Exakt sieben Monate nachdem Tiësto das Licht der Welt erblickte, feierten geschätzt 400.000 Besucher die inoffizielle Grundsteinlegung der weltweiten Festivals: Woodstock. Noch heute gilt das Open-Air-Event als „Mutter aller Festivals“. Vor 400.000 Menschen hat auch bereits der niederländische Ausnahmekünstler Tiësto gespielt. Klar, nicht 1969, aber ein paar Jahrzehnte später. Und was haben Woodstock und der Musikproduzent gemeinsam? Richtig: einen legendären Ruf. Und während die einstigen Besucher des „Love, Peace & Music“-Events in großartigen Erinnerungen schwelgen, kann man Tiësto noch immer live erleben. Zwar musste natürlich auch der Grammy-Preisträger Corona-bedingt eine Zwangspause einlegen und sämtliche Termine, Shows und Auftritte in seinem Kalender streichen – was aber nicht heißt, dass er musikalisch untätig war. Im Gegenteil. So erschien am 25. September die neue Single von Tiësto, „The Business“. Und zwar auf einem Label, auf dem er bisher noch keine Releases veröffentlicht hatte. Aber lest selbst.

 

 

Du hast kürzlich deine Plattenfirma gewechselt und bei Atlantic Records unterschrieben. Wie kam es zu dem Wechsel und: Wirst du in Zukunft auch deinen Musikstil ändern?

Meine Musik entwickelt sich ständig weiter und verändert sich mit der Zeit. Ich liebe es, meine Musik für meine Fans und für mich fresh zu halten. Außerdem entdecke ich gerne neue Sounds, ebenso neue Künstler, mit denen ich zusammenarbeiten kann. Das gibt mir die Möglichkeit als Künstler, mich weiterzuentwickeln. Ich bin total happy über diesen Neuanfang und freue mich auf viele Veröffentlichungen bei meinem neuen Label-Partner Atlantic.

Deine neue Single heißt „The Business“. Wer hat den Vocal-Part übernommen und wovon handelt der Song?

Der Sänger ist einer der Co-Autoren, YAMI. Das Lied kann viele Bedeutungen haben, und ich ziehe es vor, dass sich jeder seine eigene Bedeutung zieht.

Das Stück ist eine Dance-Pop- und Gute-Laune-Hymne mit Sommerfeeling. Trifft es diese Beschreibung den Punkt?

Ja, absolut! Ich mag solche Gute-Laune-Hymnen, um die Energie aufrechtzuerhalten, wenn ich auftrete – und selbst jetzt, wo ich nicht vor einem großen Publikum spielen kann, möchte ich sicherstellen, dass meine Fans zu Hause etwas Gute-Laune-Musik zum Tanzen haben.

„The Business“: Wie hat sich deiner Meinung nach das Musikgeschäft in den letzten vier oder fünf Jahren verändert?

Die Musikindustrie verändert sich ständig. Als Künstler war und ist es mir wichtig, mit jeder dieser Veränderungen zu wachsen und mich anzupassen. Die größte Veränderung hat sich im Jahr 2020 vollzogen, da wir alle Wege finden müssen, die Musik zu teilen und zu genießen, die wir normalerweise ja in einem Club hören und zu der wir dort feiern würden. Oder auf Festivals natürlich. Eine der großen Veränderungen in den letzten Jahren war, wie global die Musik geworden ist. Ich bin seit Jahrzehnten weltweit auf Tournee, aber die Skills meiner Musik, so viele Menschen auf der ganzen Welt so schnell per Streaming zu erreichen, sind unglaublich und faszinieren mich.

Ist „The Business“ der Vorbote eines Albums, das demnächst veröffentlicht wird? Erst im Mai hast du dein letztes Album auf den Markt gebracht, „The London Session“.

Ja, es gibt ein neues Album, das irgendwann nächstes Jahr erscheinen wird. Ich habe während der Quarantäne daran gearbeitet, und ich freue mich wirklich sehr, es meinen Fans zu präsentieren. „The Business“ ist der erste Vorgeschmack auf neue Sounds auf dem Album, während „The London Sessions“ eine Sammlung von House-Tracks war, die von London inspiriert und in London aufgenommen wurde. Das neue Album wird eine Mischung aus verschiedenen Vibes und Sounds sein, aber alles Songs, die ich mit Enthusiasmus in meinen großen Festival-Sets spielen werde.

Vom Business kann Tiësto durchaus ein Liedchen singen. Hat er zwar nicht, denn wie wir erfahren haben, hat YAMI den Gesangspart übernommen. Gut, Spaß beiseite. Nach so vielen Jahren im Musikzirkus blicken wir doch gerne einmal auf ein paar Highlights, mit denen der niederländische Superstar die weltweiten Dancefloors gefüllt hat. Gemäß offiziellen Quellenangaben hat Tiësto bis heute knapp neun Millionen Tonträger verkauft, 415.000 Stück alleine in seinem Heimatland. Erfolgreichste Single war mit 2,5 Millionen verkauften Einheiten „Jackie Chan“. Aber vor allem die „alten Hasen“ unter euch werden sich an absolute Club-Smasher erinnern, wie „Lethal Industry“, „Flight 643“, „Love Comes Again“ und „Traffic“. Der zuletzt genannte Titel wurde gefühlt hunderte Male mit einem neuen Remix-Gewand versehen – doch für die meisten ist die Originalversion aus dem Jahr 2003 die unantastbare Nummer eins. Aber nicht nur als Musikproduzent war und ist Tiësto ein gefragter Künstler. Auch als Remixer – so überarbeitete er unter anderem Tracks von BT, Schiller, Faithless, DuMonde, Umek, Svenson & Gielen, Paul Oakenfold, Moby, Mauro Picotto, Justin Timberlake, Calvin Harris, Coldplay und Alan Walker. Kein Wunder also, dass der 1969 in Breda geborene Tijs Michiel Verwest 44 goldene Schallplatten sein Eigen nennt, 22 Platin-Auszeichnungen und sieben silberne. Eine beachtliche Karriere, die für viele seiner Fans in einem ganz besonderen Track gipfelte.

Du bist nun schon seit 20 Jahren im Geschäft. Unvergessen ist dein Remix von Deleriums „Silence“. Ist das ein Titel, den du in dieser Form auch heute noch veröffentlichen könntest und den die Clubgemeinschaft feiern würde?

Vor 20 Jahren hatten wir kaum Handys, Internet, FL-Studio, und alles andere war anders. Also … Who knows …

Zurück zu „The Business“: Laut offizieller Pressemitteilung wird die Single ausschließlich in digitaler Form veröffentlicht. Du bist aber in einer Zeit aufgewachsen, in der du das DJing noch mit Vinyl gelernt hast. Schmerzt es da nicht, wenn man seine Musik nicht mehr in den Händen halten kann?

Wie ich bereits erwähnte, verändert sich irgendwie alles. Und es ist wichtig, sich selbst damit zu verändern und mit dieser Zeit zu gehen. Ich liebe Vinyl, und die Platte haptisch in der Hand zu halten, ist ein besonderes Gefühl, das mit einer digitalen Veröffentlichung überhaupt nicht zu vergleichen ist. Aber die digitale Veröffentlichung von Musik macht es überhaupt erst möglich, dass so viele Menschen meine Musik entdecken können, wie es zuvor nicht möglich war. Auch das hat etwas und ist etwas Besonderes.

Früher kannte man jeden Titel mit Namen und Künstler heute zwar auch noch, aber meist nur für den Moment. Produktionen bleiben oft nur noch sehr kurz im Gedächtnis der Menschen und verschwinden schnell wieder. Allein bei der schieren Menge an Musik im Web ist dies kein Wunder, denn das Internet ist eine großartige Plattform für jeden (!) Produzenten, um Songs zu veröffentlichen. Internet: Fluch oder Segen?

Es ist halt jetzt eine andere Zeit heute, und alles geschieht irgendwie online. Das erfordert andere Vorgehensweisen und bietet andere Möglichkeiten als beispielsweise in der Zeit vor dem Internet. Ich erinnere mich immer noch an jeden Künstler, mit dem ich spiele oder arbeite.

Dein Titel „Jackie Chan“ wurde bis heute mehr als 1,5 Milliarden Mal gestreamt. Das wäre auch eine tolle Zahl für Plattenverkäufe, nicht wahr?

Der Song hat die Leute wirklich berührt, und es hat so viel Spaß gemacht, ihn zu machen und in meinen Sets zu spielen.

Jackie Chan … Kennst du ihn persönlich oder wie kam es zur Widmung des Songs?

Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich bin ein Fan und würde ihn gerne einmal kennen lernen.

Wenn ich mir deine Vita ansehe, gibt es kaum einen Musikpreis, den du noch nicht gewonnen hast. Ist in deinem Regal zu Hause überhaupt noch Platz für weitere Auszeichnungen?

Bis vor Kurzem hatte ich noch kein Zuhause, wo ich etwas unterbringen konnte, also freue ich mich darauf, die Kisten im Lager auszupacken und für jeden Award den perfekten Platz zu finden. Musik ist meine Leidenschaft, und ich fühle mich so gesegnet, dass ich davon leben kann. Die Auszeichnungen sind schön, aber ich liebe die Musik, die ich durch Veröffentlichungen mit der Welt teilen kann, und am Wichtigsten für mich ist es, live zu spielen. Ich kann es kaum erwarten, endlich wieder auf Tournee zu gehen.

Du wurdest von DJ Mag als „größter DJ aller Zeiten“ ausgezeichnet. Du hast also alles erreicht, wovon du jemals geträumt hast?

Wie ich oben erwähnt habe, fühle ich mich so glücklich, dass ich auftreten und Musik machen darf. Aber ich lasse mich nie nieder! Ich bin immer auf der Suche nach neuer Inspiration und habe immer eine Menge Ziele, die ich erreichen möchte.

Das Billboard Magazine gab dir den Titel „Der Pate des EDM“. Was hältst du von einer Katalogisierung der Musikstile?

Wenn ich mich selbst etikettieren müsste, wäre es vielfältig und elektronisch. Ich mache Musik, die ich liebe, und Musik, die die Leute bewegt. Sie kann in vielen verschiedenen Stilen und mit vielen verschiedenen Sounds rüberkommen.

Vom Underground des Trance zum Mainstream des EDM – so beschreibt manch Kritiker den Werdegang des Niederländers. Da mag etwas dran sein, denn es lassen sich wohl kaum „Traffic“ (2003) und „The Business“ (2020) musikalisch miteinander vergleichen. Während Tiësto seit 20 Jahren einen Hit nach dem anderen veröffentlicht, hat er sich aber auch als Compiler einen großen Namen gemacht. Unvergessen: die CD-Reihe „In Search Of Sunrise“. Siebenmal zeichnete sich Tiësto hier für die Track-Auswahl und die Mixing-Skills verantwortlich – ehe er das Zepter an seinen niederländischen Landsmann Richard Durand übergab, der es ab Ausgabe 14 an Trance-Pionier Markus Schulz weiterreichte. Mit „In Search Of Sunrise“ hat Tiësto eine bis dato nicht dagewesene Sound-Compilation auf den Markt gebracht, die das Feeling und den Spirit – wie der Name schon sagt – des puren und endlosen Sommers generieren soll. Wunderbare Trance-Klänge. Und noch heute gehören die ersten acht Tiësto-Ausgaben (erschienen zwischen 1999 und 2008) ins CD-Regal eines jeden Trance-Fans. Apropos „heute“. Zurück zum Frage- und Antwort-Spiel mit Tiësto:

Martin Garrix schrieb im Internet, dass du sein Idol bist. Du hast ihn supportet und er wurde dein Protegé. Es folgten auch gemeinsame Projekte und Produktionen. Es ist schon beeindruckend, welchen Weg dieser junge Mann seitdem gegangen ist, nicht wahr?

Ich liebe Martin. Er ist ein sehr talentierter Künstler mit einer großen Zukunft. So sehr ich ihn unterstützen kann, so viel habe ich auch von ihm gelernt.

Neben Martin hast du auch mit The Chainsmokers, Busta Rhymes und Diplo gearbeitet, um nur drei zu nennen. Wie gehst du bei der Auswahl deiner Partner vor?

Die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Künstlern bringt eine andere Art von Energie in den Sound. Und es ist immer interessant, mit verschiedenen Stilen zu arbeiten. Es hilft einem, als Künstler zu wachsen – was ich immer anstrebe.

Wenn du Koproduktionen machst: Erfolgen die gesamte Kommunikation und das Filesharing über das WWW oder trifft man sich manchmal auch noch in der realen Welt, in einem Tonstudio, um einen Titel aufzunehmen?

Es ist eine Mischung aus beidem.

Momentan können wir Musik nur zu Hause, im Auto, auf unserem Smartphone usw. hören. Alle Clubs sind geschlossen. Zeit, dass Corona vorbei ist, oder?

Wir müssen alle in Sicherheit sein! So sehr ich auch wieder in die Welt auf Tournee gehen will und auf Festivals und in Clubs auftreten möchte, so wichtig ist es doch, dass wir sorgfältig darauf achten, sicher und gesund zu bleiben. Wenn es sicher ist, zur normalen Kapazität zurückzukehren, werden wir alle die biggest Partys ever zusammen feiern.

Von Mitte März bis zum Sommer gab es quasi einen weltweiten Shutdown. Wie hast du die Zeit verbracht?

Ich habe erst letztes Jahr geheiratet und mein erstes Kind kam zur Welt. Das war definitiv eine Umstellung, weil ich nicht mehr rund um die Uhr unterwegs sein konnte. Aber ich habe diese Zeit genutzt, um mich auf meine wachsende Familie und unsere gemeinsame Zukunft zu konzentrieren. Ich habe auch eine Tonne neuer Musik in petto, sowie einige neue Projekte und einige Livestreams in Planung.

In Deutschland haben bestimmte Event-Locations wieder mit strengen Vorschriften geöffnet. In Köln beispielsweise dürfen 2.400 Menschen in die Arena. Diese bietet eigentlich Platz für 18.000 Gäste. Was hältst du von solchen Maßnahmen zur Wiederbelebung der Clubkultur?

Ich hoffe, dass sich bald alles wieder normalisiert.

Sobald ein Impfstoff gegen Corona gefunden wurde: Wird die Welt eine andere sein?

Das wird die Zeit zeigen, aber ich denke gerne, dass alles in Zukunft nur noch besser werden wird.

 

 

Aus dem FAZEmag 104/10.2020
Text: Torsten Widua
Fotos: Ramona Rosales
www.tiesto.com