Seine Karriere als DJ begann der 1961 in Florenz geborene Noferini in den späten 70er-Jahren in seiner Heimatstadt, ehe er in den 1980er- und 1990er-Jahren Resident im Titilla in Riccione sowie im Fitzcarraldo in Arezzo wurde und durch ganz Italien tourte. 1998 fuhr Noferini mit einem italienischen Truck auf der Loveparade vor – und der Hype wurde international. Heute zählt Stefano Noferini zu den festen Instanzen im Techno, House und allem, was dazwischen liegt. Er bespielte legendäre Spots wie das Ultra Music Festival, Space Ibiza, Ministry of Sound, Elrow, The Egg, Cocoon Frankfurt, Pacha London und viele mehr. Sein Label Deeperfect, 2003 gegründet, zählt bereits über 500 Katalognummern mit Releases von unter anderem UMEK, Stephan Bozdin, Nicole Moudaber, Dj Chus und Mihalis Safras. Mit seiner wöchentlichen Radio-Show bespielt Noferini über 150 Radio-Stationen und erreicht so hunderttausende Hörer. Ähnliches gilt für seine eigenen Releases, die auf Labels wie Terminal M, 20/20 Vision und Tronic veröffentlicht wurden. Ein Interview.

Stefano, wie geht es dir und wie waren die ersten Wochen des Jahres für dich?

Mir geht es prima, danke. Das Jahr begann mit einer langen und großartigen Tour durch Südamerika. Ich liebe es dort, eine aufregende Zeit habe ich da jedes Mal. Danach ging es nach Europa – sowohl für viele Gigs als auch für Zeit im Studio. Vor Kurzem habe ich die Arbeiten an „Club Edition“ beendet, die bald auf Deeperfect erscheinen wird und für uns eine der wichtigsten Veröffentlichungen des Jahres sein wird.

Ehe wir über das Hier und Jetzt sprechen, lass uns zurück zu deinen Anfängen gehen. Wie bist du Ende der 70er-Jahre überhaupt zur Musik gekommen?

Ich war damals extrem angetan von der Funk-Soul-Disco-Ära – der Grund dafür, dass ich selbst mit dem Auflegen begonnen habe. Danach ging es für mich in die Detroit-Techno-Szene. In den 90er-Jahren habe ich versucht, etwas zu schaffen, was in der Zukunft Bestand haben wird. Es waren generell erstaunliche Jahre großer musikalischer Gärung, wie ich finde.

Wie haben deine italienischen Wurzeln und deine Heimatstadt dich und deinen Musikstil beeinflusst?

Florenz war in den 80er- und 90er-Jahren die Drehscheibe der Underground-Musik. Ich habe das Glück, in der Wiege der Renaissance zu leben, umgeben von der schönsten Architektur der Welt. Das Aufkommen der Funk- und Techno-Szene zu dieser Zeit bildete diese paradoxe Kombination, die diese kreative Kraft in mir erzeugte.

Du giltst als absoluter Musik-Liebhaber und leidenschaftlicher Plattensammler. Kannst du dich noch an deine erste Vinyl erinnern?

Na klar. Angefangen hat alles mit einem privaten Radiosender in Florenz, bei dem ich Moderator und DJ war. Ich verbrachte viel Zeit in einem Plattenladen namens Discomania, in dem ich meine erste 12Inch gekauft habe, nämlich Joe Tex‘ „I Gotcha“. Es war auch die erste Vinyl, die ich jemals gespielt habe. Ich war völlig begeistert von diesem futuristischen, amerikanischen Funk-Sound.

Mitte der 90er-Jahre ging es für dich auch international los. Wie war das damals für dich?

Ja, genau. Ich hatte das Glück, auf Anhieb die spannendsten und gefragtesten Clubs und Festivals zu bespielen, die unsere Szene heute regelrecht beeinflusst haben. Allein die Möglichkeit, auf der Loveparade aufzulegen, war für mich damals das Größte. Das Level an Professionalität war bereits damals extrem hoch. Es war dort in Berlin, nahe der Siegessäule, wo ich plötzlich wusste: Diese Passion ist jetzt mein Job und House-Musik ist ein kulturelles Phänomen, weit mehr als eine Modeerscheinung.

Die Szene geprägt hat auch dein Label Deeperfect Recordings, das du 2003 gestartet hast. Was ist die Idee und Philosophie des Labels?

Die Idee für dieses Label hatte ich bereits Jahre vor der Gründung. Man könnte sagen, sie ist über Jahre hinweg in meinem Kopf gewachsen, ehe sie dann in die Tat umgesetzt wurde. Eine für alle zugängliche Musikplattform zu schaffen, war zu dieser Zeit ziemlich schwierig und aus wirtschaftlichen Gründen nahezu untragbar. Ich habe irgendwann trotzdem den Mut gefunden und im Jahr 2000 angefangen, an der Idee aktiv zu arbeiten. Ich startete als reines Nischen-Label, das ausschließlich Vinyl presste. In den fast 20 Jahren haben wir eine Menge gelernt und auch oft die Richtung bzw. Orientierung neu justiert. Aber die Philosophie war von Anfang an die gleiche – sich durchweg auf musikalische Qualität zu konzentrieren und sich nicht dem Sell-out zu verschreiben, nur damit die Zahlen stimmen. Was heute ja leider oftmals der Fall ist.

Welche Releases waren deiner Meinung nach die wichtigsten?

Sie sind alle wichtig für mich – ich mag es nicht, Unterschiede zu schaffen, aber der Übergang von analog zu digital sollte zweifellos nicht vergessen werden. 2006 habe ich die Richtung komplett geändert und Deeperfect zu einem der ersten digitalen Labels der Welt gemacht. Nun ja, da ich darüber nachdenke, war vielleicht einer der Tracks, die diese Zeit prägten, mein Song „Burundi“.

Du spielst im Rahmen deiner Labelnächte regelmäßig in London, Frankfurt, Lissabon und weiteren Städten. Was genau macht eine Deeperfect-Nacht so besonders?

Die globale Underground-Szene ist mittlerweile zum Mainstream geworden. Viele Marken setzen für ihren Erfolg lediglich auf bestimmte Leistungskomponenten und Massenkommunikationsmodelle. In diesem Fall gehe ich gegen den Strom, indem ich der Philosophie meines Labels treu geblieben bin und auch bleibe. Ich kann nicht zulassen, dass die Musik an zweite Stelle rückt. Ein Fakt, der von vielen Clubs in Europa geschätzt und unterstützt wird. Für mich ist Musik alles. Ich möchte nicht der falschen Art von Versuchung nachgeben – Groove ist der einzige Weg in einer Branche, die ihre ursprüngliche Seele aus den Augen verloren hat.

Was sind deine Pläne für die Zukunft auf dem Gebiet?

Ich werde vielleicht alt, aber sicher nicht müde. (lacht) In diesem Jahr feiert Deeperfect 20 Jahre. Ich denke viel über eine klare Botschaft nach, die ich gerne sowohl Clubbern als auch der Industrie mitteilen möchte. Ich möchte die Zeit zurückdrehen und zeigen, wie Emotionen der Musik über jede industrielle Logik hinausgehen. Daher habe ich mich dazu entschlossen, viele Songs aus dem ursprünglichen Deeperfect-Katalog zu überarbeiten und im zeitgenössischen Stil anderer Künstler zu remixen. Damit möchte ich zeigen, dass ein Groove von vor 20 Jahren immer noch aktuell sein kann, auch wenn er durch neue Technologien entsteht.

In Sachen Produktionen waren die Jahre 2010 und 2011 wichtig für dich. Beatport hat dich zum „Breakout Artist“ und „Artist of the Year“ gewählt.

Ich habe mich natürlich gefreut und Awards sind wichtig, aber nicht notwendig. Zweifellos sind sie eine tolle Bestätigung und eine Art Anker für Künstler des Labels sowie alle Mitarbeiter dieser Maschinerie. Aber ich bleibe lieber bescheiden und bin immer innovativ. Vorwärtskommen ist der einzige Weg, um nicht unterzugehen.

Woran arbeitest du aktuell neben den Festivitäten zum Label-Jubiläum? Ich habe gelesen, dass du an einer Dokumentation über deine 30-jährige Karriere arbeitest.

Das stimmt, ja. Ich wurde von meinen Mitarbeitern dazu gedrängt, einen Überblick über meine Karriere zu kreieren, um nicht alles zu vergessen, was ich erlebt habe. (lacht) Es ist nicht mehr und nicht weniger als meine Sichtweise auf viele Dinge und ich hoffe, dass es für die jüngere Generation pädagogisch sein kann. Es wird in Kürze veröffentlicht, also lasst mich gerne wissen, ob es gefallen hat.

30 Jahre sind eine lange Zeit. Wie hat sich die Szene deiner Meinung nach in dieser Zeit verändert?

Ich finde, 30 Jahre sind eine lange Zeit, aber nicht für einen Künstler. Möglicherweise tritt die Reifung eines internationalen Künstlers erst nach 20 Jahren ein. Jeder Tag ist für mich ein Grund, meinen Beruf noch mehr zu lernen und zu verstehen, was es bedeutet, dass ständig alles infrage gestellt wird. Zweifellos hat die Technologie eine große Veränderung bewirkt und die Menschen ändern sich entsprechend mit. Zuvor hatten wir uns verpflichtet, praktische Lösungen zu finden, um immer die Besten zu sein. Heute ist mit Traktor zum Beispiel alles einfacher, sodass ich mich mehr auf die Musik konzentrieren kann. Die Möglichkeiten, die durch neue Technologien entstehen, wirken sich sehr positiv auf unsere Szene aus und bewirken einen musikalischen Vorteil. Daher sollten wir keine Angst haben, voranzukommen, denn die Lösungen sind endlos.

Gibt es, wenn du zurückblickst, Dinge, die dich stolz machen, und auch Dinge, die du heute anders machen würdest?

Meiner Meinung nach ist es die natürlichste Sache der Welt, zurückzublicken und gewisse Dinge zu bereuen. Oder zumindest zu glauben, man hätte sie lieber anders machen sollen. Nichtsdestotrotz gibt es jede Menge Sachen, die ich liebend gern genau so wiederholen würde. Für einen Künstler gelten diese beiden Seiten besonders. Es gab wahrscheinlich eine Phase in meiner Karriere, in der ich mich verlaufen habe und leichte Erfolge im Mainstream verbuchen musste, indem ich Qualität aufgab und meinen Beruf in bloßer Quantität veränderte. Es hat eine Zeit gedauert, um diesen Missstand – denn das war es für mich – wiedergutzumachen. Das war sehr prägend und gab mir große Inspiration. Und ja, ich würde alles noch einmal so machen. Wichtig ist es, verstanden zu haben, auf welcher Seite man stehen will – sowohl persönlich als auch künstlerisch.

Heutzutage ist es nicht nur wichtig, ein guter DJ zu sein. Es zählen vielmehr zahlreiche weitere Parameter wie Produktionen, Social-Media-Affinität etc. Wie siehst du diese Entwicklung?

Es kommt immer darauf an, wie man sich für die Technologie entscheidet. Dass soziale Medien unser Denken völlig verändert haben, steht außer Frage. Ich finde aber, dass dies nur Möglichkeiten und Werkzeuge sind, die so oder so genutzt werden können. Ich bin dankbar, in diesem digitalen Zeitalter bzw. zu einer Zeit geboren worden zu sein, in der ich verstehen kann, wie es mit, aber auch, wie es ohne ist. In Sachen Mode kommt diese Verbindung auch aus den 70er- und 80er-Jahren. Es gibt Dinge, die ich bereits gesehen habe, und die Antwort ist immer dieselbe: Keine Kunstform ist wichtiger als Musik – alles andere ist nur eine Geschäftsstrategie. Wir produzieren Antikörper für Derivate des Internets. Ich bin sicher, dass sich die neuen Generationen nicht auf die Anzahl der Likes des jeweiligen Künstlers konzentrieren oder auf Fotos, die für eine kurze Weile beeindrucken. Neben diesem ganzen visuellen Aspekt gibt es noch einen entscheidenden Button mit der Aufschrift „Nachricht senden“. Ich habe großes Glück, viele davon aus aller Welt zu erhalten. Es gibt Leute, die mir danken, die mich bewundern und die mich kritisieren. Das ist der schöne Teil des Internets und der sozialen Medien – und der mit Sicherheit authentischste Teil.

Dann hier die letzte Nachricht für heute: Was sind deine restlichen Pläne für 2019?

Ich habe vor, die gleichen Dinge wie in den letzten 30 Jahren zu tun – ich werde weiter in meine Evolution investieren und vielleicht ist es sogar an der Zeit, ein neues Album zu machen.

 

Aus dem FAZEmag 086/04.2019
Text: Rafael Da Cruz
Foto: Gabriele Gonzi
www.facebook.com/officialstefanonoferini

 

 

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