In der folgenden Geschichte soll es um Vitalic gehen. Die Augen vieler Clubkinder und Festivalfreunde leuchten beim Klang dieses Namens immer noch auf wie Spielautomaten bei Nacht. Erinnerungen an große Tanzmomente auf dem „Floor“ werden wach. Entzückte Münder formen Worte wie „Poney EP“ oder stellen schlicht fest: „You Prefer Cocaine“. Da kann man vermutlich nur „OK Cowboy“ entgegnen. Die genannte „Poney EP“ wurde damals, also 2001, auf Gigolo veröffentlicht. Diese Platte war das erste musikalische Lebenszeichen als Vitalic und markierte für ihn, auch das ist unumstößlich, gleichzeitig den großen Durchbruch. Zuvor hatte er unter dem Namen Dima erste Szeneluft geschnuppert. Das auf der „Poney EP“ enthaltene „La Rock 01“ ist rückblickend einer der Gassenhauer der Nullerjahre gewesen. Seitdem ist viel passiert.

Und Vitalic ist immer noch da. Live-Shows, Singles, Alben und so weiter. Pascal Arbez-Nicolas, so sein bürgerlicher Name, gelang es, seinen Status lässig zu untermauern. Er blieb auch während dessen Talfahrt mit hoch in die Luft gereckter Faust im Musikindustriezirkus aufrecht. Vitalic ist dabei jemand, der sein eigenes Ding macht und sich wenig um Trends kümmert oder versucht wie andere zu klingen. Eine Haltung, die sich bewährt hat, was man ihm auch heuer wieder zugestehen muss. Auf „Rave Age“, seinem neuesten, Anfang des Monats erscheinenden Streich, gibt er der Tanzfläche ordentlich Futter und dürfte erneut die Gemüter derer spalten, die mit Künstlern, die sich regelmäßig verändern, wenig anfangen können. War der Vorgänger „Flashmob“ noch eher etwas für das entspanntere Hören und Grooven, lässt er auf „Rave Age“ die Discofunken sprühen und Technopopfeuerwerke explodieren und hat gleichzeitig – das war die eigentliche Intention hinter dem Werk – neues Material für seine energetischen Sets als Liveact. Diese wird er künftig auch mit Drummer und Keyboarder bestreiten

Seit 2009 gibt der französische Künstler zudem auch den DJ. Eine Erfahrung, die zusätzlichen Einfluss auf die Funktionalität des neue Album gehabt haben dürfte. „Rave Age“ ist insgesamt weitaus zwangloser als frühere Werke entstanden und noch dazu mit einer fast schon unverschämten Direktheit ausgestattet, die vermutlich dem einen oder anderen zu viel sein könnte. Musik, die laut und wild ist und sich einen Dreck um Konventionen schert. Der versierte Stephane ‚Alf‘ Briat tat als Mixengineer sein Übriges und erkannte das Pop-Potenzial der Tracks. Gesang spielt in diesen eine deutliche Rolle. Eine Entwicklung, die man schon in der Vitalic’schen Diskografie ablesen konnte, nicht nur anhand seiner Remixe für diverse populäre Acts. Das Ganze konkretisierte er nun auf „Rave Age“ durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Sängerinnen und Sängern. Mickael Karkousse, Julia Lanöe France Picoulet, oder Joe Reeves standen bei den Stücken am Mikrofon. Für uns beantwortete er pünktlich zum Release der Platte ein paar Fragen.

Hallo Pascal. Was bedeutet „raven gehen“ konkret für dich? Wann und wo hast du deine ersten Rave-Erfahrungen gemacht? Und was genau hat dich damals daran so begeistert?

Vitalic: Raven bedeutet für mich, nach draußen zu gehen, zu tanzen und zu feiern. Manchmal auch auf einer nicht genehmigten Veranstaltung. Aber es geht nicht um die Größe des Events oder das Event selbst. Meine liebsten Rave-Partys waren sehr klein. Ich war nicht so sehr fasziniert davon, aber es war eine Gelegenheit, mit meinen Freunden schöne Momente zu verbringen und unter den Sternen zur Musik zu tanzen.

Siehst du dich eigentlich eigentlich in einer Reihe mit anderen französischen Labels wie Ed Banger oder mit Künstlern wie Justice, die ebenfalls einen Sound präsentieren, der die Leute zum Hüpfen und Raven animiert?

Ich habe nicht wirklich den Ed Banger-Sound. Meiner ändert sich ja mit jeder Platte. Daher ist das schwierig zu sagen. Aber wir haben sicher einen gemeinsamen Sinn für Musik mit Energie.

Können wir dein „Rave Age“-Album auch als eine Art von Antwort auf langweilige oder reduzierte  Musik sehen, die manche DJs spielen?

„Rave Age“ ist eine Platte, die versucht, Geschlechter zu verbiegen. Sie geht über reinen Techno oder Rave Music hinaus. Ich sehe mich selbst keiner Kirche oder keiner Bewegung angehörig. Ich mache daher mein eigenes Ding mit meinem eigenen Konzept. „Rave Age“ vermischt Techno mit Disco mit einem Popgeschmack.

Für dein Album spielte die Live-Verwendbarkeit der Tracks eine große Rolle. Wie hat sich das auf die Produktion im Studio ausgewirkt?

Als ich damit begann, die Tracks zu komponieren, war ich immer noch auf Tour. Ich wollte Stücke voller Energie erschaffen, von denen ich wusste, dass ich sie auch mit einer Band und einer Bühnengestaltung aufführen würde. Die Energie dafür bekam ich von den Shows während der Wochenenden.

Wie haben sich denn deine Live-Shows, seit du angefangen hast, auf die Bühne zu gehen, generell weiterentwickelt?

Am Anfang spielte ich alleine in Clubs und auf Festivals und hatte nur ein paar Geräte dabei. Für das zweite Album tourte ich dann mit einem Bühnenbild, dass von 1024 Architecture designt wurde und das aus zwei Spiegelbildschirmen bestand. Mit der Show danach wollte ich noch etwas weiter gehen. VTLZR enthielt verschiendene Arten von Technologien. Seine eigenen Grenzen bei der Vorbereitung einer Show auszudehnen macht einen großen Teil der Erregung aus, die man während des Spielens bekommt. Aber vielleicht gehe ich eines Tages zurück zum einfachen Setup mit mit nur drei Geräten …

Welches Equipment verwendest du denn konkret? Improvisierst du bei den Shows viel?

Mein Equipment ändert sich mit der Zeit und der Art der Live-Shows. Ich habe bisher Ableton, Controller, Nova Novation, Roland XTI, einen Virus und einige andere Software verwendet.

Für die nächste Version der Show benutze ich Sachen von Arturia und einen Mopho von DSI.

Mit Ableton habe ich die Freiheit, alles zu tun, was ich will. Im Arrangement des Tracks, aber auch in der Struktur des gesamten Livesets.

Welche Rolle spielen bei deinen Shows denn deine älteren Produktionen und speziell die großen Hits noch? Wo liegt beim Vermischen von alten und neuen Sachen die besondere Herausforderung für dich?

Es erfreut die Leute immer, wenn ich frühere Produktionen spiele, und ich werde es wohl nie satt haben, die alten Tracks mit einzubauen. Aber die echte Spannung ergibt sich natürlich aus den neueren Songs. Ich arbeite regelmäßig an meinem Live-Set, um die Balance zwischen altem und neuem Material zu verbessern und verschiedene Dinge zu gliedern, die nicht so einfach zusammen zu mixen sind.

Was war deine bisher bizarrste Erfahrung auf der Bühne?

Ich habe mich immer davor gefürchtet, dass eines Tages mein Hauptcontroller während einer Show auf einem großen Festival nicht klappen würde. Und genau das ist mir in Paris dann passiert. Es war wirklich voll, etwa 20.000 Leute und 15 Minuten lang musste ich Ableton mit dem Trackpad steuern. Das war ein Alptraum, und ich fühlte mich plötzlich sehr einsam. Dann, nach 20 Minuten, klappte der Controller wieder, und ich konnte auch endlich die Show genießen.

Gibt es auf „Rave Age“ einen Track, der wichtig war für das Konzept der gesamten Platte?

Ja, ich denke, das ist „Stamina“. Es ist ein Stück, das ich seit langer Zeit machen wollte. Ich hatte es immer schon im Kopf. Und ich bin nun sehr glücklich damit, denn ich habe darin verschiedene Einflüsse mit etwas Humor zusammengebracht. Den hat meine Musik ja nicht so oft.

Welche der Kollaborationen auf dem Album war die schwierigste während der Arbeit im Studio?

Das war eigentlich alles sehr fließend. Die Sänger waren sehr unkompliziert und freundlich in der Zusammenarbeit. Mit Alf hatte ich ein paar Diskussionen bei der Abmischung der Platte, denn wir haben nicht immer die selbe Meinung. Meist ging es dabei um Reverbs … Aber der gesamte Produktionsprozess des Albums war sehr angenehm.

An welchen anderen Projekten arbeitest du momentan noch?

Derzeit arbeite ich an der VTLZR Show.

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