Tinlicker – „Wer entscheidet, was real ist?“

Mit „Dreams of the Machine“ stellt sich das Trio Micha Heyboer, Jordi van Achthoven und Hero Baldwin aka Tinlicker einer der zentralen Fragen unserer Gegenwart: Was ist eigentlich noch real – und wer entscheidet das? Das vierte Studioalbum erschien am 27. Februar auf Remember The Future und markiert nicht nur inhaltlich, sondern auch personell einen Wendepunkt: Aus dem Duo ist ein festes Trio geworden. Wir haben mit ihnen über künstliche Intelligenz, emotionale Abstumpfung und die Kraft, selbst die Richtung zu bestimmen, gesprochen.

„Jedes Album, das wir machen, ist ein Spiegel der Zeit, in der wir leben. Oder zumindest unserer Perspektive auf die Phase, in der es entsteht.“ — Tinlicker sehen demnach die alles dominierende Entwicklung von KI als logische Weiterentwicklung mit einer Ambivalenz. „Alles wird von der Welt um uns herum beeinflusst – von dem, was wir sehen, hören, erleben. Wir glauben nicht, dass man das ausschalten kann.“ Die Idee konkretisierte sich während der Studioarbeit. „Wir haben beim Mittagessen mehrmals über den Aufstieg dieses Phänomens gesprochen. Diese Diskussionen haben viele Emotionen ausgelöst.“ Schnell wurde klar, dass genau hier der Kern des Albums liegt. „Es fühlt sich an, als stünden wir an einem Wendepunkt der Evolution. Eine Mutation, die wir selbst angestoßen haben – und deren Ausgang wir noch beeinflussen können. Wer und was wollen wir werden? Und wer sind wir?“

Besonders beunruhige sie, wie sehr sich Wahrnehmung und Emotionen verändern: „Viele Menschen verlieren langsam die Fähigkeit, Zugang zu ihren echten Gefühlen zu finden.“ In einer Welt, in der Antworten jederzeit generiert werden können, verschwimme die Grenze zwischen Echtem und Konstruiertem. „Wir werden zu Sklaven unserer eigenen Schöpfung. Und es fühlt sich nicht erfüllend an. Es betäubt uns langsam.“ Doch die Band will nicht moralisieren. „Es liegt in deiner Hand, die Führung darüber zu übernehmen, wer du sein willst. Auch wenn das schwer ist – genau das macht es lohnenswert.“ Selbstbestimmung sei kein romantisches Ideal, sondern eine bewusste Entscheidung gegen Bequemlichkeit.

Mit Hero Baldwin als festem Mitglied verschiebt sich auch die kreative Dynamik. „Hero ist die Stimme dieses Albums, sodass wir nicht einfach mit verschiedenen Gastsängern arbeiten konnten.“ Die Songs mussten stark genug sein, „um unsere Geschichte zu erzählen“. Dass Hero die Texte schreibt, verleiht dem Album eine klare Perspektive. „Die Worte spiegeln ihre Sicht wider. Und sie schafft es, dies sehr real und persönlich zu machen.“ Das Resultat sei geschlossener als frühere Releases. „Das ganze Album fühlt sich mehr an wie der Aufbau einer Figur in einem Buch. Es hat verschiedene Ebenen.“ Eine Band und „eine Dreieinigkeit“, wie sie es selbst nennen. Die Single „Release“ bringt die Grundidee auf den Punkt: „Es ist fast unmöglich, im Moment zu sein, wenn man bei einem Konzert auf sein Handy schaut.“ Die ständige Ablenkung sei längst zur Gewohnheit geworden. „Es ist eine Sucht. Und macht es dich wirklich glücklich?“

Klanglich bleibt die Balance entscheidend. „Wir waren schon immer von der Kombination aus Organischem und Elektronischem angezogen.“ Gleichzeitig liege darin eine Ironie: „Elektronische Musik kann ohne Maschinen nicht existieren.“ Für Tinlicker geht es folglich darum, „das perfekte Gleichgewicht zwischen beiden Welten zu finden: eine Symbiose.“ Wichtig sei vor allem, „sich nicht in der Bequemlichkeit zu verlieren, die diese Ära anbietet“. Nach dem Erfolg von „Cold Enough For Snow“ und ihren bislang größten Liveshows verspüren sie Druck – aber im positiven Sinne, betonen sie: „Druck ist etwas Gesundes, um konzentriert zu bleiben.“ Gleichzeitig sei die Welt angespannter als noch vor zwei Jahren. „Wir sehen viele Konflikte, viel Schmerz und Tränen auf der ganzen Welt.“ Umso mehr hoffen sie, dass ihre Konzerte verbindende Momente schaffen können.

Und was erwartet das Publikum bei der ersten großen Tour als Live-Trio? „Abgesehen von schnellen Tanzmoves, schiefen Tönen und unbefriedigenden Drum-Fills: eine großartige Nacht, an die man sich erinnern wird – mit einer komplett neuen Visual- und Lichtshow.“ „Dreams of the Machine“ ist damit kein dystopisches Manifest, sondern ein Appell, wach und selbstbestimmt zu bleiben – und zur Rückeroberung des Moments.

Aus dem FAZEmag 169/03.2026
Text: Triple P
Foto: Meesterwerk
www.instagram.com/tinlicker