Checkt man die Diskografie der Brüder Ali und Basti Schwarz, führt die erste Single in das Jahr 1998 und das erste Album in 2000 zurück. So gelten die Stuttgarter ohne Zweifel als Wegbereiter und Koryphäen des Deephouse, denn auf bemerkenswerte Art und Weise schaffen sie es immer wieder, frisch und modern zu klingen. Am Puls der Zeit eben, wenn nicht sogar immer einen Takt voraus. Nicht ohne Grund können sie – Stand 2012 – auf Zusammenarbeiten mit Acts wie Masters at Work, Freaks, Isolée, The Rapture, Cassius, DJ Hell, Kelis oder Missy Elliot zurückblicken. Unvergesslich ihre Interpretation von Spektrums „Kinda New“ oder ihre eigene Nummer „Isst“. Mit ihrem Label Souvenir schufen sie sich 2006 eine neue Heimat, die sich dieser Tage im Umbruch befindet.

Wir treffen die beiden Schwarz-Brüder, die neben interessanten Antworten auch noch unseren aktuellen Download-Mix bereit halten. Sie wirken glücklich, zufrieden und gestresst zugleich. Grund dafür ist der Umzug des gesamten Office samt Studio, in dem sie aktuell stecken: „Wir waren bislang in einem extrem schönen Bürokomplex im Prenzlauer Berg beheimatet, wo auch Richie Hawtin, Mathew Jonson, Tobi Neumann und Dirt Crew ihr Studio hatten. Allerdings werden dort jetzt teure Appartements gebaut, so dass sich alle etwas Neues suchen mussten. Jetzt sitzen wir mit Melissa von maouris Promotions zusammen. Sie macht u.a. auch die Sachen für Ostgut und Fabric. Wir sind sehr glücklich darüber, weil wir sie schon recht lange kennen und daraus ein tolles Netzwerk entstehen kann. Auch unser Team haben wir aufgestockt und verändert. Wir finden, Veränderung ist das halbe Leben und tut auch gut. Mit Samy haben wir einen tollen neuen und vor allem fähigen Label Manager, der unsere tägliche Arbeit sehr bereichert. Er sorgt jeden Tag für einen tollen Workflow, eine gute Stimmung und ist sogar auf der neuen Compilation als Sierra Sam vertreten. Durch diese ganzen Tatsachen herrscht also gerade ein sehr frischer Wind bei uns und dem Team, das wir schon jetzt lieben. Wir freuen uns auf die kommenden Wochen und Monate.“

In der Öffentlichkeit wird diese familiäre Atmosphäre stets präsenter. Neben immer öfter veranstalteten Showcases wurde Anfang August besagter, zweiter Teil der Label-Compilation „In The City“ releast, jedoch ohne Tracks der beiden Label-Köpfe. „Die Idee war dabei, den Fokus auf neue Acts zu richten und ihnen eine Plattform zu geben. Dadurch, dass Souvenir sowohl für vocallastige als auch technoidere Sachen bekannt ist, bildet sich eine gelungene Schnittmenge. Den größten Teil der Künstler kannten wir schon länger, der andere Teil ist neu dazu gekommen. So z.B. Denis Horvat aus Kopenhagen, der sehr schöne Sachen macht und bald eine FollowUp releasen wird. Oder auch CJ Jeff aus Athen, der gleich mit zwei
Nummern vertreten ist, genau so wie Emanuel Satir aus Frankfurt. Die Kopplung wird auch nochmals auf Vinyl veröffentlicht – allerdings nur vier Tracks davon, die wir individuell nach unserem subjektiven Empfinden ausgewählt haben.“

Neben den Shows, dem Umzugsstress und der gesamten Labelarbeit haben es die Gebrüder Schwarz dennoch ins Studio geschafft und veröffentlichen schon bald ihre nächste Single. „Wir haben eine gemeinsame Sache mit dem Sänger Argenis Vito gemacht. Sehr spannend und eigenwillig zugleich. In ein paar Wochen erscheinen davon auch noch mal Remixes. Darauf folgt auch schon Souvenir-Katalognummer 50., worauf wir natürlich stolz sind. Das wird eine Art Retrospektive des Labels sein, jedoch mit neuen Mixen. Nebenbei sammeln wir aktuell auch schon erste Ideen für ein kommendes Album. 2013, zweite Jahreshälfte haben wir anvisiert.“ Unermüdlich – seit nunmehr über 14 Jahren. Man bekommt das Gefühl, dass ihr Antrieb und ihre Motivation mit dem Laufe der Zeit noch größer werden. Zeitgleich bespielen Künstler, die zur selben Zeit angefangen haben, teilweise Classic-Floors und nähren sich an ihrem Erfolg der goldenen 90er, wenn sie noch nicht gänzlich in der Versenkung verschwunden sind. Ist es das hohe Maß an Passion zur Sache? Die Geschwisterliebe? Oder vielleicht doch eine Symbiose aus beidem? „Wir versuchen, mit gesundem Bewusstsein und einer klaren Wahrnehmung an die Sache heranzugehen. Das Wichtigste ist der Spaß an der ganzen Sache. Wir stellen uns immer in Frage und justieren kontinuierlich an diesem Projekt nach. Wo stehen wir jetzt, und wo soll es hingehen? Das sind Fragen, die wir uns immer wieder stellen und versuchen, selbst zu beantworten. Nur so kommt man im Leben weiter, wie wir finden. Jeder hat mal starke und mal schwächere Momente. Durch diesen Umstand generiert man aber immer wieder neue Sachen. Wir haben uns definitiv einen eigenen Space erschaffen, in dem wir zwischen den Genres nach belieben springen können. Das heißt, wir können mal eine deepere, aber auch eine treibendere Nummer machen, ohne dass wir uns dabei selbst verraten. Generell empfinden wir elektronische Tanzmusik aktuell so vielschichtig wie selten zuvor. Von Nicolas Jaar über Marcel Dettmann bis hin zu Jamie Jones oder Richie Hawtin … Jeder hat mit seinem Style eine überaus hohe Relevanz und Qualität. Das gab es in so einer Form noch nie. Diese ganzen stilistischen Eingrenzungen sind nicht mehr vorhanden. Ich kenne Leute, die z.B. sehr gerne auf eine Hot Creations Party gehen und zwei Tage später im Berghain sind. Das ist für mich eine schöne Sache.“

Eine Hand wäscht die andere – zwei das Gesicht. Ein Motto, das gut auf den Tiefschwarz-Alltag passt. Am Wochenende kommt es jedoch nicht selten vor, dass sich die Wege der beiden trennen. „Grund dafür sind die leider sehr hohen Kosten durch Flüge etc, die für die meisten Promoter nicht tragbar sind. Sämtliche Ibiza-Gigs oder auch Festivals spielen wir aber gemeinsam. Dazu kommen auch noch unsere Label-Showcases, die wir in den kommenden Wochen noch stärker präsentieren möchten. Nicht nur, weil wir als Familie und Team sehr gerne unterwegs sind, sondern weil es mit Merchandise und Platten heutzutage sehr schwierig ist, Geld umzusetzen. Die Zeiten werden schwieriger, sodass man neue Wege gehen muss. Dass dies aber mehr als gut angenommen wird, sieht man z.B. an Diynamic oder keinemusik. Natürlich spricht dabei auch der unglaubliche Hype um Solomun oder Adam Port dafür.“

Bei diesem Thema kommen wir auf die aktuelle Diskussion um die GEMA zu sprechen. Beide sind Mitglieder, umso gespannter sind wir auf ihr Statement zu den Geschehnissen. „Es ist ein schwieriges Thema, das unseren Alltag extrem betreffen wird. Im Moment scheint es eine beschlossene Sache zu sein, der man nur mit Petitionen etc. versuchen kann, entgegenzuwirken. Wenn die geplanten Regelungen eintreffen, wäre dies ein absolutes Desaster – und zwar aus mehreren Gründen. Das Geld wird erfahrungsgemäß niemals dort landen, wo es landen soll, denn dort kommt es ja jetzt schon nicht an. Entweder weil die meisten Tracks, die in den Clubs gespielt werden, GEMA-frei sind, oder weil die Clubs aufgrund der Erhöhungen gezwungen sind, die Gagen drastisch zu kürzen. Neben der finanziellen Katastrophe kommt dann noch der psychologische Druck hinzu. Es wird wahllos in ein Kulturbetrieb hineingeschossen – ohne Rücksicht auf Verluste. Berlin lebt zum Großteil von den Clubtouristen, die am Wochenende in Scharen herkommen. Eine riesige Industrie wie Hostels, Clubs, Kulturevents, Mode, Gastronomie wird durch einen Verein wie der GEMA, der mit der Szene rein gar nichts zu tun hat, kaputt gemacht. Was sie dort in Bewegung setzen, kann ihnen beim besten Willen nicht klar sein. Und das nur, damit die ganz großen Fische ein paar Euro mehr verdienen. Auch wir verdienen Geld mit der GEMA, aber uns persönlich ist es scheißegal, weil wir Clubmusik machen, die weder radio- noch werberelevant ist. Die Taschen machen sich mit diesem hanebüchenen Schwachsinn nur Leute wie Dieter Bohlen noch voller. Es macht uns in der Tat wütend, dass Leute, die mit dieser Szene rein gar nichts zu tun haben und jeden Tag nur acht Stunden am Schreibtisch sitzen, die Macht haben, sie so dermaßen zu beeinflussen. Clubs wie das Weekend, Cookies, Watergate, Berghain und Co. behalten sich vor, deswegen zu schließen, bevor sie rund 1.000 Prozent mehr GEMA-Gebühren zahlen müssen. Das muss man sich mal vorstellen. Ein Land wie Niedersachsen hat sich ja bereits dagegen ausgesprochen, auch wenn es ein landesweites Gesetz wäre, wenn sich die GEMA tatsächlich dafür entscheidet. Wir finden es gut, dass es schon solche Kreise zieht. Vielleicht sollte ein Klaus Wowereit, der ja bekanntlich auch gerne feiert, mal etwas dazu sagen. Prinzipiell finden wir es gut, wenn Sachen besprochen und nachjustiert werden – und vielleicht ist nach all den Jahren auch eine Veränderung nötig. Allerdings geht dies vollkommen am Thema vorbei und die Katze beißt sich in den Schwanz.“

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