
Mich erreicht ein Paket mit den merkwürdigen Ausmaßen von 1 m x 12 cm x 3 cm — eine riesige Stange. Über diese Stange weiß ich nur eines: Da drinnen ist ein neues Musikinstrument von Soma Laboraties. Statt neu könnte man auch neuartig oder zumindest schlau weitergedacht sagen. Flux ist eines der aktuellsten Projekte der osteuropäischen Synthie-Schmiede und hat sich schon ganz gute Reviews abgeholt: „Ist Flux wirklich ein Theremin auf Stereoiden?“, titelte Voltage Labs frei übersetzt. Andere sagten: „Flux ist, wenn das Theremin auf moderne Sounds trifft“. Ich würde sagen, kann man so sehen — aber ein bisschen mehr ist schon dabei.
Von den 1920ern bis heute
Als Leon Theremin 1920 sein neuartiges, elektronisches und nach ihm benanntes Instrument vorstellte, das berührungslos gespielt wird und dabei direkt Töne erzeugt, war die Reaktion der Musikwelt zweigeteilt: Einerseits herrschte eine Faszination über die unsichtbare Steuerung, die Klangformen in der Luft, ohne Berührung, möglich machte. Andererseits gab es durchaus Verwirrung und Skepsis, weil es völlig neue Spieltechniken erforderte, jenseits traditioneller Tasten oder Saiten. Ein Instrument, das man nicht berührte und das uns gerade dadurch berührte. Nun gut, im Rückblick finden wir den Sinuston des Theremins oft auf eine charmante Art schon sehr cheap.
100 Jahre später nutzen die Tüftler von Flux auch eine kontaktlose Steuerung: Als Spielgerät werden bis zu vier kleine Magnete gebraucht, die man in der Hand hält. Diese Magnete haben auf einer Seite einen positiven und auf der anderen Seite einen negativen Pol, worauf das Instrument jeweils anders reagiert. Auf der Oberfläche sieht man in einer abstrakten, reduziert designten Form eine Klaviatur — sodass man immer weiß, wohin man den Magneten bewegen soll. Unter der Oberfläche ist eine magnetische Sensorfläche, die die Position, Bewegung und Neigung der Magnete erkennt. Bis dahin wirkt das bekannte Theremin-Prinzip: Kommt man der Oberfläche mit dem Magnet näher, wird der Klang intensiver — bewegt man sich nach rechts, wird der Klang höher. Der positive Pol des Magneten ist dabei die Standard-Spielweise, während der negative Pol zwei Oktaven tiefer spielt. Was Soma diesem Prinzip aber hinzugefügt hat, ist eine der stärksten Synth-Engines, die sie je gebaut haben, sowie eine unfassbar haptische und direkte Spielweise.
Erst mal zur Spielweise: Wenn man anfängt, z.B. Schlagzeug zu spielen, reicht am Anfang auch ein Einsteiger-Set. Das klingt passabel, wenn man draufhaut und es spart richtig viel Geld. Aber irgendwann kommt man ohne bessere Drums nicht mehr aus, denn andere Holzsorten, bessere Verarbeitung und andere Felle klingen direkter, lebendiger und klarer abgestuft. Und so ist es bei jedem guten Instrument: Es reagiert empfindlich auf die Spielweise. Und genau das macht Flux sehr eindrücklich.

Es gab in letzter Zeit viele Versuche, noch expressiver als mit einem Keyboard spielen zu können. Viele Hersteller haben mit dem neuen MPE-Standard ganz neue Wege gefunden, durch kleine Nuancen, Materialien und Gesten eine neue Art zu erfinden, wie man komplexe musikalische Instrumente wie Synthesizer spielen kann. Flux positioniert sich am oberen Ende dieser Entwicklung – subjektiv wirkt es präziser als viele andere MPE-Controller, wie das Seaboard oder Linnstrument. Das Instrument merkt sehr sensibel, wie weit man mit dem Magneten entfernt ist, ob der Magnet leicht geneigt ist oder welche Seite des Magnets zur Spieloberfläche zeigt, was einen riesigen Unterschied macht. Kurze, percussive Klänge gehen mit einer schnellen Handbewegung. Gleitende, streicherartige Klänge funktionieren mit ausschweifenden, langsamen Handbewegungen. Diese Gesten sind eine viel direktere Übersetzung auf Klang. Attribute wie schwebend, fließend oder abgehackt kommen direkt vom Körper und können somit direkt gehört werden. Das ist zum einen intuitiver als bei herkömmlichen Instrumenten wie Klavier, Geige oder Oboe, wo man sich nochmal Ebene um Ebene in die Spielart reindenken muss. Es ist zum anderen viel intuitiver, als an einer DAW Musik erst über mehrere Mausklicks zu erstellen. Ein riesiger Unterschied zwischen Flux und Theremin ist die Vierdimensionalität des Spielens: Während beim Theremin nur zwei Richtungen, nämlich Höhe und Breite, für die Steuerung von Lautstärke und Frequenz erfasst wurden, erfasst Flux Höhe, Breite, Länge und die Neigung der Magnete und nimmt jede Bewegungsachse des Handgelenks mit. Mit diesen vier Bewegungsparametern wird der Synthesizer unter der Oberfläche gesteuert.
Klangcharakter
Unter der Oberfläche schlummert eine der vielseitigsten digitalen Synth-Engines von Soma, die eigentlich alle Synthesearten gleichzeitig beherrscht: Wavetable-FM, Ringmod, Physical Modelling, Additiv oder Formant-Synthese. Diese Grundsynthese-Arten sind in 32 einzelne Algorithmen aufgeteilt worden, die sich genau an die Performance von Flux anpassen; vor allem an das Timbre-Sensorfeld neben der „Klaviatur“. Beim Performen spielt typischerweise die rechte Hand die Tonhöhen, die linke Hand das Timbre-Sensorfeld. Das Feld hat sechs Pole und erkennt auch positive wie auch negative Magnetfelder. Die Algorithmen lassen jeweils andere Parameter ihrer Klangsynthese über das Timbrefeld steuern: Mal sind es Klassiker wie Filtercutoff, Resonanz oder Hall. Mal sind es eher experimentellere Größen wie FM-Index , Korpusgröße oder Formante. Die Presets lassen sich also sehr stark beeinflussen — und man hat mit den sechs Parametern immer die ganze Klangpalette unter Kontrolle.
Kommen wir zum Grundklang selbst. Ich habe einige Zeit mit Flux verbracht und auch vielen Freunden den Synth gezeigt. Es war immer ein kleines Highlight, auch wegen des Sounds. Viele Soma-Synthies gehen ja schon absichtlich in eine experimentellere, noisige Richtung. Anders beim Flux. Flux’ Soundpalette besteht aus brachialen Bässen, cineastischen Pads, klaren Mallets oder flimmernden Texturen — immer sehr groß und aufgeladen mit Effekten. Und immer eher in eine digitale Soundästhetik zielend.

Breakout-Box
Der Sound ist durchaus charakteristisch, und das könnte auch ein Problem sein. Was ist, wenn man Sounds gerne auf Flux-Weise spielen möchte — aber die Klangwelt des Synths nicht so schätzt? Für diesen Fall hat Soma kurz vor Redaktionsschluss eine Breakout-Box entwickelt. Mit dieser kann Flux über MIDI und CV Kontakt zur Außenwelt aufnehmen, sodass jetzt die gesamte Klangwelt von DAW, Plug-ins, Synthies und Modularsystemen offensteht. Die Breakout-Box bringt als MIDI-Controller die Daten über MPE: Die Pitchbend-Daten werden dabei als Slide, Nähe als Pressure und die sechs Timbresensoren als MIDI-CC-Daten ausgespielt. Mit den CV-Ausgängen kann man nun die Kontrolle über eine ganze Armada an Modulen übernehmen, da mehr als elf CV-Ausgänge zur Verfügung stehen. Das Timbrefeld kann man dabei als Makro sehen: Da ja sechs Pole im Timbrefeld zur Verfügung stehen, kann man nun sechs Makros, zum Beispiel Kombinationen aus Filter, LFO-Speed, Grain-Size und Reverb auf einen Pol legen und somit ein riesiges Potenzial entfalten. Oder man kann ganze DAWs, die CV-Steuerung zulassen, wie Bitwig oder Ableton.
Menüführung
Was ich wirklich cool fand, war auch die Menüführung, die genauso intuitiv funktioniert wie das Spielen auch. Statt Knöpfen gibt es fünf Soma-typische Metallkontakte. In Kombination mit den Magneten kann man schnell durch alle Menüpunkte kommen: Wie viel Hall soll auf dem Sound sein, wie empfindlich soll die Tastatur sein oder welcher Synthie-Algorithmus soll es sein? Man muss die ganzen Kombinationen sicherlich erst einmal lernen und die eigene Logik des Instruments verstehen. Aber dann funktioniert alles sehr flüssig. Und weil das alles so gut klappt, ist das Flux jetzt das tollste Masterkeyboard, das ich je hatte.
Aus dem FAZEmag 165/11.2025
Text: Bastian Gies
www.somasynths.com