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Auch nach mehr als zwei Jahrzehnten im Business wird Tom Novy nicht müde, der elektronischen Musikszene Spaß und vor allem Authentizität einzuimpfen. Spaß an dem Job und der Musik sowieso. Authentizität in der Form, Missstände aufzuzeigen, Dinge anzuprangern und manchen Leuten ganz bewusst auf den Schlips zu treten. Und doch ist Tom Novy in den letzten sechs Jahren ein gutes Stück ruhiger geworden. Seine Prioritäten haben sich verschoben, seit er noch einmal Vater geworden ist. Wenig überraschend also, dass ich ihn an diesem Freitagmorgen telefonisch zwar auf Ibiza antreffe, aber auch Zeuge werden darf, wie er seinem im Hintergrund unseres Gesprächs auftauchenden Sohn Anweisungen fürs Frühstück erteilt: Viel Obst, das sei nämlich wichtig. Aber natürlich gibt es sie noch, die andere Seite Novys, die all ihre Liebe und Energie in die Musik und aktuell wieder in die soeben gestartete Ibiza-Saison steckt. Im fünften Jahr präsentiert Novy im wunderschönen Lio’s am Hafen von Eivissa seine Partyreihe „Timeless“ und damit eine der letzten echten House-Veranstaltungen auf der Insel. Hier wird der einstige Spirit des Eilands noch aufrechterhalten, während ihn anderenorts EDM und Techno mit Füßen treten.


DIE PARTY
Es gibt nur wenige DJs, die den Wandel der Insel über eine so lange Zeit so nah mitverfolgen konnten wie Tom Novy. Und während in den letzten Jahren viele der großen Clubs fest in der Hand etwaiger EDM-Vertreter waren, ist nun der Techno auf dem Vormarsch. „Mein Gefühl ist, dass Techno gerade der neue Kommerz ist“, bringt Novy seine Beobachtungen auf den Punkt. „Ich kann mir schon vorstellen, wie einige jetzt wieder auf die Barrikaden gehen. Soll aber halt jeder machen, worauf er Bock hat. Bei unserer ,Timeless’ wird es aber eben immer ein bisschen housiger sein, dazwischen gibt es auch viele Classics. Aber natürlich variiert das von Abend zu Abend und ist von der Stimmung abhängig. ,Timeless’ steht nicht für das eine klare musikalische Konzept. Wir machen einfach, was uns gefällt, und versuchen, eine Message zu transportieren: Es sind die Partys am schönsten, bei denen man die Zeit vergisst.“ Was einem sicherlich auch bei EDM und Techno gelingt, doch scheinen beide Genres dem ursprüngliche Geist Ibizas, der die Insel seit den Siebzigern zum Anlaufpunkt für Hippies und andere bunte Vögel gemacht hat, zu widersprechen. „In der Musik des neuen Jahrzehnts steckt ja ohnehin nur noch wenig Message. Und klar war auf Ibiza alles anders, als wir ,damals’ hier angefangen haben. Aber vielleicht erleben es die Jungen heute genauso und geben das nur nicht so weiter. Und die Protagonisten heutzutage sind fast schon ein wenig ratlos. Was soll denn Sven Väth anderes spielen als Techno? Was wäre denn wohl los, wenn er mal ein Funk- und Soul-Set spielen würde, weil ihm gerade danach ist?“Man mag es sich kaum vorstellen, wo doch selbst Armand van Helden schon in den Neunzigern mit fliehenden Fahnen vom Hof des Space gejagt wurde, weil er es wagte, Hip-Hop statt House zu spielen. So supertolerant waren die Leute auch damals also gar nicht. „Dennoch, glaube ich, hatte man zu der Zeit schon mehr Freiheiten. Und an alle, die sagen, die Insel sei inzwischen vollkommen kommerzialisiert und viel zu teuer geworden [Ein Vorwurf, den es allerdings auch schon seit Jahrzehnten gibt. – Anm. d. A.]: Die Ibizenker haben es halt irgendwann verstanden. Sie haben herausgefunden, wie man die Touristen richtig abzockt. Klar, wenn einer merkt, dass er mit einem VIP-Tisch 100.000 EUR an einem Abend machen kann, dann denkt ein anderer: ,Das kann ich aber auch.’“ Das ist wohl auch einer der Gründe dafür, dass sich die Partyurlaubsszene inzwischen in andere Länder verlagert hat. Kroatien zum Beispiel, oder Griechenland. „Das ist aber völlig egal, die machen alle das Gleiche. Im superhippen Beachclub in Scorpio auf Mykonos laufen alle im Bohemian-Chic rum und machen einen auf Hippie, dabei hat ihr Outfit 3.000 EUR gekostet. Die Partyindustrie ist genauso kommerzialisiert wie die Plattenindustrie. Es ist ein Business. Ein Geschäft. Und es geht schon lange nicht mehr darum, wer die beste Musik macht. In der Filmindustrie ist es doch auch nicht anders. Es werden die Filme Kassenschlager, in denen Brad Pitt, Ryan Gosling und wie sie alle heißen mitspielen. Ein Independent-Film hat da kaum eine Chance. Die Großen gegen die Kleinen, so ist es eben überall.“ Hauptsache, der Werbeetat stimmt.

DIE SINGLE
„Apropos Werbeetat: Da können wir gleich mal über meine neue Single sprechen“, wirft Tom lachend ein. Und tatsächlich, es gibt sie, wenn auch erst mal nur als White Label an die richtigen Stellen verschickt. „Auch da muss man sich überlegen: Mache ich das, um damit richtig Geld zu verdienen, oder ist es mir nicht lieber, das zu tun, was ich schon jahrelang tue, nämlich Musik produzieren, die mir gefällt. Ob man gerne Musik macht und damit experimentiert oder es nur tut, um damit sein Konto zu füllen – das sind zwei grundlegend unterschiedliche Intentionen.“ Tom hat sich – nach seiner Vorrede wohl wenig überraschend – für die erste Variante entschieden und eine Single namens„Magic Happens“fertiggestellt, die gut ins Novy-Gesamtbild passt. „In den letzten Jahren habe ich Nummern für die großen wie die kleinen Clubs produziert und zuletzt sogar zwei Hip-Hop-Tracks gemacht. Dieses Mal kehre ich aber zum alten Novy-Sound zurück, mit ein bisschen Disco, einem sexy Vocal … Es ist eine Nummer, von der ich sicher bin, dass sie den Leuten gefallen wird. Sie basiert auf einer alten Disco-Hook, die bislang noch keiner verwendet hat – danach habe ich wahnsinnig lange gesucht. Der Text stammt von Vera (Veralovesmusic, Anm. d. A.], die den Song auch singt. Ich bin jedenfalls sehr glücklich mit dem Track. Und natürlich habe ich überlegt, ob es Sinn macht, damit zu einem Major zu gehen. Will man das groß aufziehen? Oder macht man es lieber selbst? Ich habe mich dafür entschieden, es erst mal selbst zu machen und die Nummer zum Sommer hin an sämtliche DJs zu bemustern. Mal sehen, was passiert. Die schönsten Dinge entstehen ja ohnehin nur, wenn die Leute etwas wirklich wollen, und nicht, wenn man es ihnen aufzwingt.“Und so soll auf den ersten Mustern nicht einmal sein Name stehen. Wer den Münchner musikalisch aber auch nur ein bisschen kennt, dürfte ohnehin schnell von selbst darauf kommen, was er da auf seinem Plattenteller oder in seinem Player liegen hat.

DER FOKUS
Grundsätzlich hechelt Tom mit seinen 47 Jahren und als Vater zweier Kinder heute nicht mehr dem ganz großen Ruhm hinterher. Inzwischen sind längst andere Dinge in den Fokus gerückt. „Meine Einstellung hat sich da ganz klar gewandelt. Ruhm und Ehre ist eine tolle Sache, man kann sich lange darin baden. Meistens hat man dann sehr viele falsche Freunde, viele falsche Berater. Leute, die einem den Arsch lecken. Leute, die meinen, sie können einen managen, verbuchen – was auch immer. Ich bin vermutlich einer der wenigen in dem Business, die sich da selbst treu geblieben sind. Damit bin ich vielen Leuten sauer aufgestoßen, denn ich bin kein braver Junge, keiner, der die Fresse hält. Allein mit der Kolumne bei euch habe ich ungefähr 10 000 Freunde verloren. Aber das nicht, weil ich damit Ruhm und Ehre erlangen wollte, sondern weil ich Geschichten schreiben wollte, die wahr sind. Mir ist klar, dass meine Meinung stark polarisiert, aber ich finde, man sollte sich als Künstler Ecken und Kanten bewahren. Denn wenn man sich von der Industrie irgendwohin zwingen lässt, steht man am Ende für gar nichts. Und dann stellt man schnell fest, dass sich das künstlerische Dasein in Luft aufgelöst hat und man eine einzige PR-Agentur ist.“ Und auch ohne diesen Ausverkauf ist Tom Novys Kalender prall gefüllt mit Terminen im In-, aber vor allem im Ausland. „Ich bin superzufrieden mit mir selbst. Ich muss nicht die Nummer eins sein, denn an der Spitze kann es einsam werden. Ruhm und Ehre gehört sicher dazu, aber ich glaube, dass die Werte in der heutigen Gesellschaft völlig verschoben sind – allein durch die ganze Social-Media-Nummer. Das hat die Menschen schon sehr verändert.“ Viele derer, die ihr Hauptaugenmerk lange auf dem digitalen Leben hatten, finden aber irgendwann – also im besten Fall – auch wieder ins analoge Leben mit all seinen Vorzügen zurück. Die Geburt eines Kindes kann da sicherlich hilfreich sein. „Man stellt doch recht schnell fest, dass 100 000 Follower bei Facebook viel unwichtiger sind als der eigene Nachwuchs. Und natürlich verändert das die Prioritäten. Ich bin seit einem Jahr alleinerziehender Vater, weil ich einen Trennungs- und Scheidungskrieg hinter mir habe. Der Maxi lebt jetzt bei mir und da muss man natürlich auch – schon allein, um dem gerecht zu werden – seine Prioritäten ändern. Weil es einfach viel mehr Sinn macht, einem neuen Menschen einen sinnvollen Weg ins Leben zu zeigen, als nach 30 Jahren immer noch jedes Wochenende vor 15 000 Leuten auf einem Festival zu spielen.“ Es sind also noch immer viele Gigs, dennoch weniger als früher und vor allem ausgewähltere. „Ich muss nicht mehr ganz oben im Line-up stehen. Und ich brauche auch keinen 50.000-EUR-Rider mehr. Nicht, dass ich den jemals gehabt hätte“, lacht er. Genauso wenig wie einen Privatjet. „So ein Ding macht sicher Sinn, wenn man sehr viel gebucht ist. Man kann tagsüber irgendwo spielen und fliegt anschließend weiter zu einer anderen Location, die man mit einem normalen Flugzeug nicht erreichen würde. Wenn man es aber nur tut, damit einem der Penis schwillt, hat man da etwas völlig missverstanden. Und wenn man dann noch ein Foto postet vorm Privatjet mit seinem besten Buddy, dann hat man es noch viel mehr missverstanden. Das ist alles nicht cool.“ Für die in den Sommermonaten anstehenden zehn bis zwölf Gigs von Tom Novy tut es also auch eine Chartermaschine oder sogar mal ein Mietwagen. „Das geht ja so auch nur bis Mitte September – und dann geht’s wieder auf die Wiesn.“ Vermutlich mit dem Taxi.

DAS RESTAURANT
Und wo wir schon mal bei der Wiesn sind – also beim Verzehr von reichlich Bier und deftigem Essen –, kommen wir doch direkt zum „Hausfreund“, dem Restaurant, bei dem Tom Novy seit März seine Finger im Spiel hat, und das nicht zwingend nur metaphorisch. Ein neues Standbein, um es irgendwann vielleicht noch ein wenig ruhiger angehen lassen zu können? Dass die Gastronomie allerdings altersgerechter ist als der DJ-Job, das wage ich doch zu bezweifeln. Tom lacht: „Das ist total richtig. Die Reiserei ist mühsam. Es ist wie mit dem Feiern. Wenn ich heute eine Nacht durchzeche, dann bin ich drei Tage außer Gefecht gesetzt. Man hat einfach nicht mehr die Konstitution und vor allem fehlt die Kondition. Man muss auf sich schauen. Und ja, du sprichst altersgerechte Arbeit an. Ich kellnere jetzt.“ Zumindest ist ein Restaurant für Menschen ab 40 die klügere Wahl, als sich in eine Bar einzukaufen. Allein wegen der Öffnungszeiten. „Wir haben allerdings eine Bar drin. Man muss dazu sagen, es war keine geplante Entscheidung, sondern aus dem Bauch raus. Ich mache das noch mit zwei anderen Jungs zusammen, die schon lange in der Gastro sind. Einer der beiden kam auf mich zu, als es darum ging, einen anderen Partner abzulösen. Der Betrag, um den es da ging, war so verlockend, dass ich zugesagt habe. Ich hatte ja in der Vergangenheit bereits Clubs und Restaurants und wollte schon lange wieder mal was machen. Ein gutes Lokal, in das die Leute gern gehen. Gutes und dennoch preiswertes Essen, mit dem man die Leute begeistern kann, gibt es viel zu selten. Das meiste heute ist nur noch wahnsinnig teuer, aber wenig innovativ. Ich wollte einen alternativeren Laden machen, der mit gutem Essen besticht, mit bezahlbaren Weinen, einer netten Atmosphäre und guter Musik.“ Im Februar entschieden, im März eröffnet. „Wie die Jungfrau zum Kinde“ nennt man so etwas wohl. „Wer aber jetzt denkt, damit scheffelt man Kohle, der täuscht sich. Es steckt sehr viel Arbeit und Passion drin. Irgendwann zahlt sich das vielleicht dann auch aus, denn es läuft ja gut. Ich freue mich über jeden, der den Artikel liest und mal vorbeischaut. Es ist für mich auch mal eine ganz neue Perspektive, eben nicht aus der Distanz des DJs darauf zu schauen. Ich kellnere tatsächlich auch schon mal einen Tag durch, das war kein Scherz. Ich stelle mich gern mal an die Bar, spüle ab oder bin Küchenhilfe.“ Nur das Kochen selbst überlässt Tom lieber den Profis. „Ich koche wirklich gerne und auch ziemlich gut – für Freunde. Wenn man für so viele Essen rausschicken muss, braucht man ein anderes Know-how. Aber ich gucke den Köchen schon genau auf die Finger.“ Natürlich nur, um etwas zu lernen. „Wir haben wirklich ein tolles Team kreiert, ich denke, als Gast merkt man das. Ein Club, eine Bar oder ein Restaurant kann nur funktionieren, wenn im Team alles stimmt.“

Ob das so ist, davon könnt ihr euch gern selbst überzeugen. Wer also in München und Umgebung lebt oder mal dorthin reist, sollte sich einen Tisch im „Hausfreund“ reservieren. Und da Tom Novy bekanntermaßen ein Verfechter des offenen Wortes ist, nimmt er jede Kritik – ob positiv oder negativ – sicherlich gern persönlich entgegen.

Aus dem FAZEmag 065/07.2017
Text: Nicole Ankelmann | Fotos: Philipp Jeker | www. tomnovy.com

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