Credit: Randy Rocket


Begonnen hat seine Langspieler-Karriere bereits 2009 mit dem Werk „Reflections“ auf Diynamic. Im Zwei- bis maximal Dreijahres-Takt folgten über die Jahre dann immer wieder Alben, die ihn und seine Popularität kontinuierlich steigerten. Nun veröffentlichte Stimming mit „Ludwig“, so auch der zweite Name seines zweiten Sohnes, am 18. Juni sein bereits sechstes Album. Dabei verzichtet der Hanseate gezielt auf die oftmals als anabdingbar angesehene Notwendigkeit, die Betonung der zwölf Stücke auf den Dancefloor zu legen. Stattdessen weht einem ein Gefühl von Leichtigkeit entgegen.

Und genau dieses Gefühl sorgte beim Produktionsprozess für ein Gefühl des Neuanfangs: „… bei dem ich neues Land entdeckt habe und es möglichst bald weiter erforschen möchte. Techno und House, im Grunde fast alle elektronischen Tanzmusiken, leben ja von einer sehr stringenten Funktionalität, nämlich der geraden, vorhersehbaren Bassdrum bzw. dem Beat. Nur durch ihn kann überhaupt dieser Zustand des bedenkenlosen Tanzens erreicht werden und auch nur so kann ein DJ mit fertigen Stücken etwas noch einmal völlig Neues und Größeres als die Summe seiner Teile erschaffen: das DJ-Set. Als Produzent war diese erzwungene Funktionalität Fluch und Segen zugleich: Segen, weil ich mir um die ,Energieform‘ keine Gedanken machen brauchte, Fluch, weil alles, was ich tat, in dem Genre-Umfeld funktionieren musste. Und nach zwölf Jahren war es einfach an der Zeit, dieses Korsett abzulegen.“ Dieses Vorhaben plante Stimming bereits vor der Pandemie, auch wenn diese seine Absichten mitnichten weniger werden ließ: „Stücke wie ,9pm‘, ,Pelikan‘ und ,Mango‘ und ,Mangan‘ würde es vielleicht ohne die Pandemie so nicht geben, ja. Generell waren die letzte Zeit eine herausfordernde Zeit, die aber durchaus Positives mit sich brachte: Meine Frau hat wieder angefangen, 40 Stunden zu arbeiten, damit wir unsere Miete zahlen können, was mit einer erhöhten Familienverantwortung für mich einherging. Das war überraschend erfüllend, muss ich sagen – Kinder großzuziehen, ist ja eine schier endlose Reihung von Kleinigkeiten, die in der Summe dann aber einen entscheidenden Unterschied machen können. Wo man im Tour-Leben gerne mal den Boden unter den Füßen verliert, ist das präsente Familienleben der reine Boden. Andererseits konnte und kann ich durch diese großartige Institution namens Kindertagesstätte jeden Tag ins Studio, wenn auch nicht so lange, wie ich es mir manchmal wünsche. Und ich muss schon ehrlich sagen, dass neue Musik machen für mich einfach das Größte ist! Wenn jetzt wieder Auftritte hinzu kommen, wird zwangsläufig einer der beiden Teile leiden müssen, daher habe ich mich entschieden, zumindest deutlich weniger zu spielen. Und dann ruft der Booker an… (lacht).“

Seine Art und Weise, im Studio zu arbeiten, habe sich durch den neuen Alltag nicht wesentlich geändert. Vielmehr hat er die gleichen Prinzipien der letzten Jahre verfolgt: „Es ist nach wie vor ein Prozess, der sich einerseits um Vereinfachung an den richtigen Stellen dreht. Extrembeispiel für alle, die wissen, wovon ich rede: Muss eine Patchbay wirklich sein oder verkompliziert sie Dinge nicht in Wirklichkeit? Und ein Prozess, der gleichzeitig immer eine Qualitätsverbesserung beinhalten muss. Beispiel Lautsprecher: Mit meinen Kii Threes habe ich keinen Drang mehr, mich nach anderen umzuhören, da, glaube ich, bin ich wirklich an einem Punkt, wo es an dem Gerät an sich nichts mehr zu verbessern gibt, und es wird dauern, bis jemand etwas Besseres baut. Ansonsten ist es wirklich die grundsätzliche Studio-Infrastruktur wie Eingabe → Rechner → Audiointerface → Outboard → Abhören, die immer klarer definiert wird und dabei vor allem einfacher wird. Das hilft der Produktivität ungemein.“

Ein entscheidendes Novum brachte die Pandemie dann doch mit sich, entschied sich Stimming das Werk selbst zu veröffentlichen und auf ein Label zu verzichten: „Wenn uns schon die Gigs wegbrechen, muss ich durch die Musik an sich eben genug verdienen. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie das mit dem Self-Release am Ende aussieht, es war auf jeden Fall eine Entscheidung, die ein gewisses Risiko mit sich bringt, welches durch die Umstände aber attraktiv erscheint. Ich kann es leider nur auch sagen: Dass sich bei Entstehung der Streamingdienste ein künstlerfeindliches Abrechnungsmodell durchgesetzt hat, ist eine Ursünde, die der Musiklandschaft schweren Schaden zufügt. Die monatlichen Gebühren gehen nicht an die Künstler*innen, die man wirklich gehört hat, sondern sie werden in einen Topf geworfen, von dem anteilig am Gesamtvolumen ausgeschüttet wird. Das ist im Interesse der Großen, aber die kleinen Nischen, von denen immer die Innovation kommt, dürfen froh sein, überhaupt etwas zu bekommen. Bandcamp ist für Hörer*innen eine Möglichkeit, den eigentlich gehörten Musiker*in bzw. Produzent*in direkt zu entlohnen.“

Den nächsten Wochen begegnet Stimming mit vorsichtiger und umsichtiger Vorfreude sowie bereits konkreten Plänen: „Momentan ist einfach nichts sicher, außer, dass es unsicher ist. Im Moment arbeite ich an meinem nächsten Album, das den zweiten Namen meines ersten Sohnes tragen wird. Mal sehen, wohin mich das musikalisch führt. Mir die Freiheit zu geben, die Funktionalität nicht zu erfüllen, hat einen weiten Horizont eröffnet, und der kleine Junge in mir, der immer noch da ist, will entdecken!“

 

Aus dem FAZEmag 113/07.21
Text: Triple P
Web: instagram.com/stimming_official
Credit: Randy Rocket