Zeitgeschichte: SUICIDE – Remasterte Grundsteinlegung

Mit seinem selbstbetitelten Debüt veröffentlichte das New Yorker No-Wave-Duo im Dezember 1977 einen der wichtigsten Longplay-Meilensteine der frühen elektronischen Musik. Fast auf den Tag genau drei Jahre nach dem Tod von Frontmann Alan Vega erscheint „Suicide“ nun als remasterter Re-Release – Keyboarder Martin Rev im Gespräch über die Anfänge der Musikbewegung.


Mr. Rev, „Suicide“ gilt als eines der einflussreichsten Frühwerke des Electro. Sie sind heute 71; können Sie sich noch an die Aufnahmen zu Ihrem bahnbrechenden Albumdebüt erinnern?

Natürlich! Alle Songs wurden live eingespielt und danach nur auf die richtige Länge geschnitten – fertig. Bevor wir sie 1977 aufnahmen, spielten wir die Tracks schon viele Jahre bei unseren Konzerten. Wir mussten also nicht lange experimentieren. Bei der Postproduktion wurden später nur noch Winzigkeiten geändert.

Suicide waren ihrer Zeit voraus und lösten mit ihrem radikalen Musikstil drastische Publikumsreaktionen aus. Abgebrochene Auftritte gehörten noch zu den harmloseren Zwischenfällen.

Unsere erste Europa-Tour bestritten wir als Vorband von The Clash und Elvis Costello. Damals gab es bei Konzerten noch keine Taschenkontrollen. Also schmissen die Leute alles nach uns, was ihnen in die Finger kam: Bierflaschen, Gläser und sogar Messer. Und als sie gar nichts mehr fanden, fingen sie sogar an, mit Kleingeld zu werfen. Jede Nacht war ein extrem intensives Erlebnis.

Ging es auch selbst um einen gewissen Schockeffekt?

Uns ging es alleine um den künstlerischen Ausdruck. Statt uns davon beeindrucken lassen, was von uns erwartet wurde, haben wir konsequent unser Ding durchgezogen. Wir haben eine besondere Energie transportiert, die sehr oft zu Verwirrung auf Seiten des Publikums bis hin zu echten Aggressionsausbrüchen geführt hat. Diese Reaktionen haben wir als gegenseitigen Austausch verschiedener Energieformen betrachtet und damit während der Show gespielt. Jedenfalls, solange uns nicht der Strom abgedreht wurde.

Klingt nach einem echten Adrenalinkick!

Wenn man die Bühne betrat, wusste man nie, ob man sie auch unverletzt verlassen würde. Livekonzerte waren für uns Ausnahmesituationen, in denen man ständig im Alarmmodus war. Man fühlt sich einfach lebendig im Angesicht der Gefahr. Wir brauchten keine Drogen, sondern waren bis zum Rand vollgepumpt mit körpereigenen Glückshormonen.

Damals waren Sie Teil der legendären Szene rund um den berühmten Club CBGB und das Max`s Kansas City, in dem auch Andy Warhol Stammgast war. Inwieweit war das Pop-Art-Movement ein Einfluss?

In den 50ern und 60ern war New York das Zentrum der Kunst; heute haben sich die Einflüsse in andere Metropolen verlagert. Als wir bekannt wurden, gehörte Warhol längst zum Establishment. Wir verstanden uns eher als Gegenreaktion auf diese dekadenten Kunstschnösel, auch wenn wir uns Warhols Schaffen sehr nahe fühlten. Diese Glitz- und Glam-Welt war nicht unsere. Im Gegenteil. Wir mussten jeden Tag kämpfen, um uns etwas zu essen zu kaufen.

Songs wie „Frankie Teardrop“ oder „Rocket USA“ entstanden in einer politisch und gesellschaftlich zerrütteten Ära, die sich fast mit dem heutigen Klima in den Vereinigten Staaten vergleichen lässt.

Die Songs haben die Zeit widergespiegelt, in der wir lebten. Wir haben unsere Sicht der Welt ausgedrückt. Außerdem wurden unsere Tracks auch immer von einem Gefühl der menschlichen Entfremdung, der Suche nach Anerkennung oder aus dem puren Überlebenswillen in einer schwierigen Zeit beeinflusst. Mein Lebensgefühl heute unterscheidet sich nicht grundlegend von dem damals. Unterdrückung, Spaltung und Angstszenarien waren schon immer die Instrumente des Systems, um seine Macht zu sichern. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Neben dem Re-Release von „Suicide“ erscheinen mit „Clouds Of Glory“ (1985) und „Cheyenne“ (1991) auch zwei Ihrer älteren Soloalben!

Nicht nur das: Ich arbeite auch an einer ganz neuen Platte! Ich hoffe, das neue Album vielleicht sogar noch dieses Jahr herauszubringen. Wann genau, das lässt sich jedoch momentan nicht sagen.

„Suicide“ wird im Rahmen der „Art Of The Album“-Serie am 12. Juli via Mute/BMG veröffentlicht. „Clouds Of Glory und „Cheyenne“ sind bereits im Juni via Bureau B erschienen.

 

Aus dem FAZEmag 089/07.2019
Text: Nicko Emmerich
Foto: Curtis Knapp
www.martinrev.com