Victor Le Masne – Zwischen Klassik, Jazz und French Touch

Foto: Linda Rosasaal

Vor 20 Jahren startete die Deutsche Grammophon ihre erfolgreiche „Recomposed“-Reihe, bei der zeitgenössische Künstler*innen ihre Neuinterpretation von klassischer Musik präsentieren. Die Reihe brachte Highlights hervor wie Matthew Herberts Versionen von Gustav Mahler, Carl Craigs und Moritz von Oswalds Interpretationen von Maurice Ravel und Modest Mussorgsky oder Max Richters Version von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Für die neue Ausgabe rückt Ravel – anlässlich seines 150. Geburtstags –  wieder in den Mittelpunkt, sich seiner angenommen hat sich sein französischer Landsmann Victor Le Masne, mit dem wir dazu gesprochen haben.

Der 43-jährige Musiker und Komponist Victor Le Masne startete seine Karriere als Sessionmusiker für Air und Phoenix, veröffentlichte 2010 sein erstes Album und hat auch mit Musiker*innen wie Lana Del Rey, The Weeknd oder Philippe Zdar zusammengearbeitet. Im vergangenen Jahr war er als musikalischer Direktor und Komponist für die Olympischen und Paralympischen Spiele in Paris tätig, für die er auch das offizielle Anthem erschuf. „Ich fühle mich sehr geehrt und es ist wirklich ein Privileg für mich, und ich bin mir dessen sehr bewusst, wie fantastisch diese Reihe ist. Nach meiner Arbeit für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 wollte ich neue Herausforderungen annehmen und meine Energie, meine Musikalität und meine Kunst in etwas anderes einbringen. Dieses Projekt kam wirklich zur richtigen Zeit für mich. Außerdem habe ich persönlich auch eine ganz besondere Verbindung zur Musik von Ravel, also macht es wirklich Sinn“, erklärt Victor.

Diese Verbindung entstand in der Kindheit und Jugend des gebürtigen Parisers, der in einer Musikerfamilie aufgewachsen ist: Auch Ravels Musik erklang zu Hause oft, so fing Victor irgendwann an, die Harmonien bewusst zu hören und in die Musik einzutauchen. Für seine „Recomposed“-Variante suchte er sich „Boléro“, „Le jardin féerique“ sowie Auszüge aus dem Streichquartett und „L’enfant et les sortilèges“ aus. Dabei näherte er sich auf seinem ganz eigenen Weg der Interpretation der Musik: Es sei deshalb interessant, wenn man nicht alles umsetzen könne, was man will, weil man gewisse Dinge auch nicht tun solle: „Ich denke, auf diesem engeren Weg findet man manchmal die meiste Freiheit, weil man einen Rahmen, einen Wegweiser hat. Und wenn ich mich innerhalb eines Wegweisers bewege, fühle ich mich gut.“ So kam es, dass es für Victor Le Masne ganz natürlich war, klassische Musik, Jazz und French Touch zu kombinieren — dies tut er seit im Grunde, seitdem er Musik macht. „Die Gemeinsamkeit zwischen Ravels Musik, dem French Touch und vielleicht auch dem Jazz sind natürlich die Harmonien, die Kunst von Ravel. Er war wirklich ein Meister der Orchestrierung und erstaunlicher Akkordprogressionen. Ich liebe die Akkordprogressionen von Ravel und versuche selbst, einige gute einzubauen. Und so ist meine Liebe zu schönen Akkorden, denke ich, eine Gemeinsamkeit von French Touch, Jazz und klassischer Musik.“

Aufgenommen hat Victor das Album im Motorbass-Studio in Paris, das Philippe Zdar gehörte. Das Setup setzte sich aus Synthesizern und diversen Drums zusammen. Für die Aufnahme des Orchesters (Streicher, Flöten, Klarinette und Waldhorn) und des Chors ging es nach Berlin. Im Studio stand der analoge Synthesizer Yamaha CS-80 im Mittelpunkt, der Mitte der 70er-Jahre auf den Markt kam. „Man kann ihn zum Beispiel bei Vangelis in ,Blade Runner’ hören. Und er hat etwas sehr Ungewöhnliches für einen Synthesizer der 70er-Jahre, nämlich Aftertouch. Wenn man ihn also spielt, kann man wirklich darauf performen und wirklich Emotion in jede Note und jeden Akkord legen. Es ist nicht nur ein flacher Sound. Für mich war es sehr interessant, mit einem Synthesizer zu arbeiten, mit einem emotionalen Synthesizer, wenn ich das so sagen darf.“

Am 21. November ist „Ravel Recomposed“ erschienen, digital, auf CD und auf Vinyl. Bereits im September erschien die digitale Compilation „20 Years Recomposed by Deutsche Grammophon“.

Aus dem FAZEmag 166/12.2025
Text: Tassilo Dicke
Foto: Linda Rosasaal
www.victorlemasne.com
www.deutschegrammophon.com