„Hamburch, meine Perle!“, hören wir Thomas Hoffknecht schwärmen. Der DJ und Produzent ist seiner Heimat tief verbunden und dort seit vielen Jahren aktiv. Mittlerweile ist er Familienvater, doch die Technofahne wird weiter hochgehalten – und aktuell wohl höher denn je. Kurz vor dem Jahreswechsel veröffentlichte Thomas Hoffknecht sein Debütalbum „Open Your Eyes“ auf Micro.fon. Wir haben uns mit ihm über seine Musik unterhalten und ihm auch den ein oder anderen Gedanken über die elektronische Musikszene entlockt.

Thomas Hoffknecht

 

Vor wenigen Wochen kam dein erstes Album raus! Wie fühlt sich das für dich an,
Thomas?

Hervorragend! So viele Leute haben mich gefragt, wann es denn nun endlich dazu kommen würde. Ich muss zugeben, es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich dazu entschlossen habe, dieses Projekt anzugehen – doch es war notwendig und allerhöchste Zeit, den nächsten Schritt zu tun. Kurz vor Veröffentlichung und bis zu den ersten Feedback-Nachrichten zu „Open Your Eyes“ war ich sehr aufgeregt, doch was danach folgte, war die pure Erleichterung! Es ist für mich überwältigend, wie viele Leute mein erstes Album feiern.

Schön, zu hören. Auch bei unserem Rezensenten kam „Open Your Eyes“ gut an. Doch lass uns kurz auf das Feedback anderer Acts eingehen: Auf wessen Meinung legst du großen Wert?

Dazu gehören Künstler wie Drumcell, Alex Bau, Truncate, Pan-Pot, Mark Broom oder auch Charlotte De Witte. Aber auch die Einschätzung von Freunden, die Techno lieben und leben, bedeutet mir etwas. Wer musikalisch gesehen gerade sehr eng an meiner Seite ist, ist DJ Emerson. Auf seine Meinung gebe ich extrem viel.

Zu Emerson hast du nun schon seit einigen Jahren eine gute Verbindung. Die Veröffentlichung deines Albums auf seinem Label Micro.fon verwundert daher nicht. Trotzdem: Wieso hast du dich für ein anderes Label entschieden? Mit STRGHT hast du ja mittlerweile auch eine eigene Plattform.

Durch DJ Emerson konnte ich „Open Your Eyes“ den letzten Feinschliff verpassen, alle Tracks wurden von ihm abgemischt und gemastert. In meinen Ohren ist das die Arbeit eines Meisters! In diesen Genuss kam ich bereits bei meiner ersten EP für Micro.fon, auch die ist nahezu perfekt geworden. Es lag also nahe, nun auch das Album von ihm mischen sowie mastern zu lassen und es dann auch direkt auf Micro.fon zu veröffentlichen. Ich feiere das Label, seit ich Techno produziere, ich feiere die Künstler und die Releases und ich feiere den Labelhead – eigentlich bin ich nur am Feiern. (lacht) Bei Micro.fon passt einfach alles! STRGHT ist für mich eine eigene, separate Plattform, auf der ich mich austoben kann, ein Album hat dort aber nichts verloren.

Zurück zuOpen Your Eyes”. Welche Idee steckt hinter deinem Albumdebüt?

Ich bin DJ durch und durch und wollte ein Album produzieren, das zu 100 Prozent im Club funktioniert, aber auch auf Bigroom-Stages. Der Sound sollte also dominieren, nach vorne gehen, richtig schön drücken und den Ravern ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Sie sollen fühlen, was die Musik mit ihnen anstellt, sich der Nacht und dem Moment hingeben. Das war das Ziel. Angetrieben haben mich DJ Emerson und meine Agentur District4; die waren und sind der Meinung, dass aus der großen Auswahl und Bandbreite meiner Produktionen zwangsläufig ein Album entstehen müsste.

Du wurdest also beinahe schon zum Debütalbum gedrängt. Wie bist du es letztendlich angegangen?

Wir sind bei District4 zu einem zielorientierten Team zusammengewachsen, da musste mich keiner drängen, es war einfach eine Notwendigkeit, um die nächste Stufe zu erreichen. Was die Produktion betrifft, habe ich ganz neu angefangen, auf einem leeren, frischen Blatt Papier. Ich habe damit begonnen, Tools zu basteln sowie Samples zu bearbeiten, und so in einem relativ kurzen Zeitraum über 20 Tracks produziert. Die Selektion für „Open Your Eyes“ habe ich dann zusammen mit Emerson durchgeführt. Im Anschluss habe ich die Tracks erst mal ruhen lassen und in der Zwischenzeit andere Sachen produziert. Etwa drei bis vier Monate später habe ich noch mal reingehört und immer noch Gefallen an der Auswahl gefunden. Als ich dann auch mit dem Feinschliff durch war, konnte ich mich nicht nur über das fertige Album freuen, sondern hatte auch noch vier weitere EPs im Kasten.

Welches Equipment hat hauptsächlich zum Sound von „Open Your Eyes“ beigetragen und mit welchen Geräten präsentierst du dein Album im Club?

Meine geliebte Roland TR-8 und die Elektron Analog Rytm waren und sind nach wie vor unheimlich wichtig für mich. Meinen Sound im Club, also auch das Album, präsentiere ich mit zwei Allen&Heath-K2-Controllern, dem neuen Allen&Heath-Xone96-Mixer, meiner Roland TR-8 – wobei ich zwischendurch mit der Analog Rytm tausche – und Traktor.

Du bist ja unter anderem auch Allen&Heath-Produktexperte. Was ist neu am Allen&Heath Xone96?

Der Xone96 bringt alles mit, was ein DJ im Club für ein perfektes Hybrid- oder DJ-Set benötigt. Das Hauptaugenmerk liegt folglich auf dem integrierten 24Kanal-Dual-USB-Audiointerface zum Anschluss von zwei Laptops, deren Signale an die sechs Hauptkanäle geschickt werden können. Dazu kommt die DVS-Zertifizierung für Traktor Scratch inklusive. Auch ein zweiter unabhängiger Kopfhörer wurde dem 96er hinzugefügt, der unterschiedliches Vorhören ermöglicht. Die Fader können verschieden eingestellt werden und zu den Filtern kommt noch die Crunch-Option dazu. Für mich hat sich damit der Horizont für abenteuerliche Sets doch sehr erweitert. Ich liebe dieses Ding!

Mit neuer Technik und neuem Album im Gepäck geht es jetzt also auch 2019 wieder in viele Clubs der Bundesrepublik. Erhoffst du dir durch „Open Your Eyes“ auch vermehrt internationale Aufmerksamkeit?

Ich bin schon in den Genuss internationaler Bookings gekommen und es gibt bereits diverse Anfragen aus Spanien, Frankreich, Italien und den Niederlanden – Tendenz steigend! Doch ich konzentriere mich, auch wenn das jetzt komisch klingen mag, erst mal auf Deutschland. Hier möchte ich durchstarten. Es gibt so viele tolle Clubs in Deutschland, die ich bereits kennenlernen durfte, wie zum Beispiel den Lehmann Club in Stuttgart, den Geheimclub in Magdeburg oder – im Rahmen meiner Residency – das PAL in Hamburg. Und die Liste wird immer länger. Demnächst spiele ich im Bunker in Rostock, im Sektor Evolution in Dresden, im Kölner Artheater und im Haven Center in Wilhelmshaven. Es gibt also viel zu entdecken in meiner deutschen Hood. Das Ausland reizt mich natürlich auch, hat aber noch keine Priorität für mich. Außerdem habe ich noch viele andere Ideen, die ich hier erst mal umsetzen möchte: Am 16. März gibt es in Leer, im schönen Ostfriesland, bei den Jungs von Techno Tourette ein offizielles „Allen&Heath Xone DJ Live Streaming“ zusammen mit Markus Suckut, DJ Emerson und SpinnZinn. Die Location dafür ist ein altes Kühlhaus und bietet Platz für 200 ausgewählte Gäste. Und auch im April steht für mich ein kleines Highlight an, denn da spiele ich auf der Mutter aller Raves, der MAYDAY in Dortmund, auf der Empire-Stage. Ich bin total gespannt, was die Zukunft so bringen wird, und freue mich jeden Tag des Lebens!

Das hört sich so an, als wärst du sehr zufrieden, Thomas. Hast du dir trotzdem konkrete Ziele gesteckt für das noch junge Jahr oder siehst du die Sache eher entspannt?

Einfach gesund und munter bleiben, mich weiterentwickeln und mehr bewusste, kreative Pausen einlegen. Mein Label STRGHT pflegen und füttern und mich noch mehr in mein Hybrid-Set einarbeiten. Jedoch auf jeden Fall weiter Musik produzieren und Dancefloor-Filler liefern, die die Menschheit braucht.

Das würde ich gerne aufgreifen, jedoch von der Menschheit auf die elektronische Musikszene reduzieren. Wie erlebst du diese und was braucht die Szene wirklich?

Puh, das ist eine gute Frage, die nach einer langen und dezidierten Antwort verlangt. Vielleicht sollte man hierzu mal einen Round Table einberufen. Ich bin mir sicher, dass mit den passenden Protagonisten ein spannendes Resultat formuliert werden könnte. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ich denke, der Szene fehlt aktuell – eigentlich schon seit vielen Jahren – eine zielorientierte Erziehung des Nachwuchses, weg vom Only-Superstar-Festival im Sommer hin zu mehr Vielfältigkeit, Echtheit, Liebe zum Detail, einfach weniger Kommerz. Wenn ich sehe, dass heutzutage Raver nichts anderes zu tun haben, als ihre Handys zu zücken und den Star-DJ zu filmen, verstehe ich die Welt nicht mehr. Als wir früher Partys gefeiert haben, ging es uns um den Rave, um die Musik, natürlich auch hier und da um den DJ, der auflegt, aber das kam nicht an erster Stelle. Wir fanden es einfach geil, zu feiern, Teil einer Gegenkultur zu sein, zu tanzen und die Musik auszuleben, den Moment zu genießen, den Club, die Deko, das ganze Drumherum. Heute kommt es mir manchmal so vor, als würde das alles keine Rolle mehr spielen. Es greifen andere Mechanismen: Man geht zu DJ X oder DJ Y, bleibt dann die zwei Stunden, die er oder sie spielt, im Club und das war’s. Die Leidenschaft für das Ganze, also den Rave, ist für viele verloren gegangen, weil es einem falsch vorgelebt wird. Außerdem ist das wichtige Open-Air-Business im Sommer teilweise von Veranstaltungsfirmen übernommen worden, die sich nicht mal ansatzweise für vielfältigen Inhalt, ausgefallene Dekorationen, faire Preise oder Ähnliches interessieren. Die buchen zusammen, was bekannt und teuer ist, mieten sich bei einer PA-Firma Licht und Ton und fertig ist der Lack. Oft sehen solche „Festivals“ aus wie Open-Air-Großraumdiskotheken, mit allem, was die Licht- und Ton-Industrie zu leisten vermag. Leider kann man aber den Spirit nicht kaufen, und das führt meiner Meinung nach dazu, dass die Kids, die diese Festivals besuchen, solche Produktionen und Line-ups in den Clubs erwarten, was sich diese aber einfach nicht leisten können. Folge: Wenn der Club einen teuren Headliner bucht, dann ist der Club meist voll – da die Kosten jedoch durch die Decke gehen, wird kaum Gewinn erzielt. Bei anderen Clubnächten ohne große Headliner sind die Clubs hingegen weniger gut besucht. Im Ergebnis steht dann über kurz oder lang der Konkurs an, was wir ja aktuell gut beobachten können – zahlreiche Clubs sterben. Letztendlich geht dadurch der ganze Unterbau der Szene verloren, quasi die Erziehungsanstalt des Nachwuchses. Die teuren Headliner stört das weniger, da sich der Markt ja stark internationalisiert hat. Die spielen dann eben in Italien, den USA, auf Ibiza und sonst wo auf der Welt. Der Rest schaut in die Röhre.

Dein Vorschlag?

Ich finde, man sollte sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren, langfristiger und vor allem fairer denken, davon profitieren alle Beteiligten. Aber das ist natürlich nur ein Teil der ganzen Misere, da gäbe es noch einige Themen mehr: den Social-Media-Wahnsinn, unverhältnismäßig hohe Gagen, schlechte, aber gehypte DJs – aber das würde hier endgültig den Rahmen sprengen.

Kannst du eine solche Entwicklung auch in deiner Heimatstadt beobachten?

Nun, während sich der eine bekannte Techno-Bunker immer mehr in kommerzielle Bereiche bewegt, mit den immer gleichen Line-ups, arbeitet sich ein anderer Laden immer weiter vor ins Technoherz. In meinen Augen gibt es nur einen empfehlenswerten Club in Hamburg: das PAL, das ja auch das Volt und das Moiré beherbergt – alles im gleichen Gebäude. Hier gibt es jedes Wochenende hervorragende Bookings, die das elektronische Herz höherschlagen lassen. Das Publikum und das Team, alles passt dort. Ich mag die Läden nicht, die die Gäste nur aufgrund des Social-Media-Hypes besuchen und dabei nicht mal wissen, wer im Line-up steht. Ich brauche eine gewisse Echtheit, das zieht sich durch mein ganzes Schaffen. Die Hamburger Jungs von District66 zum Beispiel leisten hier, was die musikalische Ebene betrifft, eine hervorragende Arbeit. Ihre Liebe zur Musik und zum Detail ist spürbar. Deswegen auch Daumen hoch für Clark Davis und Markus Schwarz!

Das scheint ja so, als wäre das Hamburgs Hoffnungsschimmer! Lass uns abschließend noch kurz dein Projekt Thope ansprechen. Wird es hier 2019 weitergehen?

Mit Thope habe ich aktuell eine kleine Pause eingelegt, damit ich mich zu 100 Prozent auf meine jetzigen Projekte konzentrieren kann. Mein Live-Set mit Thope steckt ja noch in den Kinderschuhen, aber auch hier wird es definitiv bald losgehen. Auf dieses Projekt habe ich wirklich richtig Bock! Und da mir die Türen bei Credo mit Thope immer offenstehen, wird es Thope auch weiterhin nur auf Credo geben. Großen Dank an Alex Bau an dieser Stelle, der mir das ermöglicht!

Und ein großer Dank geht an dich für deine Zeit, Thomas!

 

Aus dem FAZEmag 084/02.2019
Text: Julian Haußmann
www.facebook.com/thomas.hoffknecht