TSODOR – Tanzimpressionismus aus Ibiza

Er verbindet in seiner Musik klassische Komposition, Sounddesign und Clubfunktionalität. Bereits mit vier Jahren begann er Klavier zu spielen, später studierte er Komposition und Dirigieren. Diese Ausbildung prägt seine Arbeit bis heute „sehr stark“. Vieles davon sei direkt auf elektronische Musik übertragbar: „Ich konnte unter anderem viel vom Contrapunctus übernehmen – wie ich Drums programmiere, Melodien führe oder Chords baue.“ Auch darüber hinaus habe vieles in seiner Arbeit „einen Grund in meiner klassischen Musikausbildung“.

Seinen Stil beschreibt Tsodor als „Tanzimpressionismus“. Dahinter stehe „das komplette Verlieren im Klangbild, in Klangfarben“ und eine „absolute Hingabe für bewegte Flächen, die gar nicht immens groß werden müssen“. Damit setzt er bewusst einen Gegenpol zu einer Musikwelt, „in der so vieles so schnell brachial und hart sein muss – am besten noch mit großen Snarerolls“. Tsodor war schon immer ein großer Freund des Impressionismus: „In meiner Musik ist das oft so hörbar, dass ich jetzt den Begriff Tanzimpressionismus nutzen will.“

Die EP “Quiet, But Not Empty” entstand in einer persönlichen Umbruchphase. „Ich schrieb die EP in einer Zeit, in der plötzlich ganz viel Sinn ergeben hat und ich viel verarbeitet habe“, erzählt er. In den vier Stücken begegnen sich „Gefühle des Aufschwungs, Trauer, Depression, aber auch Hoffnung und Freude“. Tsodor beschreibt das Ergebnis als „ein Blumenbouquet“. Schließlich kenne wohl jeder Momente, in denen man „eine wichtige Person aus dem Nichts verloren, an sich selbst gezweifelt oder in einer Abwärtsspirale versunken“ sei. Gleichzeitig gebe es immer wieder Lichtblicke: „Freunde und Familie, neue Abenteuer, Kunst, die uns berührt, Katzen, die zu einem kommen, wenn man ‚pspsps‘ macht.“ Tanzbarkeit und Melancholie sind für ihn dabei keine Gegensätze. „Wie oft erinnern wir uns an einen melancholischen letzten Track bei einem Festival oder im Club, bei einem Sonnenauf- oder -untergang, den wir sehr mochten?“ Tsodor selbst tanze sogar eher, „wenn ich mich emotional verbunden fühle“. Genau diese Verbindung wolle er in seiner eigenen Musik besonders zur Geltung bringen.

Ein Beispiel dafür ist „Die Zikaden, Sie Singen“. Ausgangspunkt war der allgegenwärtige Klang eines Ibiza-Sommers. „Mich fasziniert vor allem die Beständigkeit des Gesanges“, sagt Tsodor. Der Zikadenchor sei dort alltäglich und ausgesprochen laut zu hören. Bei der Produktion saß er draußen mit seinem Laptop und integrierte eigene Aufnahmen der Tiere in den Track. Passend dazu erinnerte er sich an Platons Zikadenmythos. Demnach seien die Zikaden einst Menschen gewesen, die vom Gesang der Musen so überwältigt waren, dass sie vergaßen zu essen und zu trinken. Nach ihrem Tod wurden sie als Zikaden wiedergeboren und erhielten die Gabe, allein durch ihren Gesang zu überleben. „Sie berichten den Musen, welche Menschen ihre Künste verehren.“

Auch der Titeltrack entwickelte sich spontan. „Eigentlich war es recht random“, erinnert sich Tsodor. Der Track sei nahezu fertig gewesen, als er plötzlich entschied: „Nee, da kommt jetzt noch Klavier rein.“ Dabei blieb es nicht. Aus dem zunächst funktionalen Groove entstand eine mehr als 14-minütige musikalische Reise. „Ich habe schon immer Switches geliebt, Überraschungen und Reisen in Tracks, bei denen der anfangs noch so coole Groove später in etwas Mächtigeres eingebettet wird.“ Für ungeduldigere Hörer gebe es augenzwinkernd noch den „9:52-Minuten-TikTok-Edit“.

Inspiration findet Tsodor überall. „Es ist mir fast unmöglich, nicht ständig aktiv zu hören und inspiriert zu sein.“ Zwar sample er nicht alles direkt, doch Eindrücke würden schnell in anderer Form weiterverarbeitet. So entstehen Max-MSP-Patches oder eigene VSTs aus Beobachtungen wie Wasserreflexionen, ebenso wie Physical-Modeling-Instrumente, die „ein paar hundert Springs emulieren“. Seinen technischen Perfektionismus kann und will Tsodor dabei nicht vollständig ablegen. „Bei mir selbst arbeite ich genauso professionell wie mit Klienten.“ Gleichzeitig sei die tontechnische Arbeit inzwischen so routiniert, dass er viele Entscheidungen schnell und sicher treffen könne. „Das hilft mir sehr, im kreativen Flow zu bleiben und trotzdem meinen Perfektionismus beizubehalten.“ Seine Arbeitsweise bringt er selbst am treffendsten auf den Punkt: „Alles auf einmal – und Kopf und Ohren überall gleichzeitig.“

Aus dem FAZEmag 174/08.26
Text: Triple P
www.instagram.com/tsodormusic