Elektronische Musik hat sich immer dann weiterentwickelt, wenn völlig neue Instrumente erfunden wurden und der Umgang mit diesen ausgereizt wurde. Eine der innovativsten Schmieden auf den Synthesizer-Markt ist SOMA Laboratory aus Russland und Polen: Ihre Tools nehmen gewohnte Strukturen und bringen neue Twists und Funktionen dazu. Sei es der mundgesteuerte „The Pipe“-Synthesizer, der Breitbandempfänger „Ether“, den analogen „Lyra-8“ mit analogen Effekten und FM. SOMA ist die Welt von Synthesizer-Wizard Vlad Kreimer, der uns jetzt Rede und Antwort steht.


 

 

Vlad, wie geht es euch? Wie ist kommt ihr mit Corona zurecht?

Uns als Unternehmen geht es gut. Die Produktion, Verkäufe sowie die Entwicklung laufen sehr gut weiter, Das gelingt uns einerseits, weil wir schon gewohnt sind, bestimmte Teile unserer Arbeit von zu Hause aus zu realisieren. Aber darüber hinaus haben wir auch viele Prozesse reorganisiert, damit man Leute, die an einem Ort arbeiten müssen, schützen kann.

Glückwunsch! Lass uns die Geschichte von SOMA mal von Anfang an starten: Wolltest du nach der Schule schon immer Synthesizer bauen?

Nein, das nicht. Aber ich wollte Musik machen und mir fehlten die Instrumente. Also habe ich entschieden, dass ich mir sie selber baue. Seit ich sechs Jahre alt bin, bastle ich mit Elektronik herum, von daher war dieser Prozess ein sehr erquickliches Abenteuer für mich.

Welches Instrument kam als erstes dabei rum?

Als ich 16 war, bastelte ich so etwas wie einen analogen, monophonen Ribbon-Synth, ohne klare Grenzen zwischen den Tonhöhen, sozusagen fretless. Das erste richtig große Projekt baute ich ein paar Jahre später: einen semianalogen 8-Bit-Sampler.

Bist du eher Musiker oder doch Ingenieur?

Beides, zudem auch Philosoph. Meine Arbeit funktioniert nur gut, wenn alle diese Teile zusammenarbeiten.

Hast du einen Tipp für unsere interessierten Leser, wie man anfängt, selber elektronische Instrumente zu bauen?

Du musst zuerst anfangen, dich tief in die Elektronik einzuarbeiten. Es ist unmöglich, ein Engineer zu werden, wenn du nur Pins auf einem einfachen DIY-Kit zusammenbaust, ohne es wirklich zu verstehen. Wenn das Verständnis da ist, gehe tief in dich hinein und suche nach Inspiration und deinen Vorstellungen.

SOMA entwickelt seine Instrumente in Russland. Welche Einflüsse hat dieses Land und speziell die sowjetische Wissenschaft auf dein Engineering gehabt?

Einen großen. Vor allem der Spirit: Die ganze Wissenschaft war der Hoffnung einer guten Zukunft zugewandt. Fast als einziger Staat hatte die UdSSR eine Utopie im Blick. Der Kommunismus mit der Vision einer zufriedenen Bevölkerung in ferner Zukunft, in der alle die gleichen Rechte genießen könnten und damit einen Anspruch auf allgemeines Glück hatten. Es war ein Staat, dessen Wissenschaft alles zu einer besseren Gesellschaft entwickeln wollte und dabei vor allem auf Nützlichkeit für die Leute geachtet hatte. Das inspiriert SOMAs Philosophie und Spirit nachhaltig.

2016 startete SOMA mit dem Lyra-8. Wie haben sich das Team und deine Kreativ-Projekte weiterentwickelt?

Nun, ich fing an als One-Man-Army an und nun sind wir eine internationale Manufaktur, in die über 100 Menschen involviert sind. Aktuell werden zehn unterschiedliche Projekte entwickelt oder bereits produziert und ich denke, dass die Kurve weiter nach oben gehen wird!

Ein ganz besonderes Projekt beschäftigt euch auf Sansibar – erzähle uns davon!

Dort realisieren wir unseren Traum von einem perfektem Ort: leben in wunderschönen Natur mit gesunder Ernährung in Kombination mit unserer Vision von Technik und Kunst. Dort können wir uns mit guten Freunden unterhalten, mit Partnern treffen und von Mitarbeitern inspirieren lassen. Sansibar wird ein Resort für kluge Köpfe, die dort die Sonne und den Ozean genießen können und gleichzeitig etwas Nützliches machen wollen. Man kann Urlaub machen und dabei neue künstlerische Kollaborationen knüpfen, Wissen mit anderen teilen und von ungeahnten Ideen unserer Community profitieren.

Was ist dein Anspruch an musikalische Instrumente und Klangsynthese?

Es muss irgendwie menschlich sein. Das Instrument muss uns irgendwie in die richtige Richtung bringen. Es sollte den Musiker helfen, seine Innenwelt zu spüren und nach Außen zu bringen. Ich versuche bei jedem Instrument den Zusammenhang von analoger und digitaler Synthese mit der Essenz des Lebens und des Universums herauszufinden.

Manche deiner Kunden erzählen in den YouTube-Kommentarspalten von einer gewissen Mystik, welche deine Tools umgeben soll. Manche sprechen von Magie. Verbindest du deinen Instrumentenbau mit Spiritualität?

Das ist kein Problem, denn wenn man moderne Wissenschaft verstanden hat, weiß man, dass nicht weniger „Magie“ dabei ist als bei der mittelalterliche „Magie“. Man könnte sagen, Spiritualität ist wie eine Seele, die einen Körper braucht. Und das einzige Ding, das Instrumenten einen Köper geben kann ist die Physik.

Deine Drum Maschine Pulsar ist ein neuer Stern am Studiohimmel, dafür gab es überragendes Feedback. Wie hart war es für dich, eine Drum Maschine zu bauen, die nicht zu viele Features von 808 und 909 klont?

Da bin ich meinem Instinkt gefolgt. Es ist nicht schwer, keinen Klon zu bauen, wenn man auf sich selber hört. Wenn du kurz mal den Ruhm von anderen vergisst und deiner Leidenschaft und deiner Liebe folgst, kommen einzigartige Dinge heraus, ohne das du dich dazu besonders anstrengen musst.

Wer sind die innovativsten Köpfe auf dem Synthesizer-Markt für dich? Sind es aktuell die großen Brands wie Korg, Roland und Moog oder eher die kleinen DIY-Manufakturer?

Aktuell sind es Leute wie Folktek, Rob Hordijk, Lippold Haken, ROLI, Game Changer Audio, Nonlinear Labs, die mich überzeugen. Die Majors scheinen eher mit Marketing als mit spannenden Projekten beschäftigt zu sein. Um innovativ zu sein, muss die Leidenschaft wichtiger sein als da Geld.

Was denkst du über Behringers Ansatz, klassische Synths nachzubilden und für wenig Geld auf den Mark zu bringen?

Ich möchte nicht über irgendjemanden urteilen. Jeder findet seinen eigenen Weg. Man kann es zweiseitig sehen: Einerseits geben sie Leute mit einem geringem Einkommen die Möglichkeit kreativ zu sein, andererseits zerstören sie die Magie um diese legendären Instrumente. Und das nicht nur wegen der billigen Bauweise, auch der geringe Preis, die Verfügbarkeit und die Art des Marketings berühren den inneren Wert dieser Instrumente. Damit bleibt die Frage, welche Seite gewinnt. Soweit ich weiß, ist Behringer die reichste Synthesizer-Marke. Wenn man demokratischen Prinzipien folgt, stimmen die meisten Leute für Behringer aufgrund des Geldes.

Welches Instrument brauchen elektronische Produzenten, dass es aber aktuell noch nicht gibt?

Ich denke dabei vor allem an Tools, die helfen einen Überblick über all die anderen, unglaublichen Tools zu verschaffen und diese mit den Limitierungen des menschlichen Körpers zu bedienen.

Welche Künstler machen für dich die Musik der Zukunft?

Für mich sind es Leute wie Arca, Oneeva oder Richard Devine. Schräge Underground- Dudes machen verrückte, starke Musik mit Supercollider, PureData, Live Coding. Irgendwelche Teenager machen Hip-Hop in ihrer Küche mit 150-EUR-Equipment ohne irgendein Wissen darüber.

Was sind deine Pläne mit SOMA in der nächsten Zeit?

Weiterhin unseren Träumen folgen und coole Projekte realisieren!

 

 

Aus dem FAZEmag 099/05.2020
Text: Bastian Gies
www.somasynths.com