Lassen sich innerhalb der elektronischen Musik, in der vermeintlich alles
ausprobiert und umgesetzt wurde, wirklich noch unentdeckte Klanginseln finden? Der Berliner DJ, Macro-Labelmacher und Produzent Stefan Goldmann ist der Ansicht: „Ja!“ Auf seinem neuen Album „17:50“ lässt er schräge Töne schön klingen.


In der House- und Technowelt ging es schon immer darum, durch künstlerische und technische Innovation neue Akzente zu setzen und die Musik weiterzuentwickeln. Höchstwahrscheinlich ist das heutzutage schwerer zu realisieren als zu Zeiten, in denen Sampling möglich wurde oder kleine Kultgeräte urplötzlich „Acid“ zwitscherten. Stefan Goldmann gehört auf jeden Fall zu denjenigen, die dem Anspruch gerecht werden wollen. Durchaus förderlich, dass der vielseitige Künstler (er vertonte u.a. ein Ballettstück oder entwickelte ein spezielles Konzertprogramm für einen buddhistischen Tempel in Japan) an der TU Berlin Akustische Kommunikation studiert hat. „Da ging es um Klangsignalverarbeitung von Sprache und Musik, Phonetik, Psychoakustik und Ähnliches“, erzählt er und fügt bescheiden an: „Das klingt jetzt gewichtiger als es war“.

Der 34-Jährige ist ständig von der Frage angetrieben: „Gibt es das schon?“ Er probiert unentwegt Geräte und Techniken aus, um seinen Tracks eine besondere Note zu verleihen. Dabei reizt er Sounds gerne maximal aus, beispielsweise durch Verzerrung. „Wie etwa dieses Fuzzprobe-Theremin auf ‘The Maze’. Das kann eigentlich keiner mehr anfassen, ohne nach diesem Track zu klingen. Genau so ist das mit den Pitchbend- und Tuning-Sachen auf ‚17:50’. Dadurch, dass ich das auf Albumlänge systematisch durchgehe, ist dieser Sound dann schon ziemlich vereinnahmt. Solche Sachen machen viel Spaß, und das bleibt dann auch hängen. Akustisches Branding …“, erläutert Goldmann sein Handwerk. Manchmal entdeckt er technische Sachen, wie zum Beispiel „Kombinationsloops, die sich aus zwei Platten ergeben, die eine auf 33, die andere auf 45 RPM..“ Ist simpel, hat aber vor ihm noch keiner gemacht. Immer, wenn er etwas sieht, das noch nicht besetzt ist, muss er es auschecken. Egal, ob das wichtig ist. Ihn interessiert erstmal die Häufung von zu schließenden Lücken.

Wesentlich mehr über Goldmanns Produktionsalltag und sein Verständnis von Klangästhetik kann man im Übrigen in der knapp 42-minütigen Dokumentation „Parameter“ erfahren, in dem er porträtiert und interviewt wird. Bereits im Juli erschienen war das Werk in den Amazon Musik-DVD-Charts sogar kurz auf Platz 5. Wohlgemerkt vor Tiësto und Westernhagen! Und Goldmann privat? Gerne hängt er in irgendwelchen dubiosen bulgarischen Geldwäschekaschemmen im südlichen Westberlin ab, isst scharfe Hackfleischspießchen und trinkt Anisschnaps. „Da läuft immer so miese Musik, die irgendwer live auf einem Keyboard mit der Aufschrift ‚Casio Orient Maste’ spielt. So wie auf ‚17:50’. Wenn die Mädels dann auf den Tischen tanzen, schnippe ich mit fettigen Fingern.“

www.stefangoldmann.com

Text: Alexander Antonakis