Fotocredit: Diane Zillmer


1983 erschien das Depeche-Mode-Album “Construction Time Again”, das es jeweils in die Top 10 der deutschen und britischen Charts schaffte. Depeche Mode befanden sich zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem weltweiten Durchbruch, logischerweise auch dank des Erfolgs von “Construction Time Again”. In diesem Artikel geht es allerdings weder um Dave Gahan noch um Alan Wilder. Mitproduziert wurde das Album nämlich auch von Daniel Miller und Gareth Jones, die nun nach knapp vier Dekaden der Zusammenarbeit ihre erste gemeinsame LP releast haben – eine Sammlung von acht Stücken, die ausschließlich mit modularen Synthesizern produziert wurden.

Rund 40 Jahre lang arbeiten Daniel Miller und Gareth Jones also mittlerweile zusammen. Dass das erste gemeinsame Album jetzt, im Jahr 2021 erscheint, ist vor allem einer Eingebung zu verdanken, die die beiden nach einer ihrer zahlreichen Jam-Sessions hatten. „Wir waren in Gareths Studio und haben – wie immer – einfach drauf losgelegt”, beginnt Daniel. Gareth ergänzt: „Wir waren auf dem Weg zum Barbican (Barbican Centre, ein populäres Theater in London, Anm. d. Red.) und ließen die von uns beiden als sehr ergiebig wahrgenommene Session noch einmal Revue passieren.” Miller und Jones schauten sich an und realisierten: „Vielleicht sollten wir vor unserem Tod doch noch einmal ein paar Stücke zu Ende bringen.“ Eine gute Entscheidung.

Kennengelernt hatten sich Sunroof bei der Arbeit am legendären Depeche-Mode-Album “Construction Time Again”. Für Gareth, damals noch recht unerfahren, aber auch für Daniel, der bereits einige Produktionen hervorgebracht hatte, war die Zusammenarbeit mit den aufsteigenden Stars von Depeche Mode zu diesem Zeitpunkt ein echtes Highlight, das schließlich den Grundstein für ihre innige Freundschaft und das spätere Projekt Sunroof legte. Profitieren konnten sie damals auch in produktionstechnischer Hinsicht, ebnete die Kooperation mit Dave Gahan & Co. doch zudem Zugang zu neuem Wissen und neuen Techniken, die die beiden dann während der 1990er-Jahre auch erfolgreich anwandten und zahlreiche Remixes als Sunroof releasten. Zu den geremixten Stücken gehörten etwa Tracks von Can, MGMT, To Rococo Rot, Kreidler oder Goldfrapp. „Uns war es immer wichtig, das Original möglichst aufrechtzuerhalten und nur durch vereinzelte Elemente zu verändern”, erklärt Gareth und fährt fort: „Die Songs, von denen wir Neuinterpretationen anfertigen durften, waren für uns auch immer eine Quelle der Inspiration.“

Nun dürfen wir also mutmaßen, dass es bald die Tracks von Sunroof sind, die geremixt werden und nicht vice versa. Für die Umsetzung von “Electronic Music Improvisations Vol. 1” musste übrigens – entgegen dem, was der Titel vermuten lässt – zuvor eine Art “Regelbuch” festgelegt werden. So wollten die beiden nicht erst stundenlang produzieren und dann “Tonnen von Material” auswerten und editieren. “Wir limitierten die Tracklängen auf fünf bis sieben Minuten und auch die Studiosessions hielten wir kürzer”, erläutert Daniel. „Tatsächlich haben wir relativ viel mit Overdubbing gearbeitet und zwei unterschiedliche Tracks als Basis genommen. Wir wollten einfach wenig Post Production”, fasst Gareth zusammen. Ein weiterer Auszug aus dem Regelbuch betraf dann die Instrumente. Zu Beginn jeder Session mussten die Modular-Synthesizer sozusagen auf Werkseinstellung stehen. Es durften keine Kabel eingesteckt sein. Alles musste vollständig intuitiv geschehen.

Herausgekommen ist also nun eine großartige Sammlung von acht improvisierten, modularen Stücken, die auf der neu belebten “Parallel Series” von Mute erschienen sind. Und weil das Album den Beinamen “Volume 1” trägt, war unsere Hoffnung natürlich groß, dass uns schon bald Volume 2 erwartet. Dem schoben die beiden jedoch zunächst einen Riegel vor. Man wolle zwar unbedingt weitere Projekte verwirklichen, dies lasse die Corona-Krise aktuell aber noch nicht zu. Zumal Gareth in London und Daniel in Berlin wohnt. Das Album entstand zwischen Frühjahr und Sommer 2019.

“Electronic Music Improvisations Volume 1” ist am 21. Mai auf Mute erschienen.

 

Aus dem FAZEmag 112/06.21
Text: Milan Trame
Credit: Diane Zillmer
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