Im Rahmen unseres letzten Interviews mit „dem Kanzler“ erzählte uns der ehemalige Wahl-Berliner von seinem recht frischen Umzug aus der Hauptstadt in die friedlichere Natur Thüringens. Der Ortswechsel muss gut getan haben: Kanzler erscheint in Sachen Produktionen äußerst produktiv und voller Ideen. Ende Februar feierte er mit seiner EP „Acid Head“ sein Debüt auf Filth on Acid, dem Label von Shootingstar Reinier Zonneveld. Nun haben wir Torsten Kanzler erneut getroffen und ein Gespräch über Kontraste, Natur, Inspiration und die Zukunft geführt.

Foto: Sascha Storz


Wie war das Jahr 2019 für dich?

Es war wieder ein sehr spannendes und lehrreiches Jahr für mich. Ich konnte mir einen kleinen Traum erfüllen und auf einem der größten Techno-Labels eine EP veröffentlichen. Ich habe auf vielen tollen Events gespielt und dort viele neue Leute kennengelernt. Auch privat hat sich in meinem Leben einiges verändert, ich bin 2018 zum zweiten Mal Papa geworden. Allerdings kam Juri mit einem sehr seltenen Gendefekt zur Welt und ist kleinwüchsig. Das stellt mich im Alltag immer wieder vor die ein oder andere Herausforderung. Aber wie sagt man so schön: Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

 

In deinem letzten Interview mit FAZE hattest du dich gerade in deiner neuen Heimat, umgeben von der Natur, eingelebt. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Mittlerweile kann ich sagen, dass ich hier angekommen bin. Ich genieße das ruhige Landleben als Ausgleich zu den turbulenten Wochenenden. Neben meiner Zeit im Studio bin ich viel mit dem Mountainbike im Wald unterwegs und ich habe schon die ein oder andere Kuh aus meinem Garten vertrieben. Das steht im Kontrast zu meinen Wochenenden voller Halligalli und tut mir sehr gut. In Berlin hat mich oft der Weg zum Studio schon ganz schön genervt. Ständig im Stau und permanent eine Menge Lärm. Jetzt stehe ich vom Frühstückstisch auf und gehe zwei Minuten durch den Garten, bis ich in meinem Studio stehe. Wenn ich eine Pause brauche, mache ich die Tür auf und stehe inmitten der Natur.

 

Nicht nur räumlich bist du freier geworden, sondern auch im Studio, hast du uns damals erzählt. Wie hat sich dieses Thema deiner Meinung nach entwickelt?

Die Freiheit im Kopf tut mir und meinen Produktionen sehr gut. Ich glaube, ich konnte mich wieder ein großes Stück weiterentwickeln, und bin sehr zufrieden mit meinem aktuellen Sound.

 

Sind die Inspirationen vor dem Hintergrund deines neuen Umfelds jetzt andere, intensivere?

Ja, durchaus. Aber Inspiration hole ich mir fast überall, um ehrlich zu sein. Bei der Autofahrt, wenn ich mir auf der Zugfahrt mal ein Set anhöre oder beim Gig selbst und auf den Tanzflächen. Ich lasse mich auch gern mal vom Act vor oder nach mir inspirieren. Am nächsten Tag sitze ich dann oft im Flieger oder im Zug und versuche meine neuen Ideen zu skizzieren. So habe ich dann eine gute Basis für meine nächste Studio-Session.

 

Du hattest in diesem Jahr zahlreiche Releases, unter anderem auf Filth on Acid und TK Records, sowie einige Kooperationen.

Ja, mit meiner Produktivität in diesem Jahr bin ich ziemlich zufrieden. Anfang dieses Jahres hatte ich mein Debütrelease auf Filth on Acid, mit dem ich recht lange in den Charts war. Dann hatte ich eine Kooperation mit Dominik Vaillant, einem guten Freund und Kollegen aus Berlin, sowie zahlreiche Remixe unter anderem für Wex10, Martin Books und Harry Doe. Am 15. November kam dann mein aktuelles Release „Dark Time“ auf Legend Audio, dem Label der Cosmic Boys aus Frankreich. Im Januar erscheint wieder eine neue EP auf Koukuu, dem Label von Simina Grigoriu.

 

Wie entstand der Kontakt zu Legend?

Legend gibt es jetzt zwei Jahre, glaube ich. Ich verfolge die Jungs und das Label schon eine Weile. Von Anfang an habe ich Tracks von ihnen in meinen Sets gespielt. Ich mag den Sound sehr, sie veröffentlichen geilen Stuff. Ich habe ihnen einfach meine Tracks als Demo geschickt und sie waren direkt begeistert. Meine „Dark Time“-EP ist am 15. November erschienen und direkt in die Beatport-Album-Charts eingestiegen. Viel besser konnte es quasi nicht laufen.

 

Im Mai ist eine Remix-Compilation zu deinem Album „Home“ erschienen, eine Art Zusammenstellung deiner persönlichen Favoriten der Veröffentlichung im vergangenen Jahr. Wie zufrieden bist du mit dem Release und wie war die Arbeit mit den jeweiligen Acts?

Genau, die Remixe an sich wurden bereits letztes Jahr auf TKR Black veröffentlicht, und das sehr erfolgreich. Auch hier konnte ich mir mit Acts wie Alberto Ruiz, 2Pole oder auch Kaiserdisco und The Yellowheads ein paar Träume verwirklichen. Die Arbeit mit den einzelnen Acts war allerdings überraschend entspannt. Ich glaube, alle fanden das Album sehr gelungen; entsprechend haben sie zügig grandiose Arbeit abgeliefert. Die Compilation war dann eine Zusammenstellung meiner persönlichen Lieblinge.

 

„Home“ war dein fünftes Album, aktuell bist du soundtechnisch wieder ein Stück härter unterwegs. Wie siehst du die Entwicklung von Torsten Kanzler in den letzten Jahren?

Das ist eine schwierige Frage, um ehrlich zu sein. Das Auflegen gelernt habe ich mit Housemusik, bin dann aber schnell zum Techno beziehungsweise später zum Hardtechno gekommen. Von 2009 an wurde mein Sound wieder etwas softer, oder zumindest langsamer. Seit einiger Zeit habe ich wieder mehr Bock auf härteren Sound. Ich würde sagen, meine Entwicklung gleicht einer dynamischen Welle. (lacht)

 

Denkst du im Rahmen dieser Welle über ein sechstes Album nach?

Diese Phase hatte ich tatsächlich bereits Anfang des Jahres. Und ich habe fest beschlossen, Ende 2020 ein neues Album zu veröffentlichen. Ich arbeite bereits an den ersten Tracks. Wo ich es veröffentliche, steht allerdings noch in den Sternen. Ich glaube, es wird mal wieder Zeit für ein „BUMM BASS TICK 4.0“ auf meinem eigenen Label TKR.

 

Wie ist der Status quo bei TK Records? Zuletzt ist eine EP von Harry Doe erschienen.

Bei TK Records habe ich den Output in diesem Jahr etwas zurückgefahren. Das liegt zum einen daran, dass mich die letzten Demos nicht mehr so begeistert haben, und zum anderen möchte ich mir mehr Zeit für meine Produktionen nehmen, statt nur reine Labelarbeit zu betreiben. Die Tracks, die ich von Harry bekomme, sind allerdings immer solche Bomben, dass ich sie einfach releasen muss. (lacht) Seine letzte EP mit dem Titel „Feel The Acid“ hat mega Support von großen Künstlern bekommen. Von ihm werdet ihr in Zukunft bestimmt noch einiges hören.

 

Was steht für 2020 auf deiner Agenda in Sachen Shows sowie Releases und auch bezüglich deiner Kanzlernacht?

Wie jedes Jahr hoffe ich auf viele schöne Events. Der Kanzlernacht möchte ich auf Wunsch vieler Fans in sozialen Netzwerken und in den Clubs, in denen ich spiele, wieder mehr Aufmerksamkeit schenken und plane, sie regelmäßig zu veranstalten. Es wird mindestens zwei davon in meiner ehemaligen Wahlheimat Berlin geben. Was Releases angeht, arbeite ich gerade an einem Projekt mit Anna Reusch und habe schon wieder einige Demos an interessante Labels geschickt. Ich bin sehr gespannt und zuversichtlich, 2020 kann kommen.

Aus dem FAZEmag 094/12.2019
Text: Triple P
Web: facebook.com/torstenkanzler
Beitragsbild: Sascha Storz

 

Das könnte dich auch interessieren:
Torsten Kanzler releast auf dem Label von Reinier Zonneveld
Steve Rachmad präsentiert 5 Kanzleramt-Klassiker
Torsten Kanzler – Natur statt Beton