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Holger Zilske und Kai Preussner sind mit ihrem Projekt nicht nur leidenschaftlicher Live-Act, DJs und Produzenten. Vielmehr verkörpern sie als Smash TV einen laissez fairen Rock-’n’-Roller-Status, eine Art „Rampensäue voller Talent“ oder wie sie selbst es nennen: Hugh Hefner meets Darth Vader. Mit ihren Veröffentlichungen residierten sie bislang auf Imprints wie BPitch Control und Get Physical. Auf Katermukke erschien kürzlich ihre „LFO My Ass“-EP und auf Hive ein Remix für Kant. Mit „Vespertine“ ist nun eine EP auf My Favorite Robot veröffentlicht worden.

Sieht man sich die ganze Historie von Smash TV an, so führt die Gründung an den Beginn des aktuellen Jahrtausends zurück. Anstelle von Kai Preussner war damals noch Michael Schmidt neben Zilske involviert. „Über die Zeit seit unseren Anfängen könnte ich ein Buch schreiben. Michael war bis 2003 dabei, danach war ich allein. 2005 wollte ich meinen Sound verändern und mit anderen Labels zusammenarbeiten. So habe ich angefangen, auch unter meinem richtigen Namen Holger Zilske auf Playhouse, Leena, Acid Test und Moodmusic zu releasen und bin ganz ordentlich damit unterwegs gewesen. Es ist immer weniger Zeit für Smash TV übrig geblieben und ich hatte die Vision für das Projekt verloren. 2009 habe ich dann mit Kai jedoch nochmals angefangen. Er war damals bereits seit 17 Jahren mein bester Kumpel und wir haben schon immer regelmäßig Musik gemacht. Seit den Smash-TV-Anfängen hat er Gitarren eingespielt und war oft auf die eine oder andere Art eingebunden. Mit Get Physical und Leena hatten wir zwei Labels, die unsere Tracks releasen wollten. Außerdem hat das im Studio musikalisch so geflutscht, dass Kai sofort full-time mit eingestiegen ist. Wie also sollten wir uns nennen? Smash TV knallt immer noch und passt zu unserem neuen Sound. Also haben wir dem Namen 2010 neues Leben eingehaucht und uns neu erfunden“, erinnert sich Holger.

Die Neugeburt tat ihnen gut – die Diskografie wächst und auch die Bandbreite an Labels, auf denen ihre Produktionen erscheinen. Zuletzt war dies auf My Favorite Robot, kurz MFR, der Fall, erzählt Kai: „Wir waren mit Jared Simms vom Label zusammen auf einer Rakete-Party im Hive in Zürich gebucht und haben uns super verstanden. Kurze Zeit später haben wir ihm drei Tracks geschickt, die nun die ,Vespertine’-EP formen. Recht unkompliziert! Die Produktion der Tracks war etwas anders, als wir das sonst machen, vielmehr ein Experiment. Die Vorgabe war hier, dass der Großteil der Elemente aus dem Modularsystem kommen muss und alles so analog wie möglich sein soll. Das ging von ,keine Bässe im Sequenzer einmalen, sondern Hardware-Sequencer benutzen’ bis hin zu ,so wenig Plug-ins wie möglich und stattdessen Outboard Gear verwenden’.“ Generell hat sich die Arbeit im Studio in den letzten Wochen und Monaten entwickelt – analog wurde schon immer viel gemischt und erzeugt. Synthesizer, Drum Machines, Mischpulte und Kompressoren jedoch ändern sich permanent. „Im Moment sind das Modular-System und diverse analoge Sequenzer im Fokus. Alle Spuren werden in Cubase aufgezeichnet und dann mit UAD Plug-ins bearbeitet.
Dazu mischen wir mit einem SPL Neos Pult, in das diverse SSL Equalizer eingeschleift sind. Als Monitore benutzen wir Klein und Hummel O410 – die würde ich auch als mein favorisiertes Tool bezeichnen.“ Ansässig sind sie neben anderen Akteuren wie Pan-Pot, Tobi Neumann und vielen mehr in den Riverside Studios. „Wir haben dort einen relativ kleinen, aber sehr feinen und gut klingenden Raum, in dem wir super arbeiten können. Wir mussten uns etwas reduzieren, was uns aber gutgetan hat! Es gibt ein DJ-Zimmer mit vier CDJs und zwei Plattenspielern, um Podcasts zu machen, eine super Küche, einen großen Ess- und Chillbereich für alle und einen Kicker, an dem es schon einige Schlachten gab! Außerdem ist die Lage natürlich auch top, direkt an der Spree – wenn die Ohren voll sind, gehen wir eine Runde um den Block. Das Umfeld ist sehr inspirierend, viele interessante Kollegen sind vor Ort, aber auch Songwriter oder Leute, die Sounds für Videospiele machen. Alle sind sehr konzentriert dabei, das macht eine Menge Spaß – ist manchmal fast wie zur Arbeit gehen.“

Zeitgleich mit der Veröffentlichung von „Vespertine“ ist auch ein Video erschienen, das sie in Zusammenarbeit mit befreundeten Künstlern angefertigt haben. „Blaenk Minds, ebenfalls aus Berlin, hatten die Idee, verschiedene Künstler unterschiedlichster Richtungen zusammenkommen zu lassen, um etwas Neues zu schaffen. Hintergrund dabei ist, dass Blaenk Minds Audio und Video auflegen und daher zu allen Songs Musikvideos haben, was wir großartig finden. In dem Video zu ,Vespertine’ tanzen Asuka Riedl, Elsa Loy und Fabio ,Kabale und Liebe’ von Schiller zu unserer Musik, eingekleidet in Mode von Stefanie Barz, und Micokaja/ACBY mit Styling von Susan Kinsch und Hair/Make-up von Anja Kieselbach – wir sind von der Idee und dem Ergebnis begeistert! Wir glauben, dass Musik, die mit passenden Bildern daherkommt, noch größere emotionale Wirkung haben kann und auch einen anderen Zugang eröffnen kann.“

Für die kommende Zeit stehen u. a. Touren in Ecuador und Guatemala an. Ebenso Shows auf dem Sónar sowie dem Piknic Electronik in Barcelona. „Darauf freuen wir uns wahnsinnig. Leider mussten wir gerade eine Australien-Tour verschieben, die wird nun später im Jahr sein. Darauf freuen wir uns auch sehr! Später in diesem Jahr geht es auch wieder nach Nordamerika. Last but not least ist die Arbeit an neuer Musik und dem nächsten Album für uns immer ein Riesen-Highlight. Letzteres dauert aber sicherlich noch einen Moment. Bis dahin werden wir noch viele weitere Teile dieser Erde sehen und erfreuen uns an dieser Tatsache.“ Dass dabei auch skurrile Situationen zustande kommen können, weiß und erlebt das Duo mit unregelmäßiger Sicherheit: „Auf skurrile Situationen haben wir ein Abo – wir sind mal in Hongkong am Flughafen kurz in Gewahrsam genommen worden, weil ich einen Anhänger hatte, der wie eine Gewehrkugel aussah. Die dachten, ich will Munition mit ins Flugzeug nehmen. In Beirut gab es mal ein 6-Stunden-Immigrations-Interview aufgrund mysteriöser Visumsprobleme. Der Promoter hat dann ein paar Anrufe gemacht, dann ging es auf einmal. Aber nichts schlägt das Erlebnis, in Puerto Rico im Stundenhotel mit Spiegeln an der Decke zu wohnen – das war sehr romantisch!“ / Rafael Da Cruz

Aus dem FAZEmag 050/04.2016 
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