studio, an welchen wir ziemlich uninspiriert sind und dann lieber frische Maultaschen zubereiten als Musik zu machen. 

Apropos Ergebnisse. Ein weiteres Ergebnis eurer Arbeit in letzter Zeit ist eine eigene Modekollektion?

M: Wir interessieren uns neben der Musik seit jeher sehr für Kunst und Mode und wir haben natürlich auch schon mal in Vergangenheit Merchandise verkauft. Ein kostengünstiges Basic T-Shirt mit einem Standard-Siebdruck. Natürlich funktioniert das als einfaches Merchandise und die Fans freuen sich, aber wir selbst waren nicht mit dem Produkt zufrieden, da es unseren persönlichen Qualitätsanspruch nicht erfüllt hat. Diesem Anspruch an Qualität und Ästhetik möchten wir nun auch in der Mode gerecht werden, weshalb wir uns dazu entscheiden haben, ein kleines Modelabel zu gründen. Wir sind beide kreative Köpfe und haben bereits schon jahrelange Erfahrung in der Textilbranche sammeln können, da ich u. a. auch Textilmanagement studiert habe. 

Wie kann man sich den Arbeitsprozess vorstellen? Der wird sicherlich anders sein, als ihr es von der Musik her oder von einfachen Merchandise-Artikeln her kennt? 

M: Seit letztem Jahr März arbeiten wir an unserer ersten Kollektion. Eigentlich sollte unser Onlineshop bereits live sein, allerdings sind wir auf diverse Probleme und Verzögerungen gestoßen. Wir haben verschiedene Prototypen entworfen, haben über sechs Monate lang unsere Styles entwickelt, vom Schnittmuster bis hin zu den kleinsten Details, bis wir wirklich zufrieden waren und sagen konnten: Das ist das perfekte Produkt! Begonnen hat das Projekt mit der Auswahl der Produktionsstätte. Hier arbeiten wir mit einer Firma in der Türkei, die GOTS zertifiziert ist und faire Arbeitsbedingungen garantiert. Denn Nachhaltigkeit ist für unser Label von großer Bedeutung. 

L: Danach mussten wir den Rohstoff auswählen, hier haben wir uns für hochwertige Biobaumwolle entschieden. Eine etwas schwerere Grammatur war uns ebenfalls wichtig. Veredelt werden unsere Styles mit einem aufwändigen Printverfahren, das einen schönen Vintage-Look hervorbringt. Außerdem haben fast alle Styles Stick-Details! Natürlich werden die T-Shirts etwas teurer sein als ein Standard T-Shirt. Dafür bekommt der Kunde ein qualitativ sehr hochwertiges und nachhaltiges Produkt, an welchem er oder sie auch nach zahlreichen Waschgängen noch Spaß hat und es nicht als Schlaf-Shirt endet, wie bei herkömmlichem Merchandise. 

Was können wir in Sachen Gestaltung erwarten? 

M: Natürlich ist es uns wichtig, dass wir einen Wiedererkennungswert mit From-Another-Mind-Clothing haben, deshalb haben unsere Prints auch eine Ähnlichkeit mit den FAM-Platten-Covern. Diese haben wir mit einem bekannten portugiesischen Tattoo-Artist entwickelt. In unserer ersten Kollektion namens „Basilisk“ bieten wir drei verschiedene Prints und ein Logo-Design an. Uns ist es wichtig, mit jeder Kollektion, wie bei unseren Platten, eine Story zu erzählen. 

Was für Teile wird es geben und wann geht ihr an den Start damit?

Wir streben nun den Launch Ende Im November an. Es werden T-Shirts, Pullover, Keychains, die FAM008 Limited Edition und Slipmats erhältlich sein. Wenn alles nach Plan läuft, kommt die zweite Kollektion zu Ostern. Wir arbeiten schon fleißig an den Designs und neuen Produkten.  

Kommen wir noch zu den Gigs, die ja bestimmt auch schon wieder angelaufen sind? 

L: Wir spielen eigentlich schon wieder fast jedes Wochenende, aber immer unter Vorbehalt. Was in drei Wochen ist, kann man jetzt einfach noch gar nicht sagen und kurzfristige Absagen, aber auch Anfragen gibt es dann auch zwischendurch. Besonders freuen wir uns auf unsere erste Kolumbien-Tour Anfang September! 

M: Es hat sich allgemein sehr viel verändert. Vor der Pandemie hat man viele Shows bereits ein Jahr im Voraus geplant, das machen jetzt, wenn überhaupt, nur richtig große Promoter und Festivals. Was aber auch bald kommen wird, ist unsere neue Residency in Stuttgart. Der Club heißt Fridas Pier, befindet sich in einem Boot und ist definitiv der neue Hotspot in Süddeutschland. Das große Opening sollte eigentlich schon im April 2020 stattfinden, was aber bisher nicht möglich war. Doch nun ist es endlich so weit und der Club darf endlich seine Türen – unter Vorbehalt und unter Einhaltung der aktuellen Vorschriften – öffnen. 

 

 

Aus dem FAZEmag 115/09.2021
Text & Interview: Tassilo Dicke
Fotos: Marc Schäfer
www.soundcloud.com/shdw-obscureshape
www.soundcloud.com/mutual-rytm
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