Zwei Eigenbrötler unter sich: Der Hamburger Techno-Producer Martin Stimming und der maskierte Berliner Neoklassik-Pianist Lambert. Mit „Positive“ legt das seltsame Duo nun sein erstes gemeinsames Album vor.

Was 2014 mit einem begeisterten Online-Posting von Stimming auf Lamberts Social-Media-Account begann, das setzte sich vier Jahre später auf dem gemeinsamen „Exodus“-Minialbum fort. Auf ihrem nun folgenden Full-Lenght-Album vermischen Stimming x Lambert ausgewählte Einflüsse aus Electronica, Ambient, Jazz, Downtempo, Klassik und Avantgarde zu einem atmosphärisch-cinematischen Hybrid-Mix, irgendwo zwischen melancholischer Sonnenaufgangseuphorie und dezent angedunkelter Film-Noir-Ästhetik, in den man immer wieder unvorhersehbare Brüche und Meta-Ebenen einbaut. Mit „Positive“ veröffentlicht das Duo nun den perfekten Kopfkino-Soundtrack für den Herbst. Wir haben die beiden Musiker zum Sechs-Augen-Gespräch gebeten.

Stimming und Lambert – zwei erklärte Einzelgänger mit leicht introvertierten Tendenzen. Wie findet man unter diesen erschwerten Umständen eine gemeinsame Basis?

Stimming: Indem wir uns im Vorfeld ganz bewusst dafür entschieden haben, nicht in einem gemeinsamen Studio zu komponieren und quasi in Echtzeit an den Tracks zu arbeiten. Das wäre alleine schon wegen der räumlichen Distanz Hamburg-Berlin nicht möglich gewesen. Stattdessen haben wir uns einen gewissen kreativen Freiraum gelassen, indem wir Files hin und her geschickt haben. Das hat uns sicher diverse Konflikte über die Richtung des Albums erspart. Alles hat sich Stück für Stück entwickelt. 

Lambert: Man könnte behaupten, wir hätten uns diese gewisse künstlerische Reibung für zukünftige Konzerte aufgespart. Aber im Ernst: Wir sind beide gewohnt, in unserer Musik die Richtung anzugeben und geben nicht gerne die Kontrolle ab. Ich denke aber, dieses Album ist ein erster Schritt dahin, was man vielleicht als Zusammenarbeit bezeichnen könnte. Gerade dieses zeitversetzte und räumlich getrennte Arbeiten hat sehr zu einer gewissen Entspannung beigetragen. Was unsere individuellen Stile betrifft, gibt es zwischen uns gewisse ästhetische Überschneidungen, wobei der Weg zum fertigen Song jeweils ein anderer ist.

Wie sehen diese Wege aus?

Stimming: Tendenziell liegt der Ursprung der meisten Tracks bei Lambert. Von ihm stammt der Kern; die Komposition. Meine Aufgabe war es, mich um das Sounddesign und die Grooves zu kümmern, die Stücke am Ende zu finalisieren und ihnen Titel zu geben. Zusätzlich habe ich ihm fünf oder sechs Ideen geschickt, auf die Lambert aufgebaut hat.

Was steckt hinter dem Albumtitel „Positive“?

Stimming: Wir leben in Zeiten, in denen sich die Vorzeichen umgedreht und viele Dinge eine völlig neue Bedeutung bekommen haben. Ein Beispiel: Bei einem Virentest ist es nicht wünschenswert, wenn das Ergebnis positiv ausfällt. Zwar ist die beim ersten Corona-Lockdown befürchtete Zombie-Apokalypse ausgeblieben, trotzdem haben die letzten zwei Jahre vieles verändert und gewisse Dinge auf eine Art in Frage gestellt. Das spiegelt sich auf diesem Album.

Lambert: In meiner Interpretation sollte der Titel genauso verstanden werden, wie er gemeint ist: als etwas Positives. Dennoch hat er eine bestimmte Meta-Ebene. Was früher einmal ganz unmissverständlich war, ist heute offenbar nicht mehr ganz so einfach. Für mich ist das Wort „Positive“ ein Kampfbegriff. Assoziierungen wie bei Martin sind für mich eher schwierig. Fakt ist, dass die Entstehung dieser Songs in einer Zeit stattfand, die ich selbst nicht als sehr positiv empfunden habe. Die Musik war mein ganz persönlicher Anker, der mir das Gefühl gegeben hat, dass es irgendwann schon wieder weitergeht. Somit könnte man den Titel „Positive“ auch als Reaktion auf die Zeiten verstehen, in denen wir leben.

Die Stücke transportieren eine gewisse Sonnenaufgangsstimmung, während ihr beide ja eher für atmosphärische Night-Vibes bekannt seid. Wie geht das zusammen?

Stimming: Ich komponiere hauptsächlich morgens. Meine Arbeit fängt üblicherweise ab 8:30 Uhr an, wenn die Kinder in der Kita sind. Ich habe dann bis 15:30 Uhr Zeit. Das mag sich entmystifizierend anhören, aber es ist so.

Lambert: Es klingt tatsächlich grauenvoll. Auch ich würde gerne dem Klischee eines nächtlichen Genies entsprechen, das nicht fertig wird, bis es bei Morgengrauen den perfekten Ton gefunden hat. Doch so ist es leider nicht. Die Arbeit an den Tracks hat sicher nichts Glamouröses oder Geheimnisvolles, wobei es aber immer glamouröse Momente gibt, in denen man sich wahnsinnig freut, wenn gute Ideen aufgehen.

Ein wichtiges Sound-Trademark bei Stimming sind seine Field Recordings, die sich als verfremdete Noise-Samples in den Tracks wiederfinden. Welche Geräusche haben es auf das neue Album geschafft? 

Stimming: Auf dem Song „Child`s Play“ habe ich die Aufnahme meines ersten Sohns verbaut, der einen Stuhl über einen Neubauwohnungsboden schiebt. Es klingt wie eine Trompete und man hört ihn glucksen. Ein bisschen balla balla eben. In „Newborn“, „Laura“ oder „Morgentau“ finden sich Emotionen wieder, die man als junge Eltern hat. Eine Mischung aus Faszination, Angst und anderen gefühlsmäßigen Facetten. Darum geht es mir auf dieser Platte. Durch die Kooperation mit Lambert lag der Fokus diesmal nicht auf einem möglichst abgefahrenen Sounddesign, sondern eher auf dem Ausdruck von Gefühlen.

Statt durch Text funktioniert der Ausdruck von Emotionen bei euch alleine durch die Stimmung der Musik, verbunden mit dem Songtitel. Lambert verbirgt sein Gesicht weiterhin hinter seiner sardischen Stiermaske und Stimming arbeitet hinter dem DJ-Pult. Auch hier erschwerte Bedingungen!

Lambert: Die Maske erlaubt mir, jemand anders zu sein und einen Auftritt zu inszenieren. Irgendwann habe ich tatsächlich auch Texte geschrieben. Aber ich habe mehr zu erzählen, wenn ich sie weglasse. Ich kommuniziere am besten über die Musik. Ich mache Musik, weil Wörter nicht dazu taugen, das auszudrücken, was ich sagen will.

Stimming: Bei mir ist es eher eine technische Frage. Ich kann mir kein bestimmtes Gefühl aussuchen und es dann musikalisch umsetzen. Es ist genau umgekehrt. Während des Produktionsprozesses zeichnet sich ein gewisser emotionaler Faden ab, den ich mit der Musik verknüpfen kann. Das geht meistens auf schon Erlebtes zurück. Die Partylust zum Beispiel, mit der man sich auf einen Freitagabend im Club freut. Oder die Ungeduld, wenn man schließlich in der Schlange vorm Einlass steht. Die große Kunst ist, diese Gefühle an einem grauen Dienstagmorgen abzurufen und in Musik umzusetzen.

„Zwar ist die beim ersten Lockdown befürchtete Zombie-Apokalypse ausgeblieben, trotzdem haben die letzten zwei Jahre vieles verändert und gewisse Dinge auf eine Art infrage gestellt. Das spiegelt sich auf diesem Album.“ Martin Stimming

 

Aus dem FAZEmag 117/11.21
Text: Thomas Clausen
Foto: Andreas Hornoff