Credit: CLessire


Als Triptychon werden dreigeteilte Gemälde oder Relieftafeln bezeichnet, und genau so könnte man die soundtechnische Reise Kevin Martins sehen, die mit dem explosiven „London Zoo“ in 2008 begann und mit dem bewusstseinsverändernden „Angels & Devils“ in 2014 fortgesetzt wurde. Nun veröffentlicht The Bug mit „Fire“ ein neues Werk, gespickt mit 14 Titeln, die dabei „schwindelerregende, tiefenscharfe Nahaufnahmen der Psyche Martins“ zeigen. Der Sound ist düster, aggressiv und teils gar beunruhigend – also quasi genau so, wie man es vom Londoner hören will. Grime, Dubstep und Industrial verschmelzen hier par excellence. Das Album ist am 27. August digital, auf CD und in verschiedenen Ausführungen als Doppelvinyl auf Ninja Tune erschienen.

Doch bei allen erfüllten Erwartungen erstaunt man dennoch bei nahezu jedem Titel und stellt fest, dass es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit dennoch die wildeste und bewegendste Musik ist, die Martin bis dato produziert hat. Daher ist „Fire“ mitnichten eine simple Wiederbelebung seiner eigenen Vergangenheit, sondern vielmehr die Aufarbeitung seiner letzten Monate, sowohl in Isolation sein Verlangen nach Kontakt, Chaos, Lärm, Bass und Co. als auch die private Entwicklung zum Familienvater. „Ich war schon immer süchtig nach der Körperlichkeit und Intensität von Sound: Ich habe The Bug gegründet, weil ich Musik für ein Soundsystem machen wollte, das ich im Lager hatte, und die Live-Erfahrung von The Bug war immer etwas, das ich auf Platte reflektieren wollte – ich bin immer auf der Suche nach Treibstoff für das Feuer und Liveshows – und die Sehnsucht nach Liveshows während des Lockdowns war ein echter Anstoß“, gibt er zu. „Ich frage mich immer: Wie kann ich das noch mehr anheizen? Wie kann ich die Leute noch mehr aus dem Konzept bringen? Für mich sollte eine Liveshow unvergesslich sein, sie sollte deine DNA verändern oder dich auf eine gute Art und Weise fürs Leben entstellen. Das war schon immer mein Ziel: Shows auf die Beine zu stellen, die unvergesslich sind. Ich mag Reibung, Chaos, das Anfachen der Flammen mit Sound, und dieses Album spiegelt die Liveshows am besten wider, was die Intensität und die schiere Fuck-off-Attitüde dieser Shows angeht. ‚WHAT the FUCK?‘ ist die Reaktion, die ich will – Wahnsinn ist eine gute Reaktion, besonders in einer Zeit, in der es so viel Kontrolle darüber gibt, wie die Leute Musik konsumieren und kulturell befriedigt werden.“

Mit Namen wie Flowdan, Roger Robinson, Moor Mother, Manga Saint Hilare, Irah & Daddy Freddy präsentiert der Brite dabei langjährige Weggefährt*innen aus der MC-Szene, mit Logan_olm, Nazamba und FFSYTHO bietet er neuen Acts eine Bühne. In der Produktionsphase im vergangenen Jahr hat Martin dabei zahlreiche Gefühlswelten durch- und erlebt, wie er sich erinnert: „2020 war die Verwirklichung der schlimmsten dystopischen Alpträume, die ich mir vorstellen konnte – ein Teil von mir war panisch, der andere Teil von mir fragte sich ‚Wie werde ich gesund bleiben?‘, ich dachte ,Ich muss vier Menschen versorgen und es könnte Jahre dauern, bevor ich wieder Shows spiele!‘ – das war im Hinterkopf, als ich das Album machte. Um die Ruhe zu bewahren, habe ich angefangen, Soloalben zu machen, was meditativ war, mich wieder mit mir selbst in Kontakt brachte und es mir ermöglichte, mein Studio wieder aufzubauen, was mich am Arbeiten hielt und mir half, einen klaren Kopf zu behalten. Das war entscheidend, denn ich habe im Laufe meines Lebens erkannt, dass das, was mich auf dem Boden hält, die Musik ist. Früher dachte ich, dass ich mich im Jetzt, in der Realität, in der Sensation, in der Information vergraben will. Mit der Zeit habe ich erkannt, dass ich eigentlich eine parallele Welt im Sound erschaffen will, und das Studio gab mir eine Flucht davor, wie beschissen die Welt im letzten Jahr war. Dieses Gefühl von äußerem Chaos und innerem Hinterfragen ist etwas, das alle MCs auf unterschiedliche Weise auf ‚Fire‘ reflektieren. Und ich habe das Gefühl, dass ich gewachsen bin: Musik nicht nur als egoistisches Ziel zu machen, sondern um meine Familie zu unterstützen, hat dazu geführt, dass ich aufgehört habe, zu viel über Dinge nachzudenken. Wir wussten, wann Tracks fertig waren und ich habe meine manische Kontrolle über die Musik verloren und sie atmen und natürlicher zusammenkommen lassen. Das ist etwas, von dem ich denke, dass man es auf dem ganzen Album hören kann.“

 

Aus dem FAZEmag 115/09.21
Text: Triple P
Credit: CLessire
www.facebook.com/thebugofficialpage