Techno Connects People
– im Interview mit Marcel Busse

Mit Techno Connects People (TCP) betreibt Marcel Busse seit fast sechs Jahren die wohl etablierteste Techno-Community Deutschlands. Gestartet als Facebook-Gruppe für Liebhaberinnen und Liebhaber, hat sich TCP zu einer beliebten Plattform des Austauschs und der Kreativität im Spektrum der elektronischen Musik entwickelt: Knapp 200.000 Follower*innen und Mitglieder zählt das Social-Media-Netzwerk von TCP mittlerweile, und es kommen tagtäglich neue hinzu. Zuletzt 2021 im Interview, haben wir Marcel wieder gelöchert – zum Status quo, zu den Verantwortungen und Herausforderungen, die mit dem Projekt einhergehen, sowie zu seinen persönlichen Präferenzen und seiner Vision für die Zukunft.

Marcel, zuletzt haben wir vor vier Jahren gesprochen. Hol uns doch mal auf den aktuellen Stand.

Vier Jahre sind im digitalen Raum ein halbes Leben – und auch bei mir ist einiges passiert. Inzwischen hat sich eine aktive Community um TCP gebildet, die auf mehreren Plattformen zu Hause ist. Besonders auf TikTok, Instagram und YouTube Shorts bin ich stark gewachsen. Über alle Kanäle hinweg generiere ich mittlerweile monatlich mehrere Millionen Views, die Followerzahl liegt im sechsstelligen Bereich. Das Beeindruckende für mich ist aber nicht nur die Reichweite, sondern die Tiefe: Es gibt echten Austausch, kritische Diskussionen, Support – es fühlt sich nach Community an, nicht bloß nach Zahlen.

Damals war Twitch dein größtes Zugpferd. Ist das heute noch so?

Twitch war damals überlebenswichtig. Für mich, aber auch für viele Artists und Clubs. Das war mehr als Streaming – das war ein kollektives Durchhalten. Heute steht Livestreaming nicht mehr im Fokus, aber Twitch ist geblieben. Dort laufen eher spontane Sessions, internationale DJs nutzen den Kanal immer noch gern. Die Stimmung ist dort nach wie vor besonders: näher dran, weniger durchinszeniert als auf Instagram oder TikTok – fast wie ein Wohnzimmer.

Wie hat sich dein Content seither verändert?

Ich passe meinen Content laufend an – teils spontan, teils strategisch. Vor der Corona-Pandemie lag der Fokus stark auf Clubnächten, Events, Festivals. Als das alles wegfiel, brauchte es neue Wege. Twitch wurde zum Zentrum – rückblickend ein echter Gamechanger. Danach habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, auch als Person präsent zu sein. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil der persönliche Zugang Türen öffnet. Ich habe angefangen, mich zu zeigen, Formate zu entwickeln, zu sprechen statt nur zu posten. Heute reicht das Spektrum von Reactions und Clubreportagen bis hin zu Festival-News, gesellschaftlichen Themen oder Community-Gewinnspielen.
Gleichzeitig war das Ganze auch ein persönlicher Prozess. Ich bin während Corona wieder in eine depressive Phase geraten, hatte mit Gewichtszunahme und Antriebslosigkeit zu kämpfen. Anfangs fiel es mir schwer, überhaupt in die Kamera zu schauen. Aber gerade die regelmäßige Auseinandersetzung mit der Szene, mit Social Media – und mit mir selbst – hat mir Struktur und Selbstbewusstsein zurückgegeben. Ich habe durch diesen Weg nicht nur meinen Ton, sondern auch meine Haltung gefunden.

Des Öfteren greift Marcel auch Artikel aus dem FAZEmag auf:

Wie sieht dein Team heute aus?

Während der intensiven Streaming-Phase war das Setup deutlich größer: Regie, Moderation, Technik – da brauchte es viele helfende Hände. Mittlerweile bin ich wieder schlanker aufgestellt. Es gibt ein kleines, verlässliches Kernteam, das mich bei Twitch oder im Community-Management auf Facebook unterstützt. Aber was die Content-Produktion angeht – Ideen, Videos, Schnitt, Uploads – mache ich alles selbst. Vieles entsteht auch aus dem Austausch mit der Szene. Ob Gastbeiträge, DMs oder spontane Koops – TCP lebt vom Dialog.

Welche sind die größten Verantwortungen gegenüber der Szene, die mit der Betreuung von TCP einhergehen?

In erster Linie bedeutet Verantwortung für mich, sich bewusst zu machen, wie Sichtbarkeit funktioniert – und wie schnell sie vereinnahmt werden kann. Klar, ich nutze Inhalte als Grundlage für Content. Ohne Reichweite passiert heute nichts. Aber ich poste nur, was mich persönlich überzeugt. TCP war nie ein neutraler Newskanal – es ist meine Sicht auf die Szene, meine Handschrift.
Mit steigender Reichweite wächst auch die Pflicht, Dinge einzuordnen. Die Technoszene ist mehr als Musik – sie ist kulturell, sozial, politisch. Deshalb überlege ich genau, was ich zeige, wie ich es rahme, und wo ich klare Grenzen ziehe – etwa bei Sexismus, Diskriminierung oder Hate. Für mich ist TCP eine Brücke zwischen Szene und Onlinewelt – und die soll stabil sein, nicht beliebig.

Inwiefern fließen deine persönlichen Vorlieben in den Content ein?

Man findet bei dir beispielsweise viele Beiträge über den Gotec Club in Karlsruhe.
Sehr viel! Wenn mich etwas berührt – ein Ort, ein Vibe, ein Set – dann will ich das teilen. Der Gotec ist dafür ein gutes Beispiel: super Sound, starke Bookings, durchdachtes Konzept. Und: Sie liefern konstant hochwertigen Video-Content, regelmäßig in 4K, super geschnitten. Für jemanden wie mich, der viel mit Bewegtbild arbeitet, ist das ein Geschenk. Da könnten sich andere Clubs ruhig etwas abschauen.
Trotzdem versuche ich, ein breites Spektrum zu zeigen. Ich scanne Regionen, Genres, Perspektiven – einfach, um nicht in einer Bubble zu versacken. Und ich freue mich immer über Input oder neue Ideen. Wer Lust auf Zusammenarbeit hat oder Themen einbringen will: Meldet euch gern! TCP lebt vom Mitmachen.

Negative Kommentare gehören zum Alltag dazu. Wie gehst du damit um?

Früher haben mich manche Kommentare hart getroffen – auch wenn ich es nicht gezeigt habe. Heute kann ich besser unterscheiden: Was ist konstruktive Kritik? Was ist einfach Frust oder Projektion? Klar, manchmal nimmt man Dinge trotzdem mit. Aber ich versuche, mich davon nicht bestimmen zu lassen. Wichtig ist, sich selbst treu zu bleiben – und sich nicht für jeden Kommentar neu zu erfinden. Das gilt auch für alle, die sich in der Szene ausprobieren: Bleibt bei euch. Lasst euch nicht verbiegen.

Was stört dich aktuell an der Entwicklung der Szene? Gibt es Dinge, die dir nicht gefallen?

Definitiv. Diese extreme Schnelllebigkeit – sowohl musikalisch als auch in der Art, wie Content funktioniert. Viele Artists spielen mehr für den Algorithmus als fürs Gefühl. TikTok-Formate, bei denen nur auf den Drop gewartet wird, finde ich schwer erträglich – auch wenn ich verstehe, warum sie viral gehen. Ich selbst produziere auch Reactions, klar. Aber ich arbeite daran, mehr Tiefe mitzuliefern, mehr Kontext. Das ist ein Lernprozess – aber ein notwendiger.

Wie siehst du die musikalische Entwicklung in den nächsten Jahren? Bleibt der Hype um schnelle, harte Beats bestehen?

Der aktuelle Hype um schnelle, harte Sounds wird noch ein paar Jahre anhalten – aber er wird sich aufsplitten. Es wird wieder Raum geben für deepere, langsamere, emotionalere Musik. Ich glaube, wir stehen an einem Punkt, an dem neue Subkulturen entstehen. Techno war immer vielfältig – und das wird auch so bleiben.

Was wünschst du dir für die Zukunft – beruflich wie persönlich?

Mein Wunsch ist klar: Ich möchte wieder aktiv Events veranstalten. Das ist nicht nur Leidenschaft, sondern Berufung. Ich liebe es, Orte zu schaffen, an denen Musik, Menschen und Energie zusammenkommen.
Nach meiner Kündigung Anfang des Jahres suche ich aktuell einen Job, der mir das wieder ermöglicht. Vielleicht bringt dieses Interview ja Bewegung rein.
Ich mache das alles nicht aus Eitelkeit oder Langeweile – sondern weil ich überzeugt bin, dass ich mit TCP einen positiven Beitrag zur Szene leisten kann. Und weil ich meinen Platz darin gefunden habe.

Text: M.T.
www.instagram.com/technoconnectspeople
Aus dem FAZEmag 161/07.2025