Ich kenne Timo Maas schon eine sehr lange Zeit. Um die Jahrtausendwende habe ich alles gegeben, um ihn für eastwest zu gewinnen. Aber der am 27. Juli 1969 in Bückeburg geborene Maas entschied sich gegen unser Label. Das hat unserer Freundschaft – wenn man in dieser oberflächlichen Szene von so etwas reden kann – keinen Abbruch getan. Aber wie hat alles angefangen mit dem „Schieber“? Seit 1993 ist er als Techno-DJ unterwegs – bereits ein Jahr später gab er seinen erlernten Beruf auf und wurde Resident im renommierten Hamburger Club Tunnel. Den weltweiten Durchbruch erzielte er mit seinem „Dooms Night“-Remix für Azzido Da Bass. Erfolgreiche eigene Singles und viel beachtete Kollaborationen – u. a. mit Kelis und Placebo-Sänger Brian Molko – folgten. Dennoch hat sich Maas nicht unbedingt aufgrund seiner Releases, sondern eher durch seine herausragenden DJ-Skills einen weltweiten Namen erspielt. Neben seiner unbestrittenen Fähigkeit, das Publikum zu lesen und auf eine Reise mitzunehmen, war auch immer wieder der Maas’sche Ansatz, etwas Neues auszuprobieren, für mich ausschlaggebend dafür, dass ich seine Sets so genießen konnte. Vor zehn Jahren hat Timo Maas sein aktuelles Label gegründet – ein Jubiläum, das es zu feiern gilt. Ich habe mit ihm über eine Dekade Rockets & Ponies gesprochen.


 

Zehn Jahre Rockets & Ponies. Eine Dekade über ein Label zu führen, ist heutzutage etwas Besonderes, denn es gibt sehr viele, die nicht über die Katalognummer 002 hinauskommen. Was hat dich vor zehn Jahren dazu bewegt, ein neues Label zu gründen, und woher rührt der Name?

Rockets & Ponies war ja nicht mein erstes Label. Ich gehörte auch zu den Gründern von 4:Twenty Rec aus Bristol in früheren Zeiten. Ich liebe es einfach, die Plattform für neue Künstler und/oder geile Musik bieten zu können. Heutzutage ist es ja eher wichtig, möglichst gute Sichtbarkeit für die Künstler zu erreichen. Verkäufe sind leider am Arsch.

Es ist nicht ganz überraschend, dass es viele Timo-Maas-Releases auf Rockets & Ponies gibt, aber auch viele andere große Acts haben sich in die Label-Historie eingetragen. Nach welchen Gesichtspunkten suchst du die Künstler aus und wie ist es beispielsweise zu dem Moby-Release gekommen?

Ich release eigentlich nur Musik, die ich richtig geil finde; die muss nicht mal unbedingt einem einzelnen Genre entsprechen, aber es sollten mindestens sehr gute Tracks oder Songs sein, die dieses spezielle „ein bisschen mehr“ haben. Das Gleiche mit den Remixern! Wegen Moby: Wir haben damals gehört, dass Moby eine Reihe seiner alten Hits auf coolen Underground-Labels mit Remixen wieder veröffentlichen wollte, und haben uns gleich darum bemüht, mit am Start zu sein. Das hat ja dann auch gut geklappt.

Wenn du auf die vergangenen zehn Jahre zurückschaust: Was hast du versäumt zu machen und was waren die besten Entscheidungen in der Label-Geschichte?

Das Beste ist sicherlich, dass ich einfach nur Quality-Releases veröffentlicht habe; oder eben keine, wenn nichts Geiles am Start war oder ist. Ich habe mich nie dem Zwang unterworfen, unter allen Umständen maximalen Erfolg erreichen zu müssen. Ich mache lieber ein kleines, feines Label als ein großes, beliebiges.

Du bist jetzt schon sehr lange im DJ-Business unterwegs und hast bereits in nahezu jedem Land aufgelegt. Wie hat sich deiner Meinung nach das Geschäft in den vergangenen Jahren verändert?

In meinen 25 Jahren als Profi im Geschäft hat sich wirklich alles verändert. Während es in den 90ern beim DJing in erster Linie um die Qualität der Musik oder die Skills beim Auflegen ging, ist es heutzutage erheblich wichtiger und gewichtiger, ein Image zu kreieren, um größtmögliche Social-Media-Sichtbarkeit zu erreichen. Es ist also wichtig, sich in dem Geschäft der neuen, ständig wechselnden Situation anzupassen. Das heißt nicht, es zu mögen, aber „mitzuspielen“.

Kaum ein deutscher DJ ist so lange auf Ibiza aktiv wie du. Dein Club ist das DC10. Wie geht es mit Ibiza weiter?

Ich war tatsächlich 17 Jahre lang Regular DJ im DC10 und habe dort die Entwicklung ganz gut mitbekommen. Im Moment zeigt sich, dass sich die Insel generell im Strukturwandel befindet. Es ist ziemlich voll, aber es kommen vermehrt Familien zu Besuch und nicht mehr so viele „Raver und Partypeople“. Der einfache Grund dafür ist, dass die Preise in den letzten Jahren so erheblich nach oben gegangen sind, dass der sogenannte „Ottonormalraver“ sich eine Woche auf der Insel kaum noch leisten kann. Dementsprechend ist es im Moment schwierig, alle Veranstaltungen und Clubs zu füllen – aufgrund des Überangebots und weil weniger Zielgruppe dort ist. Viele Raver haben sich mittlerweile über ganz Europa verteilt, Kroatien, Rumänien und so weiter.

Du hast deine Ernährung umgestellt und sehr viel abgenommen. Wie kam es dazu?

Es war einfach an der Zeit – wenn du dich scheiße fühlst, musst du was an deinem Leben ändern. So war das bei mir. Wenn du dein eigener Chef bist, gibt es niemanden, der das für dich entscheidet, da muss die Motivation schon von dir selbst kommen. Mir geht es seitdem auch erheblich besser gesundheitlich und mental.

Du hast jahrelang zusammen mit Martin Buttrich produziert. Mit wem arbeitest du aktuell und wie sieht die Aufgabenverteilung aus?

Auf die Zusammenarbeit mit Martin Buttrich bin ich auch stolz. Ich habe mit Martin ja nun auch jede Menge geile und auch zeitlose Musik produziert über die Jahre. Die Rolle, die ich einnehme, ist eigentlich immer ähnlich. Wenn ich kollaboriere, dann komme ich meistens mit Ideen zu einem meiner Partner, die dieser dann engineermäßig im Studio umsetzt. Ich selbst bin und war auch immer ein Pfosten, was eigenes Programmieren angeht, aber weiß sehr genau, was ich will und wie ich es erreiche. Mir war es immer wichtig, den richtigen Partner zu haben, der außergewöhnliche Skills hat, mit dem ich vor allem geil „clicke“ – daraus entsteht dann schon mal was Gutes. Im Moment – und auch schon seit geraumer Zeit – arbeite ich viel mit Mark Deutsche von 2Pole zusammen, der erstens einen geilen Sound hat und zudem nur 15 Minuten entfernt wohnt. Außerdem arbeite ich wieder mit meinem Grammy-Kollegen James Teej an einem neuen experimentellen Albumprojekt. Dann gibt es noch ein Projekt mit Eric Volta und zudem Arbeit an einem neuen Pop-Projekt mit einem alten Freund, aber dazu dann vielleicht in einem halben Jahr mehr. Langweilig ist mir auf jeden Fall nicht.

Die Festival-Landschaft in Europa ist mittlerweile sehr eingefahren. Wie Christian Smith vor Kurzem auf Facebook kommentiert hat, werden oft dieselben 15 DJs rauf und runter gebucht. Wie schätzt du diese Situation ein?

Das hat Chris schon ganz gut beschrieben. Es ist halt nur eine Frage der Zeit, bis der Markt wieder implodiert. Für eine Weile geht so was vielleicht gut, aber einige Veranstaltungen, die vor zwei Jahren mit ihrem Konzept „Sure Shots“ waren, gehen heute den Bach runter. Wir werden sehen – Abwechslung ist angesagt.

Welche drei Stücke würdest du gerne einmal in Remixen auf Rockets & Ponies veröffentlichen?

Oh, verdammt gute Frage – da gibt es einiges. Sicherlich wäre auch noch mal etwas von meinen alten Sachen am Start, zum Beispiel „Shifter“, aber ich möchte mit Rockets & Ponies auch nicht unbedingt Rudis Resterampe für alten Scheiß sein. Also, liebe Leser: Schickt mir außergewöhnliche Musik, so ihr sie denn habt. Am besten die Tracks, die ihr euch niemandem vorzuspielen traut, weil sie „so anders“ sind … Das ist das, was ich suche.

Wenn man drei Stunden Zeit hätte, um Bückeburg zu erkunden, was sollte man machen?

Mich zu Eis und Espresso einladen und dann übernehme ich für drei Stunden das Sightseeing.

 

 

Aus dem FAZEmag 090/08.2019
Text: Sven Schäfer