Zehn Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Insbesondere im schnelllebigen Musikgeschäft. Was hat sich seit 2002 nicht so alles verändert? Längst regieren Beatport, iTunes und Co. das Musikgeschäft. Zahlreiche Labels mussten die Segel streichen, und Facebook, Twitter und Co. sind zu den wichtigsten Marketingtools überhaupt mutiert. Was dagegen ist nicht passiert? In den vergangenen zehn Jahren ist nach zwei Turntablerocker-Alben – „Classic“ (2001) und „Smile“ (2002) – kein weiteres erschienen. Nach dem massiven Output der Anfangstage schon ein wenig ungewöhnlich. Gründe hierfür mag es zahlreiche geben. Doch ehe wir Mutmaßungen anstellen und den Protagonisten übermäßige Faulheit oder mangelnde Kreativität unterstellen, fragen wir doch einfach bei Thomas Burchia aka DJ Thomilla, der neben Michael „Michi“ Beck 50 Prozent des Duos darstellt, telefonisch nach. Immerhin wird das Warten am 30. März mit dem Release von „einszwei“ beendet. Doch warum ganze zehn Jahre?

„Es gibt dafür tatsächlich mehrere Gründe. Nach dem vorerst letzten Album 2002 ist Michi samt seiner Firma Four Music nach Berlin gegangen. Ich bin dann noch eine Weile in Stuttgart geblieben, ehe ich 2005 ebenfalls in die Hauptstadt zog, weil inzwischen alle meine Freunde und musikalischen Partner dort lebten. Es dauert dann eine Weile, bis du dich in einer Stadt wie Berlin eingegroovt hast. Musikalisch in Sachen Tonstudio, aber auch privat. Du musst dich mit einer neuen Stadt ja erst mal auseinandersetzen. Wir haben 2005/2006 immer mal wieder Ideen und Ansätze für ein neues Album gehabt, aber diese meist wieder verworfen. Wir meinten, wir müssten jetzt auch wie die Stadt klingen und haben uns von diversen Berlin-Sounds beeinflussen lassen. Alles war reduzierter bis wir feststellten, dass das einfach nicht unsere Welt ist.“

All das bedeutet natürlich keineswegs, dass man sich dauerhaft nur im clubbigen Nachtleben der Stadt herumgetrieben und diverse Tagesaktivitäten im Studio auf Eis gelegt hätte. Durchaus erreichten auch musikalische Ergüsse der beiden die Öffentlichkeit, wenngleich es unter dem Namen Turntablerocker ’nur‘ Remixe für Künstler wie Gwen Stefanie, Tiefschwarz und Aura Dione oder die 2005er Single „I Heard You Were Dead“ waren. An diversen Alben der Fantastischen Vier wurde gemeinsam gearbeitet. 2004 erschien dann Millas Solo-Werk „Freeze“, gefolgt von „Bodymovin’“ in 2009 – einem Longplayer des gleichnamigen Projekts von Thomilla und DJ Friction. „Vor eineinhalb Jahren kamen wir dann auf die Idee, doch noch mal ein Album zu machen. Zu dieser Zeit hatten wir den Eindruck, dass uns das Auflegen allein nicht mehr erfüllt. Alles hat sich so gleich angehört. Auf den Festivals lief auf fünf Floors der gleiche Sound. Auch das hat dazu beigetragen, dass wir etwas Neues machen wollten. Es war ein bisschen so wie seinerzeit mit ‚Classic‘, das für uns den Abschied vom HipHop markierte. Das heißt jetzt nicht, dass wir uns von der elektronischen Musik verabschieden wollen. Es geht vielmehr darum, mehr Freiraum zu schaffen, mehr Turntablerocker eben.“ Hierfür hat Michi Beck alles gegeben, sämtliche, ausschließlich deutschen Texte geschrieben und diese auch eingesungen. Man hat das Tempo ein wenig heruntergefahren und liegt nun bei 110 bpm. „Ein Tempo, das man sich auch im Auto oder zuhause hören kann, das aber durchaus auch noch im Club tanzbar ist, wenn man es auf Platte etwas schneller abspielt.“ Für das jetzt erscheinende Ergebnis hat man einen Aufwand betrieben, der seinesgleichen sucht. „Wir haben mit so vielen Musikern gearbeitet, Hunderte von Spuren aufgenommen – Querflöten, zwei verschiedene Schlagzeuger, Gitarristen, Bassisten, Thai-Gong und was alles so dazugehört. Diese Spuren wurden dann wieder ausgewertet, das Sounddesign verändert, dazu noch die Texte von Michi … es war ein langer Prozess.“ Der sich gelohnt hat, weist „einszwei“ doch ein Konzept auf, das einen zweiten und dritten Blick auf das große Ganze lohnenswert macht. Die Titel des Albums bilden den Soundtrack einer kompletten Nacht, und im Verlaufe dieser machen Milla und Michi mehr als einmal deutlich, dass ihnen traditionelle Musikerwerte lieber sind als neumodischer Digitalkram. „Spielst du kein Vinyl? Boy, da bleib ich kühl, denn das ist nicht meins …Knöpfchen drehen okay, doch ich möcht noch mehr. Ich will’n DJ. Ich brauch’n DJ (…) Dein Programm mixt von allein, doch darauf falle ich nicht rein, denn ich will Talent sehen.“ – ein Zitat aus dem Opener „d.w.i.e.s.“ Oder der Titel „Alles auf die 303“ und die Verwendung der Kultmaschine in selbigem Song sprechen da wohl für sich. Und so sind die Turntablerocker wohl auch ganz traditionell als Albumkünstler und weniger – wie heute üblich – trackbasiert zu betrachten. „Auf jeden Fall. Das Konzept hat sich allerdings auch erst während der Enstehung des Albums entwickelt. Ein paar wichtige  Eckpunkte waren vorab da. Nach der Hälfte des Albums haben wir festgestellt, dass die Songs thematisch miteinander zu tun haben und es fast einen chronologischen Ablauf gibt. So ist es ein Konzeptalbum geworden.“ Und auch hinsichtlich des Titels ist dieses durchdacht: Einszwei Leute dahinter, einzwei Alben zuvor, Release im Jahre einszwei nach einszwei Monaten für die Produktion und einszwei Stücke am Ende insgesamt.

Für die Vocals hat man sich außerdem noch ein wenig Support zugelegt. Miss Platnum ist ebenso dabei wie Vanessa Mason und der bereits von den ersten zwei Alben bekannte Komi Togbonou. „Michi ist nicht der begnadeste Sänger. Also haben wir uns Unterstützung geholt, um seine Stimme ein bisschen zu verschmücken.“ Bereits seit Ende Februar sind die zwei zum Album auf Promo-DJ-Tour, in deren Rahmen noch das Weekend in ihrer Wahlheimat Berlin (30.03.), das Stuttgarter Rocker 33 (31.03.), Leipzigs Velvet Club (13.04.) und der Hive Club in Zürich (14.04.) auf dem Plan stehen.

 

www.turntablerocker.com