
Mit seiner neuen „Recovered Frequencies“-Reihe präsentiert Oliver Lieb alte Schätze seines langjährigen Schaffens unter diversen Aliassen. Los geht es auf der ersten EP mit Tracks unter den Namen L.S.G. und The Ambusch. „Lonely Casseopaya“ von L.S.G. haben wir unter die Lupe genommen.
Hi Oliver, „Lonely Casseopaya“ ist ein typischer sphärischer Trance-Track von dir, der intuitiv durch das Arrangement gleitet, kleine Breaks einbaut und dann nochmal eine Schippe zulegt. Wie entsteht so ein Arrangement? Ist das eher eine spontane Performance, die anschließend noch etwas verfeinert wird, oder wächst der Track aus vielen kleinen Edits aus tagelangen Sessions?
Hallo! Das Original ist ja auf dem ersten L.S.G.-Album „Rendezvous in Outer Space“ und gerade mal vier Minuten lang. Ich wollte dann noch eine Version für den Club machen, die länger ist, und es wurden dann mehrere Ansätze und Mixe. Dieser UK Mix ist aber schon sehr speziell und verspielt, und aus dem kurzen Zwischen-Track wurde ein extrem komplexes Arrangement. Das Album ist in einem Stück entstanden. Ich habe dann aber immer nach ein oder zwei Titeln, die zusammenhängend produziert waren, mit einem neuen Arrangement angefangen und das Ende von davor nochmal als Audiospur reingeladen, damit es wirklich aus einem Guss weiterging über die komplette Länge der CD. Das war damals alles noch nicht ganz so einfach wie heute. Der UK Mix hat auch diesen Albumansatz mit den sehr verschiedenen Parts und war dann plötzlich bei zehn Minuten Länge.
Was hast du beim Remaster für die Recovered Frequencies konkret nochmal angepackt?
Die Titel sind vom originalen DAT in den Rechner importiert worden und dann durch feinste Hardware gelaufen und anschließend noch von mir mit feinster Software bearbeitet und optimiert worden. Wobei es darum ging, den Charakter nicht zu zerstören oder zu sehr zu komprimieren etc. Meine Herangehensweise ist da eher wie die eines Archäologen, der einzelne Schichten freilegt und optimiert, sozusagen vom Staub befreit und aufbereitet, ausgeblichene Farben wieder verstärkt etc., um dann ein aktualisiertes Gesamtbild zu haben.
Woher kamen 1994 die Breakbeats für den UK Mix? Hast du mit Sample-CDs gearbeitet, aus Platten gesampelt, oder gab es andere Quellen?
Es gab alle Varianten. Sample-CDs waren Ende der 80er- bis in die 90er-Jahre extrem beliebt, und ich hatte einige und habe sie immer noch. Ebenso habe ich alte Platten und CDs nach Beats durchgecheckt und aufgenommen. Über die Jahre hat sich da ein ziemlich großer Beat-Pool mit unterschiedlichsten Styles angesammelt. Woher die Beats im Titel konkret sind, weiß ich aber nicht mehr. Bei einem habe ich auch einen heftigen Effekt drauf gelegt, und er läuft nicht einfach komplett durch.

Jetzt endlich zu den Synthesizern: Wie hast du die vielen Schichten aus Flächen, Arpeggios, Melodien und Effekten gebildet? Hattest du dafür eher eine kleine Auswahl an Geräten, die du sehr gut kanntest, oder hat jeder Sound jeweils einen anderen Ursprung?
Ich hatte damals sehr viele verschiedene Projekte auf verschiedenen Labels mit sehr unterschiedlichem Sound. Ein Prinzip dabei war, bestimmte Geräte nur für bestimmte Projekte zu benutzen, um den Sound des Projekts erkennbarer und exklusiv zu machen. Praktisch eine Geräteidentität, die vor dem Menschen steht, der dahinter alles macht. Für L.S.G. waren dabei immer ein paar Ansätze und Geräte wichtig: der OBXa und der Matrix 6r für weiche analoge Flächen und die Wavestation A/D für komplexere digitale Flächen. Matrix 6r, beziehungsweise noch ein Matrix 1000, auch für Bässe. Außerdem benutzte ich die Wavestation als Effektgerät, in die ich eine Fläche vom Matrix 6r schickte und mit Distortion und anderen Effekten bearbeitete, um meine typischen „Gated“- oder „Trigger“-Flächen zu machen.
In deinen Tracks spielen Räume eine riesige Rolle – wie sieht die Effektkette dafür in deinem heutigen Studio-Setup aus?
Ja, die Räume waren für mich immer sehr wichtig. Ich habe im Laufe der Jahre sehr viel gehört und ausprobiert. Es gibt ja fast unendlich viele Hall-Plug-ins, davon sind einige interessant und wenige wirklich gut. Keines kommt für mich aber an die Qualität meiner Hardware ran. Ich benutze seit damals ein Lexicon 480L mit der Goldcard und ein DSP 4000. Seit dem ersten Hören bin ich gerade vom 480L extrem gekickt worden, und es wurde auf sehr vielen Produktionen von den späten 80ern bis heute sehr oft eingesetzt.
Wenn du „Lonely Casseopaya“ heute zum ersten Mal hören würdest: Welche Entscheidung im Track würdest du als die wichtigste für seine Wirkung bezeichnen?
Ich denke, die sehr weichen Melodie- und Gated-Sounds, die sich aber doch sehr durchsetzen, sind sehr wichtig. Bei den verschiedenen Versionen – ob mit mehr oder weniger Beat, mit anderem Bass etc. – haben die immer ihre Wirkung, den Titel komplett zu tragen. Einige andere Elemente kann man gut austauschen und damit die Stimmung verändern.
Aus dem FAZEmag 173/07.2026
www.superstitionrecords.bandcamp.com