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Die Zeiten, da sich die Alben des isländischen Trios problemlos als Yoga- und Wellness-Musik einsetzen ließen, sind passé: Auf ihrem siebten Streich „Kveikur“ zelebrieren die kultigen Elektro-Tüftler einen mutigen Ausfallschritt in Richtung Industrial und Rock. Und das ist scheinbar erst der Auftakt zu mehr …

Wer Orri Pall Dyrason (Drums), Georg Holm (Bass) oder Jon Thor Birgisson alias Jónsi sprechen will, muss reisen. Einfach, weil das Trio auf einer winzigen Insel im Atlantik, auf halber Strecke zwischen Europa und Nordamerika, residiert. Genauer: In Reykjavík, Hauptstadt eines Reichs aus Felsen, Eis und Lava, dessen 300.000 Einwohner noch an Elfen und Trolle glauben, von Touristik, Fischfang und Landwirtschaft leben, und wo eigentlich jeder mit jedem verwandt ist. „Das ist wirklich so“, lacht Jónsi, 38-jähriges Mastermind von Sigur Rós. „Hier leben so wenige Menschen, dass die Gefahr von unbewusstem Inzest extrem hoch ist, zumal die meisten nicht besonders gut mit Alkohol umgehen können. Sie trinken so viel, dass sie die Kontrolle verlieren und wer weiß was passiert. Das ist ein echtes Problem. Trotzdem – oder gerade deshalb – lebe ich gerne hier: Weil es ein lustiges Völkchen ist, weil die Mieten billig sind, das Essen gut und der Kaffee ganz hervorragend. Im Ernst: Island hat den besten der Welt, und deswegen gibt es auch keinen Starbucks oder andere Ketten – weil die Menschen einen viel höheren Qualitätsstandard haben“, sprichts und schüttet ein French Pressing ein, das dem Verfasser dieser Zeilen glatt die Schuhe auszieht. „Guter Stoff, oder?“, so Jónsi und grinst die Bedienung im Kex an. Ein Szenelokal in Downtown Reykjavík, in dem Islands erfolgreichster Musikexportartikel seit Jahren Stammgast ist, von Gleichgesinnten mit freundlichem Kopfnicken begrüßt, aber von Außenstehenden kaum erkannt wird. Schließlich handelt es sich bei Jónsi um ein unscheinbares, schmächtiges Männchen in Parka und Cordhose, das wegen eines Glasauges leicht schielt, und vorzugsweise mit breitem Grinsen sowie witzigem Akzent glänzt. „Wir können uns hier ganz ungezwungen bewegen“, setzt er an. „Niemand belästigt uns, niemand drückt uns dumme Sprüche, und es ist auch niemand neidisch auf unseren Erfolg. Im Gegenteil: Die Leute sind stolz auf uns, und finden es irre, dass wir so groß geworden sind – genau wie wir. Ich meine, wer hätte gedacht, dass wir mal im Madison Square Garden oder auf dem Coachella Festival in der kalifornischen Wüste spielen – als Headliner? Das ist mehr, als ich mir in meinen kühnsten Träumen erhofft hätte. Und es fühlt sich wunderbar an.“

Zumal wir hier von keinem gewöhnlichen Pop- oder Rock-Act reden, sondern einem Kollektiv, das seit 19 Jahren einem eigenwilligen Gebräu aus Ambient, Techno und lupenreiner Avantgarde frönt, seine Tonträger mit unaussprechlichen Titeln wie „Ágaetis Byrjun“ versieht, dazu hochtrabende Kunstfilme dreht, Musik für Theaterstücke und Ballettaufführungen komponiert, und meist eine skurrile Fantasiesprache namens Hopelandic bemüht – die nicht einmal Jónsi erklären kann. „Es sind Worte, die eigentlich nicht existieren, aber halt gut zur Musik passen. Eben wie ein weiteres Instrument, das die Melodien verstärkt. Klar, ließe sich das auch mit einer richtigen Sprache erzielen, aber es ist halt wie improvisieren, wie scatten. Und es basiert auf meiner Faulheit, da ein bisschen mehr Zeit und Energie zu investieren. Nur: Die Leute scheinen es auch so akzeptieren. Mehr noch: Sie legen sich ihre eigene Bedeutung zurecht, die zwar meist ziemlich absurd ist, aber verdeutlicht, dass sie sich damit befassen, dass sie kreativ sind und auf diese Weise ihre eigenen Emotionen zum Ausdruck bringen. Wobei wir wie ein Katalysator fungieren – was mich sehr stolz macht.“ Schließlich sind Sigur Rós nicht nur extrem anspruchsvolle und visionäre Musiker, sondern – was selten vorkommt – auch ausgesprochen erfolgreich. Ihre letzten vier Werke waren allesamt internationale Bestseller, die sogar die Top 10 der Billboardcharts geknackt haben, regelmäßig Goldstatus erreichten und mit ihren mystischen Kompositionen zu den Lieblingen von Computerspielherstellern, Werbeagenturen oder Hollywood-Regisseuren avancierten – weil sie scheinbar die perfekten Soundtracks zu allerlei TV-Serien wie Blockbustern liefern. „Wir sind der feuchte Traum eines jeden Regisseurs“, kichert Jónsi, während er noch mehr schwarzen Kaffee schlürft. „Zumindest hat mir das Cameron Crowe erzählt. Er hat händeringend nach einem Score zu ‚Vanilla Sky‘ gesucht, aber nichts passte – bis er unser Stück ‚Njosnavelin‘ hörte und angeblich ausgerastet ist, weil es genau das Richtige war. Na ja, zumindest behauptet er das. Der Film ist aber nicht besonders gut. Ein typischer Tom Cruise.“

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Weshalb es Jónsi auch viel spannender findet, über seine Pop-Ambitionen zu reden. Schließlich hat er bereits ein englischsprachiges Soloalbum namens „Go“ veröffentlicht, das weitaus kommerzieller anmutet als seine Arbeit mit Sigur Rós. Und er hat – was manche Fans mit Kopfschütteln quittieren – für DJ Tiësto gesungen bzw. denkt laut über Kollaborationen mit Superstars der Marke David Guetta, Beyoncé, Rihanna, Nicki Minaj oder gar Will.I.Am nach: „Ich weiß, es klingt ein bisschen komisch. Aber: Ich liebe Pop. Ich liebe es, in Clubs zu gehen und zu fröhlicher, euphorischer Musik zu tanzen. Also nichts, bei dem man wahnsinnig viel nachdenken müsste, sondern das man einfach genießen kann – wenn man sich darauf einlässt. Und das ist so etwas wie das Gegenteil von Sigur Rós, die ja immer sehr anspruchsvoll und intensiv klingen. Das Ganze ist eine Art Ausgleich – den ich genauso brauche, wie jeder andere Mensch. Deshalb hätte ich auch kein Problem damit, mal mit einem dieser Künstler zu arbeiten. Ich denke, das könnte sogar ein Riesenspaß sein. Ich meine: Beyoncé & Jónsi – das klingt doch super, oder?“

Bis es soweit ist, legen Sigur Rós, die seit dem Ausstieg von Keyboarder Kjartan Sveinsson nur noch zu dritt sind, erst einmal ihr siebtes Studioalbum „Kveikur“ vor – und überraschen mit einer Reihe von Neuerungen. Angefangen bei fast schon traditionellen Songstrukturen, einem aggressiven, rauen Vibe sowie einer spannenden Mischung aus organischen und synthetischen Sounds, Industrial-Rock und völlig überladenem Orchester-Bombast. Was wie eine regelrechte Eruption anmutet – und wie eine radikale Kehrtwende vom Vorgänger „Valtari“, der dagegen fast etwas von Yoga- oder Wellness-Musik hat. „Die neuen Songs sind wirklich das exakte Gegenteil. Wofür es eine ganz simple Erklärung gibt: Sie sind zur selben Zeit entstanden wie ‚Valtari‘, haben aber nicht in das Konzept gepasst, das wir damals verfolgten. Also haben wir sie zur Seite gelegt und dann gemerkt, dass sie im Grunde wie Heavy Metal sind – viel lauter, brachialer und energetischer. Was wir sehr spannend fanden. Eben wie eine neue Herausforderung, und weshalb wir in Zukunft auch mehr in diese Richtung gehen wollen. Sprich: Das ist erst der Anfang, und vielleicht sogar eine Reaktion auf die Behäbigkeit der Vergangenheit. Im Sinne von: Vielleicht haben wir es stellenweise doch ein bisschen übertrieben – selbst, wenn wir damit sehr erfolgreich waren. Aber hey, letztlich sollte man immer das tun, was einem Spaß macht, und dafür sorgt, dass man so etwas wie magische Momente verspürt – im Studio wie auf der Bühne. Danach streben wir. Und mit ‚Kveikur‘ kreieren wir etliche davon. Das ist alles, was zählt.“ Mit diesen Worten schenkt er noch einmal Kaffee nach. Sein fünfter …

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