TubeBerger


 

Solingen – Stadt der Klingen und Heimat von Tube & Berger. Zweitgrößte Stadt im Bergischen Land, die allerdings auf der großen Nightlife-Landkarte keine allzu große Rolle spielen würde, wären da nicht Arndt Röhrig (Tube) und Marko Vidovic (Berger). Frei nach einer Compilation ihres Labels Kittball: „It Began In Solingen“ – aber es geht auch hier weiter, abseits des großen Trubels, aber nur unweit der beiden NRW-Metropolen Düsseldorf und Köln mit ihren Flughäfen. Mittendrin in der Solinger Idylle in einem Innenhof befindet sich ihr Studio, in dem schon so manch großer Gast mit den beiden Jungs Musik gemacht hat. Draußen im angrenzenden Garten befinden sich ein kleiner Teich, dessen Oberfläche ein paar Seerosen zieren, und eine Terrasse, auf der wir Platz nehmen, um uns über ihr neues Album „We Are All Stars“, Kittball und den FAZEmag-Mix des Monats zu unterhalten.

Euer Album ist vor über zwei Monaten rausgekommen – wie ist die bisherige Resonanz?

Tube: Es kam jetzt öfter vor, dass uns jemand von irgendwo auf der Welt in etwa folgenden Text geschickt hat: „Dude! You guys are on the radio! Like … the real radio!” So was hört bzw. liest man natürlich gerne. Unsere Spotify-Streams sind fett in die Höhe geschnellt und wir waren in ein paar Ländern auch mal ein paar Tage in den Charts.

Marko: Da kommt natürlich einiges zusammen und wie ihr euch denken könnt, verbringen wir unsere Zeit nun mit dem Sammeln von Rennpferden und haben uns jeweils ein Schlösschen in der Schweiz gekauft. Trotzdem sind wir nicht zufrieden!
Uns fehlt einfach die Nähe zum Volk. Uns fehlt der Club, der Rave … We need to bring Jack back, sozusagen.

Euer vorheriges Album „Introlution“ ist 2012 erschienen. Warum habt ihr euch so viel Zeit gelassen?

Tube: Wir wollten das schon viel früher machen. Aber man wägt dann auch ab, ob man heutzutage als Künstler in unserem Stadium überhaupt ein Album machen muss. Gerade unter den großen DJs gibt es genug, die kein Album, sondern einfach eine Single nach der anderen machen, die sich dann auf Spotify zu Tode streamt. Aber wir haben diese Sache auch immer als Künstler-Meilenstein gesehen und haben uns dann vorgenommen, mehr Songwriting einfließen zu lassen. Dennoch hat es länger gedauert als geplant, weil wir viel unterwegs waren und auch beide Eltern geworden sind, da bleibt einfach dann weniger Zeit für so etwas.

Berger: Wir hatten halt auch Bock darauf, weil man auf einem Album eben auch andere Sachen ausprobieren, sich anders verwirklichen kann.

Tube: Genau, da haben wir dann auch dieses Indie-Band-Ding einfließen lassen. Am Anfang war das alles noch beat- und looplastiger, aber wir haben uns dann immer weiter von Beatport-Musik entfernt und auch ganz klassisch mit Gitarre und Piano Songideen komponiert.

Berger: Vor einem Jahr haben wir dann gesagt: Jetzt machen wir das! Wir hatten natürlich schon ein paar ältere Ideen, die wir auch teilweise aufgegriffen und verwertet haben. Der reine Produktionsprozess hat dann ein halbes Jahr gedauert.

Tube: Da haben wir uns eingeschlossen und hatten auch unsere Ruhe. Das ist dann der Vorteil, wenn man in Solingen ist und nicht in Berlin.

Wie sieht denn so ein typischer Studiotag, wie die Rollenverteilung aus?

Berger: Arndt packt sehr gerne mal die Gitarre oder den Bass aus.

Tube: Marco ist ein sehr guter Sampler-Sammler. Aber von der Herangehensweise ist das eigentlich egal, wer da an der Maus sitzt. Der andere sitzt dann daneben und kann mit dem Abstand eingreifen, wenn was geändert werden muss. Skilltechnisch gibt es keine Unterschiede.

Berger: Manchmal fangen wir auch Songs getrennt an, aber meistens schon zusammen.

Wie läuft dann die Auswahl der Tracks ab, die aufs Album kommen?

Tube: Anfangs hat man seine Favoriten, bei denen man glaubt, dass die auf jeden Fall aufs Album kommen – und dann schaffen sie es doch nicht. Große Diskussionen gab es keine, das hat sich alles im Laufe der Zeit herauskristallisiert.

Berger: Theoretisch haben wir aber auch noch ein weiteres Album produziert, das man veröffentlichen könnte.

Warum ist „We Are All Stars“ nicht auf eurem Label Kittball, sondern auf Embassy One erschienen?

Tube: Wir hätten das schon gerne auf Kittball gemacht, aber man ist da auch etwas begrenzt, was Marketing und Verbreitung angeht. Und so haben wir uns nach einem größeren Label umgeschaut …

Berger: … und stellten dann fest, dass unser Manager mit dem Chef von Embassy One befreundet ist.

Tube: Wir finden auch echt gut, was die so im Repertoire haben: Röyksopp, Björk, Robyn – cooles elektronisches Popzeug, damit kann man sich identifizieren.

Wird es auch ein Remixalbum geben?

Tube: Ja, aber es ist noch geheim, wer darauf vertreten sein wird. Einen Vorgeschmack wird aber Denniz Cruz mit seinem Remix von „Ruckus“ (feat. Richard Jugde) geben – der ist sehr fett, freut euch drauf! Das Original war ja die erste Single-Auskopplung und knapp acht Wochen die Nummer 1 in den Beatport-Deep-House-Charts.

Berger: Der Remix kommt am 18. August auf Kittball und Embassy raus, zusammen mit einer neuen Version von „Quiet Time“ von uns. Im Original klingt unsere Kollaboration mit der britischen Band White Lies ja fast wie eine 80ies-Hymne. Wir wollten das Ding aber unbedingt auch in einen Dancefloor-Kontext bringen und glauben, dass uns das tatsächlich gut gelungen ist.

Wie waren die Live-Shows bisher, seid ihr zufrieden?

Berger: Der Unterschied zum DJ-Private-Jet-Setting ist natürlich enorm. Als Band schläfst du auf Billardtischen und kriegst warmes Dosenbier zum Saufen. Wir sind da eher Luxushotels und Champagner gewöhnt. Das warme Bier ist sicher auf die verantwortungsbewussten Veranstalter zurückzuführen, weil man als Band ja bekanntlich nüchtern bleiben sollte, um sich nicht zu verspielen oder gar den Einsatz zu verpassen. Das setzt allerdings voraus, dass man vorher geprobt hat. Eine völlig neue Erfahrung für uns (beide lachen).

Tube: Des Weiteren sind Gitarren und Keyboards sehr sperriges Gepäck und uns ist aufgefallen, dass es sich weitaus leichter mit USB-Stick und Kopfhörern reist. Was noch? Ach ja, die Gagen muss man sich mit seinen Kumpels teilen, in unserem Fall Richard Judge und PAJI. Trotzdem sind wir sehr zufrieden. Wer „School Of Rock“ gesehen hat, weiß, wovon wir reden. Die Band ist alles, was zählt! Rock ’n’ Roll until we die!

Wie seid ihr an den Mix rangegangen, wie geht ihr so was generell an?

Berger: Zunächst gibt es große Diskussionen, in welche Richtung es gehen soll, wie man den Mix aufbaut, wie hart oder soft es wann werden darf, um dann letztendlich doch alles umzuschmeißen. Wir geben es hiermit auch offen zu, wir machen so einen Mix am Computer mit Ableton Live und denken uns keine Lügengeschichten aus, wir hätten extra alles auf Platte gepresst, um einen Vinyl-Mix zu machen, oder so einen Käse!

Seid ihr euch schnell darin einig gewesen, welche Tracks ihr für den Mix benutzt?

Tube: Wir waren uns einig, dass wir mal wieder unser Label Kittball Records pushen könnten, und haben unseren Katalog durchstöbert. Da sind uns einige Perlen aufgefallen, die wir fast vergessen hatten. Vom Album wird natürlich auch was dabei sein und natürlich gibt es ebenfalls Mucke von Leuten aus unserem Dunstkreis, wie man so schön sagt. 

Im Juli habt ihr auch im neuen Club Hï Ibiza gespielt. Wie war der Gig, wie findet ihr den Laden?

Tube: Wir haben anfangs bezweifelt, ob die da wirklich viel verändert haben, aber man muss sagen: Hut ab! Das ist schon echt ein krasser Future-Tempel geworden. Licht und Sound sind überwältigend und der Vibe war mindestens so gut wie im Space damals. Jetzt werden sich sicher einige aufregen, aber für uns versprühte die Inneneinrichtung des Space immer den Charme einer 70er-Jahre-Universitätsmensa. Manchmal war früher nicht alles besser, sondern eher alt und abgeranzt.

Berger: Fazit: Hï Ibiza, komischer Name, geiler Laden!

Was steht denn demnächst noch an, was passiert zum Beispiel auf Kittball in den kommenden Monaten?

Tube: Juliet Sikora, die uns beiden Chaoten in Sachen Kittball unter die Arme gegriffen hat und das Label ja sehr gut leitet, wird im Herbst/Winter ihr erstes Album veröffentlichen. Außerdem planen wir gerade die dritte Ausgabe unserer Charity-Compilation „It Began In Africa“. Das wird natürlich wieder ein großes Projekt. Mit den ersten beiden Compilations haben wir 15 000 EUR für den „African Children’s Choir“ gesammelt und dieses Mal soll es noch mehr werden. Wir hoffen, wir können dafür wieder ein paar große Namen ins Boot holen. Also, liebe Kollegen: Ein paar Tage im Jahr kann man ja mal was geben und sich nicht wie wild selbst bereichern. Wir rufen euch an!

 

Kurz & Knapp

Die erste gekaufte Platte

Tube: Michael Jackson – Bad
Berger: Belinda Carlisle – Circle In The Sand

Unser erster Gig

Mit unserer Punkband „Mitteldicht“ im Kotten (Solingen)

Unsere erste Gage

Warmes Bier und ein feuchter Händedruck

Dieses Album hören wir gerade …

Tube: Das neue Album von Queens Of The Stone Age
Berger: „Roosevelt“ von Roosevelt

Keine Party ohne …

Tube: … warmes Bier
Berger: … angezogene Schuhe

Unsere aktuellen Top 5:

Frankey & Sandrino – Solaris
Tube & Berger feat. Richard Judge – Ruckus (Dennis Cruz Remix)
Nils Hoffmann – Bloom
AGENT! & Dompe – Sultan
Tube & Berger vs. White Lies – Quiet Time (Tube & Berger Club Mix)

Aus dem FAZEmag 066/07.2017  

FAZEmag DJ-Set #66: Tube & Berger – ab sofort und exklusiv bei iTunes & Apple Music
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