Städtetrip
– mit Christoph Faust in Kyjiw

Städtetrip
– mit Christoph Faust in Kyjiw

Viele dürften Christoph Heinze noch als Inhalt Der Nacht kennen – ein Projekt, das fünf Jahre lang Rock- und Electronic-Einflüsse kombinierte und mit dem er einst sein Debüt im Berghain feierte. Mittlerweile ist Heinze unter dem Pseudonym Christoph Faust aktiv, kuratiert die Event-Reihe „Wet Skin“ und unterhält mit Faust Format sein eigenes Vinyl-Label. Darüber hinaus ist er als Booker für den wohl geheimnisvollsten Club im gesamten Ostblock aktiv – dem , auch bekannt als K41, in Kyjiw. Im Rahmen seiner Arbeit pendelt er mehrfach im Jahr in die vom russischen Angriffskrieg gebeutelte ukrainische Hauptstadt.

Christoph, du lebst in Berlin, pendelst aber regelmäßig nach Kyjiw. Wie oft reist du im Moment dorthin?

Ich reise mittlerweile alle paar Wochen nach Kyjiw. Es ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden, nicht nur wegen der Gigs, sondern auch, weil ich plane, in Zukunft dorthin zu ziehen. Ich war inzwischen wohl schon zehn- oder zwölfmal dort.

Was hat dich dazu bewogen, während des Krieges in Kyjiw zu arbeiten?

Das war eigentlich keine Entscheidung, über die ich lange nachdenken musste. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich es tun musste. Schon vor dem Krieg zog Kyjiw Menschen aus aller Welt an, fast so wie Berlin nach dem Mauerfall. Auch während des Krieges fühlte ich mich dahingezogen. Für mich ging es nicht um Logik — ich wusste einfach, dass ich dort sein wollte. Es fühlte sich einfach richtig an.

Die Technoszene in Kyjiw wirkt trotz des Krieges robust und widerstandsfähig. Wie hast du die Entwicklungen seit dem 24. Februar 2022 persönlich erlebt?

Am Anfang kam alles zum Stillstand. Niemand wusste, was passieren würde, und einige Clubs wurden sogar zu Schutzräumen. Aber langsam, Schritt für Schritt, kam die Kultur zurück. Die Menschen haben gemerkt, wie sehr sie sie brauchen. Jetzt sind wieder internationale Artists da, es gibt wieder Festivals, und die Energie auf der Tanzfläche ist unglaublich. Es geht nicht ums Business, es geht um Musik und Gemeinschaft. Alle sind präsent, niemand schaut aufs Handy. Es fühlt sich wie echter Underground-Widerstand an, und das ist sehr kraftvoll.

Was war dein erster Kontakt mit der Clubkultur in Kyjiw?

Mein erstes Mal war 2021 im K41. Schon vom ersten Moment an war es magisch. Ich spielte zusammen mit Oman Breaker und Aiden, und ich werde den Ablauf der Nacht nie vergessen — drinnen beginnend, morgens nach draußen ziehend, mit Menschen, die in Wellen kamen und gingen. Es gab mir das Gefühl, dass man, wenn man einmal dort war, immer wieder zurückkehren möchte.

Wo findet man dich in der Stadt, wenn du zu Besuch bist?

Ich wohne meistens im Bursa Hotel in Podil. Es fühlt sich an, als wäre man bei Freunden, und ihr Restaurant Supra gehört zu meinen Lieblingsorten. Für Kaffee gehe ich gern ins Kashtan. Aber die meiste Zeit findet man mich in Zoloti Vorota, dem Golden-Gate-Viertel. Dort könnte ich mir auch vorstellen zu leben — es ist grün, historisch und voller Leben.

Hast du einen Lieblingsort? Vielleicht einen Ort, an dem du Inspiration für deine Musik findest?

Ja, auf jeden Fall Zoloti Vorota. Die Mischung aus alten Gebäuden, gemütlichen Straßen, Kirchen und den Hügeln über dem Dnipro ist sehr inspirierend. Manchmal fühlt es sich dort fast an wie in New York, wenn ich durch die Straßen gehe. Auch wenn ich noch keinen Track direkt Kyjiw gewidmet habe, fließt die Energie der Stadt und ihrer Veranstaltungen längst in meine Produktionen ein.

Gibt es eine kulinarische Spezialität, die man in Kyjiw unbedingt probieren sollte?

Ich empfehle immer das Kanapka, ein traditionelles ukrainisches Restaurant. Die Entenbrust mit Karottenpüree und Kirschsoße ist mein Favorit. Die Qualität des Essens in Kyjiw ist fantastisch — das Gemüse, die Aromen, einfach alles. Und es ist bezahlbar. Ein komplettes Dinner für zwei Personen mit Getränken kostet etwa 50 Euro. Das erinnert mich sehr daran, wie Berlin einmal war, bevor die Gentrifizierung alles verändert hat.

Dein persönlicher Tipp für einen Kyjiw-Besuch?

Beim ersten Mal sollte man nicht zu viel planen. Entdeckt einfach die Stadt. Schlendert durch das Golden-Gate-Viertel, trinkt einen Kaffee im Kashtan und seht euch den Sonnenuntergang über dem Dnipro an. Die ganze Stadt leuchtet dann golden-rot, und es fühlt sich an wie in einem Märchen. Sehr schnell wird man dann merken, dass man nicht nur einmal nach Kyjiw reisen will.

Aus dem FAZEmag 163/09.2025
www.instagram.com/christoph__faust