Super-Flu_Musik-3_horizontal-by-Falko


Die beiden Freigeister aus dem sachsen-anhaltischen Halle an der Saale sind wieder in voller Länge auf den Bildschirmen – in Farbe und natürlich gut gelaunt wie eh und je. Das Zweigespann, bestehend aus Feliks Thielemann und Mathias Schwarz, steht allerspätestens seit seiner Kooperation mit den Dortmunder Philharmonikern ziemlich hoch im Kurs. Jetzt, knapp drei Jahre nach ihrem zweiten Studioalbum „Halle Saale“, kam ihr dritter Longplayer auf den Markt: „Musik 3“. Klar könnten jetzt die üblichen Floskeln wieder hervorgeholt werden, angefangen bei „das Album ist eine Reise“ bis hin zu „es ist unser vielseitigstes Album ever“. Doch so ernsthaft ihre Musik über die Jahre auch geworden ist, so wenig lassen sie es sich nehmen, sich doch einen kleinen Scherz zu erlauben. Wir präsentieren einen kurzen Auszug aus dem Pressetext: „Ein britisches Raumschiff muss in Halle notlanden. Professor Quatermass und seine Kollegen finden die Astronauten Feliks Thielemann und Mathias Schwarz im Schockzustand vor, von ihren Kollegen aber nur die leeren Raumanzüge. In den Anzügen befinden sich Reste einer gallertartigen Masse. Im Labor stellt sich heraus, dass die Substanz in den Anzügen ,Musik 3’ ist. Die Auswertung der Filme der an Bord befindlichen Überwachungskamera führt zu dem Schluss, dass eine außerirdische Lebensform an Bord des Schiffes gelangt und für das Verschwinden der beiden Besatzungsmitglieder verantwortlich ist.“ Keine Frage – dem mussten wir natürlich nachgehen.

Herr Thielemann, bei „Musik 3” handelt es sich um eine unbekannte Substanz. Erlauben Sie mir die Fragen an Sie als Experten, wie schlimm es ist und was diese Substanz anrichten kann?

Feliks: Das kommt ganz auf Sie an, man kann fast alles daraus machen. Es ist vergleichbar mit Salz und Pfeffer. Alles zusammen!

Die entscheidende Würze für den Plattenspieler also?

Feliks: So ungefähr! Wir hatten so eine ähnliche Idee ja schon mal mit dem „Mr. Bass“-Spray. Da handelte es sich ja auch um eine geheime Flüssigkeit, die alles im Leben ein bisschen besser macht. „Musik 3“ ist als Substanz die logische Weiterentwicklung.
Mathias: Sie vereint viele verschiedene Komponenten miteinander. Vor allem die drei Säulen.

Die drei Säulen?

Mathias: Die drei Säulen des antibialaktischen Feldkappen-Mechanismus. Aber da jetzt auszuholen, ginge – vor allem mit uns als ehemaligen Physikstudenten – viel zu weit ins Detail.

Ich hatte beim Lesen der Pressemitteilung kurz den Eindruck, dass es sich bei dem Text um eine zynische Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien handelt.

Feliks: Ich halte diese immer für sehr unterhaltsam. Im Endeffekt hätten wir auch schreiben können, es sei unser drittes Studioalbum und deshalb heiße es jetzt „Musik 3“. Das wäre natürlich die einfachste Erklärung, aber auch die langweiligste.

Ihr seid ja generell dafür bekannt, euch selbst gerne mal auf die Schippe zu nehmen und lieber eure Musik in den Vordergrund zu rücken. Ist das ein eingespielter Mechanismus geworden, um dem anstrengenden Teil der Musikindustrie etwas zu entfliehen?

Mathias: Ich würde sogar sagen, das hat sich ein bisschen gewandelt. Am Anfang haben wir noch viel mehr Quatsch gemacht. Aber ab dem zweiten Album wollten wir dann ein bisschen ernster genommen werden. Da war dann der Punkt gekommen, an dem wir sagten, dass wir uns etwas mehr über Musik definieren müssen anstatt über coole Sprüche. Wir wollten einfach ein bisschen seriöser wirken (lacht). Aber trotzdem haben wir natürlich weiter Spaß an der ganzen Sache und mittlerweile haben wir da einen coolen Mittelweg gefunden. Für uns ist es logisch, dass man auch mal anderen Content nach außen trägt bzw. zeigt. Musik muss Spaß machen.

Die gute Laune, die ihr nach außen tragt, passt in einem gewissen Maße auch zu eurer Musik. Wo kommen euch die Ideen für eure sehr ausgefallenen Gimmicks?

Feliks: So was entwickelt sich. Je mehr Leute involviert sind und ihre Gedanken mit einbringen, desto mehr werden solche Ideen zu einem Selbstläufer. Beispielsweise war es bei „Mr. Bass“ mit Andhim so, dass das Hauptmotiv des Tracks aus einer alten Orgel kam, die ich aufgenommen hatte. Das Sample war sehr basslastig und da passte der Titel „Mr. Bass“, den wir auch alle ganz lustig fanden.
Mathias: Beim Video war es dann in erster Linie so, dass wir die Idee mit dem Shoppingkanal schon länger hatten und für ebendiese natürlich einen Aufhänger brauchten. Aus „Mr. Bass“ wurde dann ein Produkt, das alles kann. Wenn man stundenlang auf Tour ist, sei es im Auto oder im Flieger, quatscht man nun mal über so was. Am Ende kommen dann solche Ideen dabei heraus. Eigentlich wollten wir erst die „Mini Playback Show“ statt des Shoppingsenders verwursten – daraus wurde aber nichts.

Fast schon nebenbei bemerkt, produziert ihr auch sehr viel, macht zahlreiche Remixe und habt zusätzlich dann noch solche Ideen. Woher bekommt ihr die ganze Inspiration?

Feliks: Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Ich glaube, man ist da einfach in diesem Flow, wenn man sich jeden Tag damit beschäftigt. Wir haben ja das Glück, mit unserer Musik Geld zu verdienen, ein Label zu haben – und da sind wir natürlich auch immer mit Herzblut dabei. Wir wollen ja, dass es weitergeht, und haben auch Bock darauf. Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass wir am Wochenende in Clubs und auf Festivals unterwegs sind. Da schnappt man sehr viele Eindrücke und neue Musikstücke auf. Man bekommt viel Inspiration und beobachtet einfach die Umgebung. Auf der anderen Seite stehen da die Familie, Konzerte, die man privat besucht, oder Eindrücke, die man durch Reisen gewinnt! Wie viele andere auch machen wir im Januar meistens eine Pause und fahren gemeinsam weg. Letztes Jahr waren wir z. B. in Nepal und sind durch das Himalaya-Gebirge gewandert. Da ist auch das aktuelle Cover zum Album entstanden.
Mathias: Genau, das ist die perfekte Brücke zu „Musik 3“!
Feliks: Du sagst es, es war nämlich auch der dritte Fluss, den wir überquert haben!
Mathias: Bei solch langen Reisen müssen wir uns immer miteinander auseinandersetzen. Da wird zusammen geweint, da wird zusammen gelacht. Es sind immer viele Emotionen im Spiel, die wiederum in Ideen münden. Wir schauen auch immer, dass wir in Länder reisen, in die man höchstwahrscheinlich so schnell nicht gebucht wird. In Nepal vermute ich jetzt nicht so viele Techno-Partys, von daher war es ein gutes Ziel, um einfach mal abzuschalten.

Und, wie angesprochen, ist da noch euer Label, Monaberry, um das ihr euch kümmern müsst.

Mathias: Da haben wir zum Glück den lieben Falko, der für uns vor allem die Demos vorhört und uns damit viel Arbeit abnimmt. Ihm können wir musikalisch vertrauen. Die enge Auswahl schickt er uns und dann beraten wir gemeinsam, ob davon etwas zu unserem Label passt.

Feliks: Es war auch irgendwann ein logischer Schritt, das an jemanden abzugeben. Uns war es wichtig, dass sich da jemand wirklich viel Zeit nimmt, Feedback geben kann und auch jedem antwortet. Das war damals, als wir angefangen haben, das, was uns richtig genervt hat. Wir haben von Labels kaum Antworten bekommen, wenn wir Demos eingeschickt haben. Wir wollten das mit unserem Label anders machen.

Wie lange hat es denn bei euch gedauert, bis ihr von den Labels ernst genommen wurdet?

Feliks: Also, am Anfang hatten wir einen guten Kontakt zu KarateMusik, die uns sofort haben wollten. Da hatten wir zu Beginn richtiges Glück. Einige Platten haben wir dann da rausgebracht, die waren aber eher semierfolgreich. Ab da fing es dann an, ein Problem zu werden. Natürlich wollten wir auch auf größere Labels. Aber dadurch, dass wir noch nicht wirklich bekannt waren, kam nie eine Antwort oder Feedback auf unsere Anfragen. Der Einzige, der sich da für uns interessiert hat, war Riley von Traum Schallplatten. Danach hat sich dann auch gleich Stephan Bodzin bei uns gemeldet und gefragt, ob wir nicht auch etwas für Herzblut machen wollten. Das war der große Start.

Und mittlerweile erscheinen eure Alben im Drei-Jahres-Rhythmus: „Halle Saale“ erschien knapp drei Jahre nach „Heimatmelodien“, wiederum drei Jahre später jetzt „Musik 3“. Ist das Zufall oder ein angenehmer Arbeitszyklus, der sich bei euch eingependelt hat?

Mathias: Gute Frage. Ich glaube, dass das eher Zufall ist. Also, ich würde jetzt nicht ausschließen, dass das nächste Album in zwei Jahren erscheint oder in fünf. Kalkül steckt da auf jeden Fall nicht dahinter. Aber jetzt, wo du es sagst, könnte es tatsächlich ein unterbewusster Arbeitsrhythmus sein.

Wann begannen denn die ersten Arbeiten an dem Album?

Mathias: Konkret wurde es im letzten Jahr, als wir, wie erwähnt, im Himalaya unterwegs waren. Da haben wir uns inspirieren lassen von der Natur und vom Wandern. Klar, einige Ideen hatten wir davor schon auf dem Computer, aber das letzte Jahr war tatsächlich das intensivste.
Feliks: Da wurde definitiv der Grundstein gelegt. Davor hatten wir z. B. ja auch das Konzert mit den Dortmunder Philharmonikern, das war 2014. Hier war uns schon klar, dass wir in Zukunft auf jeden Fall mehr in diese Richtung machen wollen. Es kam auch der Gedanke, vielleicht ein Albumkonzept zu entwickeln, das man gut mit einem Orchester umsetzen kann. Das ist in dem Sinne nicht ganz geglückt, aber es wird diesen Sommer definitiv eine orchestrale Umsetzung von „Musik 3“ geben.

„mygut“ vom aktuellen Album kann ich mir persönlich sehr gut in einer orchestralen Variante vorstellen.

Feliks: Genau, davon wird es definitiv eine Version geben! Es sind schon ein paar orchestrale Tracks von uns auf dem Album vorhanden, aber wir haben diese nicht mit einem Orchester umgesetzt. Noch nicht. Durch einen Zufall haben wir aber die Möglichkeit bekommen, ein ganz eigenes, einstündiges Programm in Mannheim zu konzipieren. Es wird ein bisschen auf das Konzert zurückgreifen, das ich vorhin angesprochen habe. Aber es wird fließender und auch mit Tracks vom neuen Album bestückt sein. Am 21. Juli gehen wir damit an den Start, und das wird sicher eine spannende Geschichte!
Mathias: Es ist einfach mal was anderes – allerdings sehr, sehr zeitintensiv. Man muss schon sicher sein, dass man das auch machen will. Das ist kein Vorhaben, das auf einem spontanen Entschluss basiert.
Feliks: Aber es macht Spaß. Wir spielen sehr gerne in Clubs, auf Open Airs und lieben unsere DJ-Sets. Dieses Projekt, das sticht da schon sehr raus.

In einem sehr frühen Interview zu Beginn eurer Karriere habt ihr erwähnt, dass ihr euch beim Produzieren gerne selbst limitiert. Wie sieht das heute aus?

Mathias: In einer gewissen Art und Weise ist das heute immer noch der Fall. Man schaut natürlich immer, welche interessante Technik es gerade gibt, oder baut sich mal ein Modularsystem zusammen, mit dem man spielen kann. Aber mit der Zeit lernt man auch, mit den ganzen Möglichkeiten umzugehen. Um ein bisschen weniger abstrakt zu werden: Man probiert 300 verschiedene Equalizer und Effekte aus, merkt aber im Endeffekt, dass man eigentlich nur zwei braucht.
Feliks: Also, eigentlich steht in unserem Studio viel mehr, als wir eigentlich benötigen.
Mathias: Das stimmt. Für uns ist es aber auch wichtig, viel Spielzeug zu besitzen. Das ist ja eigentlich auch das Wichtigste beim Musikmachen: spielen. Aber wenn es dann in eine Phase geht, in der wir unsere Idee dann wirklich in ein Projekt bzw. einen Track umsetzen wollen, dann versuchen wir, das mit so wenig Gerätschaften wie nur möglich zu machen.

Auf welche fiel die Wahl bei diesem Album?

Feliks: Bei diesem Album war der technische Dreh- und Angelpunkt hauptsächlich die Umstellung von Reason auf Ableton Live. Das war im Endeffekt auch der Grund, warum das Album ein Jahr später umgesetzt wurde, als wir eigentlich wollten. Wir mussten uns erst mit dem neuen Workflow und den neuen Funktionen auseinandersetzen, bevor wir überhaupt Ideen für das Album sammeln konnten.

Wie sieht es denn mit einer Albumtour aus bzw. was steht demnächst bei euch auf dem Programm?

Mathias: Was das Touren betrifft, werden wir in diesem Jahr ein bisschen zurückstecken. Das beißt sich natürlich mit dem Album, aber wir bekommen das trotzdem gut hin, denke ich. Ich bin vor Kurzem Vater geworden und Feliks steht auch kurz davor. Das ist natürlich ein Einschnitt ins Leben und wir wollen unsere Frauen natürlich sehr gerne unterstützen. Daher mussten wir ein wenig umplanen, aber das machen wir unter diesem Aspekt auch sehr gerne.

 

Aus dem FAZEmag 064/06.2017
Fotos: Falko Gerlinghof