Kennengelernt haben sich der Schweizer Bryan Coletta und der Uruguayer Emiliano Haberli in der spanischen Metropole Madrid über gemeinsame Bekannte im Jahr 2017. Nur vier Jahre später blicken beide bereits auf zahlreiche Meilensteine ihres Projektes Sparrow & Barbossa. Gemeinsam mit Pippi Ciez und ST53 führen sie das Label Inward Records, mit ihrem Titel „Yeke“ und dem dazugehörigen Re- mix von Enzi Siffredi landeten sie bereits einen Nummer-1-Hit in den Afro-House-Charts. Vier Jahre nach Release findet man den Track noch immer in den Top 100. Ihre Interpretation zu Fatoumata Diawaras „Nterini“ erreichte Platz 2 im selbigen Ranking. Ihr Sound klingt wie eine Fusion aus organischen sowie progressiven Klängen, ein Umstand, der sicherlich durch den Altersunterschied der beiden gefördert wird. Während Bryan die frischen, modernen Klänge und Melodien einbringt, sorgt Emiliano für die Feinabstimmung des rhythmischen Teils und bringt sein über die Jahre erworbenes Wissen ein. Als Weltenbummler sind sie wahre Liebhaber ethnischer Kulturen, die dieses Erbe durch elektronische Musik weitergeben wollen. 

Bryan ist Pianist, sein Vater ist der legendäre Gitarrist Francis Coletta, der mit Künstler*innen wie Whitney Houston, Quincy Jones oder Frank Sinatra zusammenarbeitete. Emiliano ist in einer von afrikanischen Ko- lonialherren beherrschten Region Uruguays geboren und aufgewachsen und wurde stark von der sogenannten „Candombe-Kultur“ beeinflusst, einem rein afrikanischen Stammesrhythmus, der aus der Kolonialzeit stammt. Schon in jungen Jahren wurde Bryan von Soul, Jazz und Funk beeinflusst, die er nun in seinen Kreationen einsetzt. Emiliano zog vor 15 Jahren nach Europa, wo er mit der elektronischen Musikszene in Kontakt kam und begann, seinen Stil in der Musikwelt zu formen, indem er Schlagzeug für DJ Chus & Joeski auf ihrem klassischen Track namens „El Amor“ spielte. Nun veröffentlichte das Duo mit „Seven Seas“ sein Debütalbum auf Redolent Records, dem Imprint von DJ und Produzent Chus. 

Lasst uns bei null anfangen. Wie ist Sparrow & Barbossa entstanden?

Emiliano: Als Bryan vor vier Jahren aus der Schweiz nach Spanien zog, wandte er sich an einige gemeinsame Freunde, die wir in der Schweiz hatten, und bat sie um Tipps, um sich mit anderen Produzent*innen und DJs hier in Madrid zu vernetzen. So kamen wir zusammen, da ich auch ein paar Jahre in der Schweiz gelebt hatte. Es war von Anfang an ein sofortiges Match. In der Nacht, in der wir uns trafen, verbrachten wir fast 24 Stunden damit, Musik zu hören und uns auszutauschen. Nachdem wir ein paar Mal zusammen gespielt hatten, fühlten wir wirklich, dass wir eine Verbindung hatten und etwas passierte, und beschlossen, als Duo zu produzieren und zu sehen, wohin uns das führt. 

Was sind eure jeweiligen musikalischen Hintergründe?

Bryan: Ich bin in einer Musikerfamilie aufgewachsen, mein Vater Francis Coletta, ist ein recht erfolgreicher Jazzgitarrist. Daher war ich bereits
in frühester Kindheit von Musik umgeben. Ich habe hauptsächlich Jazz und Funk gehört. Recht früh habe ich auch Klavier gelernt. Nach ein paar Jahren entdeckte ich elektronische Musik durch Acid Jazz, Electro Jazz mit Compilations wie „St-Germain“, und es war ein sofortiger Treffer für mich. Seit meinem zwölften Lebensjahr habe ich buchstäblich dieses Genre durchstöbert.

Emiliano: Ich bin mit der lokalen Musik meiner Heimat Uruguay auf- gewachsen, die afrikanische Wurzeln hat und Candombe genannt wird. Hinzu kamen dann noch kubanische und brasilianische Populärmusik, die ich auch sehr mag. Pioniere auf diesen Gebieten sind für mich Irakere aus Kuba sowie Martino Davila, Toquino und Vinicius de Moraes aus Brasilien. 

Aktuell lebt ihr in Madrid. Wie sehr beeinflusst die spanische Kultur eure Musik?

Emiliano: Wir leben derzeit in Madrid, aber wir würden sagen, dass unsere Musik im Grunde keine Grenzen kennt. Wir haben vor etwa einem Jahr unseren ersten spanischen Flamenco-inspirierten Track namens „Morena“ produziert, der jetzt Teil unseres Debütalbums ist. Die Essenz unserer Musik ist es, das Erbe ethnischer Kulturen durch elektronische Musik zu vermitteln und ist daher von der ganzen Welt inspiriert; überall zwischen Afro-House, Latin-House, Oriental-House und mehr. 

Um Afro-House ist ein globaler Hype entstanden. Wie empfindet ihr den Status quo des Genres?

Bryan: Als wir anfingen, diesen Sound hier Spanien zu spielen, waren wir vielleicht eine Handvoll von DJs, die diese Art von Musik hier spielten. Und es war eine echte Herausforderung, diese Liebe und diese Vibes mit dem spanischen Publikum zu teilen. Wie wir bereits erwähnt haben, sind wir nicht nur Produzenten von Afro-House-Musik. Wir lieben es, Genres rund um Ethnic, Latin-House und Weltmusik mit House-Musik zu erforschen. Wir werden bald „Ambassador“ eines neuen Genres von House auf Beatport sein, darauf freuen wir uns sehr. Wir denken, dass nicht nur Afro-House, sondern die gesamte afrikanische Kultur gerade die Welt erobert. 

Wie ist euer Workflow im Studio, wer ist der Kreative, wer ist der Techniker?

Emiliano: Auf dem Papier kümmert sich Sparrow um die harmonische und techni- sche Seite der Musikproduktion, während Barbossa der Groove Maker ist und sich um die rhythmische Basis und die Percussion-Soli kümmert. Aber letzten Endes haben wir eine Art Hin und Her im Schaffensprozess. Manchmal hat einer eine Idee, der andere ergänzt sie, und so weiter. 

Am Album habt ihr rund ein Jahr gearbeitet, sicherlich ein positiver Nebeneffekt der andauernden Pandemie. Oder?

Bryan: Definitiv. Zunächst war es eine riesige Umstellung, von über 100 Reisen
im Jahr auf einmal nur noch zu Hause zu sitzen. Aber dann entpuppte sich genau dieser Umstand als eine der bedeutendsten Gelegenheiten, die wir je hatten. Wir haben in dem einen Jahr über 100 Tracks produziert und das Album finalisiert. Einen großen Anteil daran hat sicherlich auch unser Manager Chus, der uns dazu ermutigt hat. 

Emiliano: Ohne ihn wäre das Album so niemals möglich gewesen. Wir hatten die Möglichkeit, mit den Künstler*innen zu arbeiten, die wir am meisten bewundern, darunter Josh Milan, Floyd Lavine, Dele Sosimi, Cee ElAssaad. Wir haben auch den Vater von Bryan mit einbezogen, der dem ganzen Projekt eine einzigartige musikalische Note verliehen hat. Dieses Album markierte auch den Beginn einer Live-Performance, die wir nun auf die Bühne bringen möchten, und wir sind sehr gespannt, wohin uns das in Zukunft führen wird. 

Ihr habt gerade schon einige Kollaborateure genannt. Erzählt uns mehr zu den zahlreichen Features auf dem Album.

Emiliano: „Quando Te Veo“ ist die erste Single des Albums, eine komplette Neu- interpretation des emblematischen Songs der Gurus des Acid & Nu Jazz, des deutschen Duos Mo Horizons. Die zweite Single „E Fura“ ist eine Zusammenarbeit mit einem der beliebtesten nigerianischen Afrobeat-Botschafter, Dele Sosimi. „Nyakua“ ist der Beitrag unseres Mentors, DJ Chus, und die Vocals stammen von der kenianischen Lieblingssängerin Idd Aziz. „Azucar“ bringt den Latin-Flair auf das Album und ist eine Hommage an die Latin-Grammy-Gewinner und beliebteste kubanische Band, Los VanVan. Der in Berlin lebende, aufstrebende afrikanische Star Floyd Lavine ist der Partner auf der Studiokollaboration mit dem Titel „When I‘m With You“, gesungen vom legendären New Yorker Soul-Sänger Josh Milan. 

Bryan: Dann setzten wir die Segel nach Marokko, um Cee ElAssaad zu treffen
und „Libre“ zu produzieren, eine Ode an die Freiheit mit feinstem weiblichen, spanischen Gesang. TOSZ, der multidisziplinäre Künstler, polnische Sänger und Songwriter aus Frankfurt, ist der Mann hinter „Saudades Do Mar“. „Morena“ ist der Gypsy-Rumba-Fiesta-Track dieser Reise mit der spanischen Sängerin Vinila Von Bismark. Danach ging es weiter in Richtung Karibik, wo wir uns mit El Chino Dreadlion und VitiYono bei „We Are Not Alone“, einem charmanten kubanischen Gesangstrack, zusammentaten. „Dream“ und „Back Home“ sind private Crossover auf dem Album. „Transat L‘Antique“ ist der Abschlusstrack des Albums, bei dem mein Vater mitwirkte. 

Mit Inward Records führt ihr selbst ebenfalls ein erfolgreiches Label. Welche Philosophie verfolgt ihr dabei und was ist für die nächsten Wochen geplant? 

Emiliano: Obwohl wir das Label erst vor rund einem Jahr gestartet haben, wurde es schnell zu einer Referenz, und wir sind erstaunt, wie viele Demos wir jeden
Tag erhalten. Demnächst möchten wir ein weiteres Sublabel starten, um uns noch besser aufzustellen. Die Philosophie dabei ist und bleibt: Jedem und jeder auf der Welt eine Stimme und eine Struktur zu geben, die ihm/ihr helfen kann, dasselbe zu tun wie wir. Die Liebe durch elektronische Musik mit einem Hauch von Ethnizität zu teilen. 

Aktuell spielt ihr jeden Donnerstag im Baloo auf Ibiza. Was steht in den kommen- den Wochen und Monaten außerdem auf eurer Agenda?

Bryan: Im September werden wir unter anderem in Schweden, Schweiz, Spanien und weitere Shows auf Ibiza spielen. Wir sind bereits wieder zurück im Studio und haben eine Menge Kollabos und Remixe am Laufen. Am 10. September werden wir einen neuen Latin-House-Track mit dem Titel „Reproche“ auf Peppe Citarellas Union Records veröffentlichen, gefolgt von einem Remix, den wir für Djuma Soundsystem auf seinem Label Iziki gemacht haben mit dem Titel „Para Onde“. 

Emiliano: Wir wollen in Zukunft öfter live spielen als auflegen, und wir denken bereits über ein zweites Album nach, um diese Absichten noch weiter zu unter- mauern. Viele Kollaborationen mit Leuten, mit denen wir schon immer gerne zusammenarbeiten wollten, und wie immer eine Menge S&B-Remixe sind geplant, ja. Wir wollen auf jeden Fall im Oktober wieder in Amerika touren, mit der gleichen Vision: so viel Liebe und Kultur wie möglich zu teilen. 

 

Aus dem FAZEmag 115/09.21
Text: Triple P
www.instagram.com/sparrowandbarbossa