Es war die Phase ab 2002, da wurde selbst weniger aufmerksamen Szenebeobachtern klar, dass im Klangerzeugermarkt ein grundlegender Umbruch eingetreten war. Giganten wie Roland hatten ihren jährlichen Groove Gear Contest abgesetzt, Innovationen für den Dance-Bereich wurden allenthalben rar. Ausstatter wie Novation gerieten ins Trudeln, und selbst visionäre Synthesizer wie der Neuron von Axel Hartmann kamen über den Vitrinienstatus kaum mehr hinaus.


Auf der anderen Seite stellten Ableton gerade Live 2.0 vor, Propellerhead Reason wurde mit dem Musikmesse MIPA-Award ausgezeichnet und Reaktor von Native Instruments klang und lief inzwischen auf Mac und PC besser denn je. 2004 dann der Schlag: Auch die Kultschmiede Waldorf Electronics GmbH musste Insolvenz anmelden. Der Markt war sprichwörtlich zu weich geworden, und wenn fortan etwas Knöpfe oder gar eine Klaviatur haben sollte, dann ein Controller. Inzwischen hat sich Waldorf als neu gegründete Musik GmbH wieder berappelt und liefert sein 2008 den Desktop-Expander Blofeld aus. Dass mit dem Computer als Musikinstrument sich möglicherweise nicht nur etwas verlagert hat, sondern doch verloren gegangen ist, spürt man erst, wenn man endlich mal wieder einen harten Hengst wie den Sledge reiten darf. Eine italienisch-deutsche Koproduktion, bei der der renommierte Keyboard-Hersteller Studiologic die Hülle und vor allem hochwertige Fatar-Klaviatur lieferte und Waldorf den DSP-klanglichen Kern.

In Annäherung zum Blofeld basiert dann auch der Sledge auf Waldorfs legendärer Modelling-Technologie. Was in diesem Falle bedeutet: Drei Oszillatoren mit den klassischen Wellenformen Sinus, Sägezahn, Rechteck und Dreieck plus Noise-Generator, wobei OSC 1 zusätzlich 66 Wavetables mit je 100 Wellenformen des legendären PPG Wave auffährt. Geschmacksverstärkend wirken weiterhin die Frequenzmodulation für die Oszillatoren 2 und 3 sowie die Option auf deren Synchronisation (Hardsync). Klangprägend ist nicht zuletzt das resonanzfähige Multimode-Filter in wahlweise 12 oder 24 db Flankensteilheit. Hüllkurven für Filter und Verstärker sowie zwei parallel einsetzbare Effektblöcke komplettieren schließlich das DSP-Paket.
Was sich in der Theorie vielleicht noch gar nicht so übermäßig aufregend liest, ändert sich jedoch sofort beim Einschalten des Instruments. Der Slegde ist unverkennbar ein Waldorf-Bastard und klingt einfach unglaublich fett. Es schmatzt, surrt und klingelt bereits bei den Presets derart prägnant, dass man darüber seine Softsynths schnell vergisst. Es geht nicht um endlose Synthesewelten sondern klangliche Konzentration. Was die Arbeit jedoch wirklich fruchtbar und inspirierend macht, ist das weiträumige Bedienlayout gepaart mit der hervorragenden Klaviatur. Quasi mit jedem Dreh der annähernd vierzig fetten Potis ergibt sich ein umwerfender Sound, von dem man will, dass er sofort zum einem Track gerinnt. Hilfreich dabei ist der der äußerst umfangreich ausgestattete Arpeggiator, mit dem sich im Latchmode durch bloßes Drücken zweier Keyboardtasten ein endloser Bassloop mit LFO-Einspritzung generieren lässt.
Die Arbeit mit einem Keyboardsynth ist im Vergleich zur reinen Bildschirmlösung nun mal einfach anders, soviel steht fest. Selbst wenn man das Keyboardspiel gar nicht professionell beherrscht. Melodien oder zumindest hübsche Hooks sowie klangliche Verläufe entstehen mit einem Schlitten wie dem Sledge quasi von selbst. Einige behaupten, genau diese organischen Elemente sind es auch, die der aktuellen Clubmusik fehlen. Vielleicht ist es auch der Charakter, der sich von einem Hardware-Instrument auf die Musik überträgt. Denn selbst wenn man dem gelben Chassis und der 70s-Data-Beschriftung zunächst etwas zwiespältig gegenübersteht (das Design stammt übrigens von eingangs erwähntem Axel Hartmann), so hat man den Sledge dann doch rasch in sein Herz geschlossen. Eben weil er eine „echte Type“ ist, vielleicht sogar mit dem Kultpotential eines Tarrantino-Films. Eine Empfehlung für alle, denen die Kombination aus Original Waldorf-Sound und hervorragendem Masterkeyboard im Studio noch fehlt. Denn auch als MIDI-DAW-Controller lässt sich der Hengst dank USB nutzen. So sind die knapp 1.000 EUR durchaus gut angelegt. / Matthias Thienel

Studiologic Sledge
Achtfach polyphoner Synthesizer
• Klaviatur: 61 Tasten Fatar TP 9 (anschlagdynamisch, Aftertouch)
• Stimmen: 16 (inkl. Monophone Mode)
• Speicher: max 999 Sounds
• Klang: Waldorf DSP-Modelling
• 3 Oszillatoren, 2 LFOs, 2 Hüllkuven,
• Oszillator 1 mit 66 PPG Wavetables
• Oszillator 2,3: FM, Hardsync
• Noise Generator (pink, weiß)
• Resonanzfähiges Multimode Filter: 24/12 dB (LP, BP, HP), Verzerrer
• 32 Potis, 3 Chicken Head Drehregler , 1 Push-Encoder, Numerische Tastatur
• Arpeggiator (MIDI Clock Sync, 10 Oktaven, Latch Mode)
• Stereo Line / Headphone Out
• Expression Pedal In
• MIDI In/Out, USB-MIDI
• Preis: 1.099 EUR UVP (998 EUR Straße)

www.studiologic-music.com