Mich begleiten The Prodigy – mehr oder weniger intensiv – seit „No Good (Start The Dance)“, was mich beinahe zu einem Late Adopter macht, denn immerhin war das 1994 bereits die achte Single der drei Briten aus der südostenglischen Kleinstadt Braintree. Die Rave-Kultur steckte gerade mitten in ihrer heißen Phase und kaum eine andere Band brachte dieses besondere Gefühl in einem einzigen Track so perfekt zum Ausdruck wie sie mit ebendieser Nummer. Mit „The Fat Of The Land“ 1997 und Singles wie „Firestarter“, „Breathe“ und „Smack My Bitch Up“ gelang Liam Howlett, Keith Flint und damals noch Leeroy Thornhill dann endgültig der Durchbruch als Kult-Trio der Raving Society. 2000 verließ Thornhill die Band, die seither durch Keith Palmer aka Maxim Reality vervollständigt wird. 2008 traf ich diese drei ein erstes Mal zum Interview. Anlass war die Veröffentlichung ihres fünften Albums „Invaders Must Die“ und viel weiß ich aus dem damaligen Gespräch nicht mehr. Zur Fangirl-gleichen Nervosität meinerseits gesellte sich ein aufgekratztes Dreiergespann, das kreuz und quer quatschte und mich als Interviewerin gern mal vergaß oder vielleicht auch bewusst ignorierte. Nach gefühlten Stunden in einer Suite im Hyatt am Potsdamer Platz in Berlin war ich in Schweiß gebadet und irgendwie froh, dass es vorbei war. Auch das spätere Abtippen der Aufnahme war natürlich alles andere als ein Freudenfest.

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Entsprechend bin ich bei meinem zweiten Prodigy-Interview mental auf alles vorbereitet. Stattfinden soll es an einem Mittwoch um 16:30 Uhr im Berliner Soho House. Es bleibt allerdings ein Plan, denn das Interview fällt aus. Leider hat man schon nach den ersten Terminen mit der Presse am Vormittag ein so massives Delay und nach 17 Uhr keine Zeit für Verlängerung, sodass ich als letzte Person auf der Liste einfach hinten runterfalle. Stattdessen ist mir ein paar Tage später ein Phoner mit Mastermind Howlett vergönnt. Am Ende vielleicht eine stressfreiere und durchaus nette, aber auch unspektakulärere Erfahrung. Ich weise Liam zu Beginn unseres Gesprächs freundlich auf die unglücklichen Umstände ein paar Tage zuvor hin, er entschuldigt sich höflich. Es tue ihm leid, aber so laufe das meistens. Wenn sich in einem Interview ein Gespräch entwickle, wolle man das eben nicht einfach so abbrechen, nur weil die Zeit rum sei, sagt er. Ich erinnere mich zurück an 2008 und nicke verständnisvoll, was er natürlich nicht sehen kann.

Inzwischen steht mit „No Tourists“ das siebte Studioalbum von The Prodigy in den Läden. Auf das im Februar 2009 veröffentlichte „Invaders Must Die“, den Inhalt unseres letzten Gesprächs, folgte drei Jahre später mit „World’s On Fire“ ein Live-Album, ehe 2015 endlich das nächste Studiowerk fertig war. An „The Day Is My Enemy“ hat die Band tatsächlich die vollen sechs Jahre gearbeitet, weil immer wieder Songs verworfen wurden. Dabei heraus kam „ein lauter, fieser, frontaler Abgesang auf die elektronische Musik der Neuzeit – auf Superstar-DJs, EDM und Live-Sets aus der Konserve.“ (Zitat: Marcel Anders 2015 im FAZE Magazin). Nun also haben Howlett und Co. in der Hälfte der Zeit ein neues Album zusammengezimmert, auf dem sie ihrer altbewährten Formel mal wieder treu bleiben, die aus musikalischen Arschtritten, repetitiven Speed-Beats und der beispiellosen Prodigy-Energie besteht. Eine Energie, die angesichts des nun doch schon fortgeschrittenen Alters der Protagonisten durchaus bemerkenswert ist. Kurzum, The Prodigy liefern ab, was die Fans von ihnen erwarten. Vor allem aber würden sie abliefern, was ihnen selbst am meisten Spaß mache, erklärt mir Liam an jenem Mittwoch übers Telefon.

Sechs Jahre habt ihr seinerzeit an „The Day Is My Enemy“ gearbeitet, das liegt wiederum drei Jahre zurück. Wie lange hat die Fertigstellung von „No Tourists“ konkret gedauert?

Die Songs sind eher in Phasen und nicht an einem Stück entstanden. Nach den ersten Monaten hatte ich fünf bis sechs Ideen zusammen. Dann haben wir erst mal wieder live gespielt. Es bringt mir nichts, immer wieder an denselben Ort zurückzugehen und dieselben Sachen noch einmal zu machen. Ich brauche einen Wechsel der Umgebung, um kreativ sein zu können. Der perfekte Moment, einen Track zu schreiben, ist für mich der, in dem ich von der Bühne komme. Dann weiß ich genau, was es braucht, um eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Und dieses Wissen versuche ich umzusetzen, indem ich mich sofort an die Arbeit mache. Ich fahre umgehend ins Hotel und setze mich an den Rechner. Das verkürzt den Songwriting-Prozess enorm. Es ist ganz anders, wenn wir uns im Studio treffen, um an neuen Songs zu schreiben. Am Ende ist es aber ein Mix aus beidem: der klassischen Studioarbeit und dem Schreiben auf Tour. Und so sind die Sachen für das Album sowohl in Hotelzimmern in Belgien als auch auf dem Weg von A nach B im Tourbus oder dem Flugzeug sowie in ausländischen Studios wie zum Beispiel in Moskau entstanden.

Wie viele schlaflose Nächte hattest du also beim Schreiben der Songs?

Tatsächlich schreibe ich nach wie vor nur nachts, daran hat sich nichts geändert. Kreativität stellt sich für mich am Tage nicht ein. In den heißen Phasen kommt es schon mal vor, dass ich für einen längeren Zeitraum nicht mehr als drei Stunden pro Tag ins Bett komme. Wenn du kreativ arbeitest, musst du mit dem Flow gehen, du kannst den Output nicht beeinflussen. Es kommt, wie es kommt. Das Mixing zum Beispiel kann dann auch schon mal am Tage passieren – oder auch andere Dinge, die keiner großen Kreativität bedürfen, die eher eine Art Abarbeiten darstellen. Um das Mixing habe ich mich dieses Mal komplett allein gekümmert, was drei bis vier Monate in Anspruch genommen hat.

Um den kreativen Prozess anzukurbeln, sind also Ortswechsel nötig. Ein Soundwechsel aber ist vermutlich gar nicht in eurem Sinne, denn „No Tourists“ klingt wieder genauso, wie man es von einem The-Prodigy-Album erwartet. Laut, rau und schmutzig.

Richtig, wir wollen uns nicht neu erfinden. Warum sollten wir das auch tun? Wir wollen niemand anderes sein. Leute, die mit dem, was sie tun, nicht zufrieden sind, haben vielleicht das Bedürfnis, sich neu zu erfinden, aber zu denen gehören wir nicht. Wir machen schnelle, energetische Musik, ein Album mit Balladen wirst du von uns zum Beispiel nie zu hören bekommen. Das ist nicht unser Geschäft. Wir sind vom ersten bis zum letzten, also dem aktuellen, Album beeinflusst vom Rave-Sound der frühen Jahre, daran hat sich nichts geändert und das wird es auch zukünftig nicht. Wir addieren vielleicht ein paar moderne Elemente, aber die Attitüde ist stets dieselbe.

Dazu gehört auch, dass ihr zwar eine oder zwei Singles als Vorgeschmack auf ein Album veröffentlicht, euer Fokus aber eben nach wie vor auf dem Longplayer liegt – obwohl in Zeiten von Spotify und Co. bei den Menschen die Aufmerksamkeitsspanne erwiesenermaßen dafür gar nicht mehr reicht. Das ist euch aber egal?

Klar hast du Recht, so traurig das ist, aber mal ganz ehrlich: An eine Single oder eine EP erinnert sich in ein paar Jahren niemand mehr. Wenn du aber ein gutes und rundes Album auf den Markt bringst, bleibt das vielen dann doch im Gedächtnis. Ich glaube, die meisten Musiker wollen immer noch lieber Alben veröffentlichen, weil sie so ein vollständigeres Bild von sich zeichnen können. Vom Artwork bis zur Musik – die Möglichkeit, sich zu präsentieren, ist eine ganz andere als bei einer EP oder einer Single. Also ist es auch uns scheißegal, ob sich einige Leute am Ende nur ein oder zwei Tracks anhören – wir wollen ein Album machen, das von Anfang bis Ende Sinn ergibt. Da sind wir eben altmodisch.

„No Tourists“ ist der vierte Song auf dem Album und dessen Namensgeber. Warum habt ihr euch für diesen Titel entschieden?

Weil die Idee dahinter wichtig ist. Es geht im Grunde um Eskapismus. Die Menschen sind heute kaum noch bereit, Dinge selbst zu entdecken, sie starren stattdessen aufs Display ihres Smartphones und heben kaum den Kopf. Sie bekommen nicht mit, was um sie herum geschieht. Uns geht es darum, aufzuzeigen, wie viel spannender das Leben ist, wenn du die eingetretenen Pfade anderer verlässt und die Dinge selbst entdeckst. Eben nicht den Weg gehst, denn Millionen von Touristen schon vor dir gegangen sind, sondern einen neuen für dich findest. Das ist etwas, das uns mehr und mehr abhanden kommt. Dabei gibt es rechts und links vom Weg so viel zu sehen und zu erfahren, wir müssen nur wieder hinschauen.

Ihr wart mit jedem eurer Alben – mit Ausnahme vom 1992 erschienenen Debüt „Experience“ – auf Platz 1 der Charts in Großbritannien. Knüpft ihr ähnliche Erwartungen auch an „No Tourists“ oder sind euch Verkaufszahlen heute egal?

Lustig, genau darüber habe ich heute Morgen noch nachgedacht. Natürlich wollen wir Platten verkaufen. Wenn die Leute unser Album kaufen, heißt es, dass sie das, was wir tun, noch immer mögen und dass sie vermutlich auch zu unseren Shows kommen werden. Kaufen die Leute unsere Platten plötzlich nicht mehr, machen wir über kurz oder lang sicherlich auch keine mehr. Es ist uns schon wichtig, dass die Menschen das Album als Format zu schätzen wissen. Ich habe einen Sohn im Teenageralter und kann beobachten, was da passiert. Musik spielt oft nur noch die zweite Geige, ist vielleicht Soundtrack zu einem Spiel oder einem Film, nicht mehr. Die Art, Musik zu rezipieren, ist heute ganz anders als noch vor 15 Jahren. Doch dreh mal bei einem Spiel oder einem Film die Musik weg, dann merkst du erst, wie wichtig sie ist für die Emotionalität. Wir können die Leute nicht zwingen, unser Album zu kaufen, darüber haben wir keine Kontrolle, aber wir freuen uns, wenn sie es tun. Wir machen Musik, die uns Spaß macht, in der Hoffnung, dass sie dann auch anderen Spaß macht. Bei einigen funktioniert es, bei anderen nicht. Man kann es eben nicht jedem recht machen, aber wir haben eine tolle Fangemeinde, die uns extrem treu ist.

Das sind vermutlich Fans der ersten Stunde. Aus den Ravern von einst sind längst Erwachsene mit einem festen Job und Familienleben geworden, die dem Club schon vor Jahren den Rücken gekehrt haben und nur zum Prodigy-Konzert mal wieder alle Fünfe gerade sein lassen. Wie sehr hat sich deine eigene Attitüde, dein Lebensgefühl seit damals verändert?

Gefühlt hat sich bei mir gar nichts verändert. Natürlich wird alles anders, wenn du plötzlich Kinder hast. Alles fühlt sich irgendwie intensiver an, du siehst vieles aus einem anderen Blickwinkel, es werden andere Dinge wichtig. Aber grundsätzlich haben wir über all die Jahre als Band das gemacht, was wir schon immer tun. Da sehe und fühle ich keinen Unterschied.

Nicht einmal, wenn ihr auf Tour seid? Irgendwie schwer vorstellbar, dass euer Tourleben heute noch genauso aussehen soll wie in den Neunzigern. Vielleicht habe ich aber auch eine falsche Vorstellung davon, was damals so bei euch abging.

(lacht) Vermutlich. Ich habe damals nicht viel Schlaf bekommen, und das ist auch heute noch so. Vor allem eben, weil ich in der Zeit viel an Songs schreibe. Wir haben über die Jahrzehnte einiges ausprobiert, um herauszufinden, wie es für uns am besten funktioniert. Eine lange Tour, mehrere kürzere. Wenn wir heute unterwegs sind, spielen wir in der Regel drei bis vier Shows nacheinander und machen dann erst mal einen Tag Pause. Das hat sich für uns einfach bewährt. Natürlich gibt es immer einen Grund zum Feiern und einen Moment, in dem es passt. Aber am Ende machen wir einen Job und wir wollen gut abliefern, wenn die Leute schon kommen, um uns zu sehen. Wir feiern eher mal wie eine echte Rockband, wenn wir nicht gerade auf Tour sind und uns auf den Job konzentrieren müssen.

Gibt es musikalisch etwas, was dich gerade besonders interessiert, was du spannend findest und auch privat hörst?

Ich mag schon seit vielen Jahren Drum ’n’ Bass, das hat sich nie geändert. Was da im Underground in Großbritannien passiert, ist für mich das Spannendste innerhalb der elektronischen Musikszene. Wenn wir von Bands sprechen, sind da zum Beispiel Die Antwoord. Ich finde es super, was die machen. Aber ehrlich gesagt ist das alles nichts, was ich daheim höre. Da höre ich im Grunde nämlich gar nichts, sondern genieße die Ruhe. Und auch auf Tour, wenn wir viel reisen, bevorzuge ich es in meiner freien Zeit, Filme zu schauen. Horrorfilme mit Vorliebe, düsteres Zeug, das dann sicherlich auch wieder einen Einfluss auf die Songs hat, die ich in der Nacht schreibe. Ansonsten mag ich es – im Privaten oder auch auf Tour –, einfach herumzulaufen und mir meine Umwelt und die Menschen darin genau anzuschauen. Das macht viel mehr Sinn, als sich irgendeinen Müll im Fernsehen anzuschauen. Unser Studio liegt in King’s Cross in London, in einer ziemlich rauen Gegend. Dort vor die Tür zu gehen und sich umzublicken, ist eine große Inspiration für mich, ebenso wie der Besuch von Museen, Ausstellungen und so etwas. Neulich war ich in einem Restaurant und fragte den Kellner nach einem Lied, das mir im Hintergrund aufgefallen war. Durch solche Momente komme ich immer wieder zu neuen Ideen.

„No Tourists“-Tour 2018

27.11. Max-Schmeling-Halle, Berlin
28.11. Zenith, München
04.12. Festhalle, Frankfurt
05.12. Mitsubishi Electric Halle, Düsseldorf

Aus dem FAZEmag 080/10.2018 
Text: Nicole Ankelmann | Fotos: Matthias Hombauer | www.theprodigy.com

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