Der gebürtige Schweizer mit tschechischen Wurzeln pendelt aktuell zwischen Zürich und London. Als Sohn eines Pianisten und einer Chor-Sängerin wurde er bereits früh musikalisch sozialisiert. Auf zahlreiche Projekte und Stationen in und außerhalb der Szene, zu denen auch drei Nummer-1-Titel in den Viva-Dance-Charts zählen sowie Gigs auf den namhaftesten Festivals in Europa, folgte eine dunklere Phase im Leben des Thomas Kolar. Ende 2017 der Wendepunkt: Die Musik packte ihn und mit Toma Hawk ist er nun zurück im Geschehen – und produktiver denn je. Im Dezember erscheint sein Album.

toma hawk


Du bist 42 und schon lange dabei. Die Szene hat viele Wandlungen durchgemacht, wie siehst du diese Entwicklungen?

Tatsächlich, die Zeit vergeht wie im Flug und trotzdem fühle ich mich noch wie 20! In all den Jahren wurde viel und immer wieder über die Entwicklung gesprochen. Die Meinungen gehen bei diesem Thema ja oftmals auseinander. Ich selbst sehe das alles relativ entspannt. Eine Entwicklung ist immer positiv. Wenn etwas stehenbleibt, verliert es an Attraktivität und verschwindet langsam. Man muss nicht mit allem immer einverstanden sein und Geschmäcker sind verschieden. Ich finde es gut so, wie es ist. So wie sich die Musik und das Drumherum wandeln, passt es ja auch zum Generationenwechsel. Jedoch gibt es Dinge, die immer gleich bleiben. Und das finde ich bemerkenswert. Die Musik, die gute Stimmung, unvergessliche Momente und das gemeinsame Feiern beispielsweise stehen dabei noch immer im Vordergrund.

Du produzierst schon sehr lange Musik. Wie hat sich deine Art, das zu tun, verändert?

Nun … es ist einfacher geworden, Musik zu machen. Nicht die Idee zu haben oder die Umsetzung an sich, sondern die Technologie dahinter und die Werkzeuge. Ich arbeite heute hauptsächlich ebenfalls digital, mit meiner selbst gebauten Kiste. Früher war das anders mit der Menge an benötigter Hardware und dem Kabelwirrwarr. Dafür war alles etwas freakiger und abgedrehter. Man brauchte viele Stunden mehr, um etwas zu Ende zu führen. Heute geht das alles etwas schneller und die Qualität ist top. Ich bin ein Steinberg-Kind und arbeite mit Cubase. Wobei ich irgendwie bei Cubase 5 hängengeblieben bin, was ja eigentlich schon „alt“ ist. Zusätzlich nutze ich natürlich alle möglichen Plugins und die ein oder andere Perle aus dem Hardwarebereich wie Minimoog oder Virus, Moog Prodigy oder den Klassiker 909. Ein paar coole Teile würde ich mir aus Spaß wieder zulegen. Knöpfe drücken oder drehen ist doch was Gutes!
Verfolgt man deine musikalische Karriere, stellt man fest, dass du bereits viele Genres des elektronischen Kosmos durchlebt hast. Beschreib uns deine Reise bis zum aktuellen, eher geradlinigen Techno.

Musikalisch war und bin ich immer offen. In all den Jahren waren House, Trance, Hard Trance, Hardstyle, Hardcore, Techno und alles rundherum mal ein Thema. Bei Techno bin ich aber dann hängengeblieben. Ich mag generell alle Arten von Musik gerne und lasse mich auch von Bands und ganz anderem als dem Elektronischen beeinflussen. Ich gehe auch gerne einfach tanzen oder zu Konzerten. Vermutlich deshalb erkennt man in meiner Musik doch immer mal wieder die verschiedenen Stile. Diese kommen ganz spontan und manchmal verliere ich mich auch darin. Dann entstehen auch ganz ungewollt Sachen, die zu neuen und tollen Sachen führen. So bleibt es spannend.

Du hast eine schwierige Phase hinter dir und sprichst auch offen darüber. Wie genau hat dir die Musik dabei geholfen?

Die letzten Jahre waren hart und ich war in einem regelrechten Tief. Schlicht zu viel gearbeitet, zu viel gemacht, vielleicht auch zu viel gewollt und zu viel passiert. Konsequenz daraus: Burn-out und Depressionen. Dann das ganze Spiel rückwärts, um sich selbst und zurück zu finden. Die Musik hat mir dabei geholfen, wieder Fuß zu fassen. Ende 2017, nach vier Jahren Pause, habe ich mein Studio wieder zusammengebastelt und die ersten Produktionen umgesetzt. Jetzt sprudelt es so, als hätte sich alles aufgestaut im Laufe dieser Zeit. Die Musik hat mir sehr viel gegeben und viel bewegt. Techno ist sehr konsequent und gibt Kraft, weiter zu machen! Mir hat’s definitiv geholfen.

Nun veröffentlichst du in wenigen Tagen ein Album mit dem Titel „Pure Techno – Pure Life“. Wie lange hast du daran gearbeitet?

Mein Output gerade ist sehr groß. Ich fühle mich frei und habe tatsächlich einen sehr guten, kreativen Lauf. Allein die letzten zehn Monate sind alles in allem etwa 45 Projekte mit insgesamt 80 Tracks entstanden, so genau weiß ich es selbst nicht mal mehr. Für das Album habe ich schon im Mai mit der Produktion der ersten Songs begonnen, die haben es allerdings jetzt nicht auf das Album geschafft. Ende August neu gestartet und schnell den Dreh rausgehabt, in welche Richtung es nun gehen soll, sind zwölf Tracks entstanden. Ein wenig dark, eine Prise Melodie und sehr straight gehalten. Dabei habe ich mich auf den Dancefloor konzentriert und mir vorgestellt, wie es wäre, da zu sein und zu tanzen. An Bord in Sachen Kollaborationen habe ich Marcel Warren, einen tollen DJ und Produzenten aus Zürich, Sam Junk aus Deutschland, der wohl schon vor der elektronischen Musik musikalisch aktiv war, und Mark Gardner, einen total geilen, abgefreakten Typ aus England, der durch seine echten Live-Sessions im Netz für Furore sorgt.

Wie sind deine Pläne für die kommenden Wochen und Monate?

Toma Hawk ist ein junges und frisches Projekt, mit dem ich bei Null starten konnte. Für viele ein Horror, für mich das Tollste, was es gibt! Keine Ecken, keine Vorbelastungen, keine Meinungen, keine komischen Verträge, keine Bindungen und kein Muss. Einfach Techno. So war der Titel für das Album auch schnell gefunden. Die Ziele für 2019 sind klar: möglichst vielen Electro- und Techno-Fans mit meiner Musik Freude bereiten, und das nicht nur online oder im Auto, sondern direkt am Puls, im Club – zurück hinterm DJ-Pult. Obwohl ich mich noch gar nicht richtig um Gigs gekümmert habe, freue ich mich umso mehr darauf, wenn’s wieder klappt, und wünsche mir viele tolle und unvergessliche Momente. Natürlich will ich auch weiterhin im Studio sitzen und das eigene Label aufbauen. Es gibt also doch einiges zu tun!

 

Aus dem FAZEmag 081/11.2018
www.facebook.com/electronictomahawk

Text: Triple P