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166.442.145 Klicks auf YouTube. So oft wurde „One Day/Reckoning Song“ in der Version von Wankelmut auf der Video-Plattform bis zum Zeitpunkt dieses Artikels angeklickt. Eine beträchtliche Zahl. Mit dem Song erreichte Jacob Aaron Dilßner, wie der Berliner mit bürgerlichem Namen heißt, im August 2012 mit seiner Interpretation des im Original von der israelischen Combo Asaf Avidan & the Mojos stammenden Songs Platz 1 der Media-Control-Charts. Er erzielte hierzulande Doppelplatin und belegte in weiteren acht Ländern die Spitze der Singlecharts. Bei Beatport war der Track der meistverkaufte des Jahres. Wankelmut erlebte über Nacht einen raketenhaften Aufstieg.

One Hit Wonder? Mitnichten. Denn auch mit der Nachfolge-Single „My Head Is A Jungle“ konnte Wankelmut unzählige Erfolge einfahren. In Italien erreichte die Single Platin, in Deutschland konnte sie sich ganze 14 Wochen in den Charts halten. Und wer zu diesem Zeitpunkt an eine vollends dem Kommerz ausgerichtete und durchgeplante Major-Karriere dachte, lag ebenfalls daneben. Mit den beiden Ausgaben seiner „Wankelmoods“-Kopplung auf Poesie Musik – einem Sublabel Get Physicals – platzierte er sich gekonnt in eine kredibile Schiene zwischen Over- und Underground und bestätigte mit zahlreichen Remixen, auf der geschmackssicheren Seite zu stehen. In diesem Jahr interpretierte er u.a. Hoziers „From Eden“ sowie Stücke von Flight Facilities und Röyksopp neu und veröffentlichte gemeinsam mit Schleppgeist die „Banana Split EP“ auf Hive Audio. In diesem Monat ist Wankelmut für den offiziellen FAZEmag Downloadmix verantwortlich.

Jacob, wie war das Jahr 2015 bislang für dich?

Sehr schön, muss ich sagen. Ich hatte eine Menge richtig gute DJ-Gigs auf der ganzen Welt und mit unserer Seelensauna-Agency geht es gut voran. Auch im Studio und Privat alles bestens.

Du hast 2015 einige VÖs gehabt, darunter Remixe für Röyksopp, Hozier, Flight Facilities und gerade erst für Lane 8 feat. Matthew Dear. Wie kam es zu diesen Kollaborationen und wie gehst du an einen Remix heran?

Ich habe für Remixe eine für mich sehr gute Formel: Ich picke mir um das Main-Vocal herum die für mich interessanten Teile raus und mache in den meisten Fällen etwas komplett Neues daraus. Die Zusammenarbeit entsteht durch simple Anfragen die mich über mein Management erreichen, also der heutzutage klassische Weg. Wir setzen uns regelmäßig zusammen und entscheiden welche Remixe ich aus der großen Anzahl an Anfragen machen kann und möchte. Da ich sehr viel unterwegs bin, muss die Studioarbeit insbesondere wegen der Deadlines der anfragenden Labels sehr gut geplant sein, wenn man das professionell ma-chen will.

Remixen vs. eigene Stücke produzieren: Was macht dir mehr Spaß?

Schwer zu sagen, um ehrlich zu sein. Beides hat seinen Reiz. Natürlich ist es ein großes Ding für mich z.B. einen Sänger wie Hozier remixen zu dürfen. Allein der Umgang mit so einer großen Stimme ist für den Musikliebhaber ein Hochgenuss. Die Chance einem bestehenden Track eine komplett andere Note als das Original zu geben und dann zu sehen, dass das funktioniert und auch ankommt, ist auf jeden Fall auch ein schöner Aspekt an den Remixen. Eigene Stück erfordern oft mehr Arbeit und eine intensivere Produktionsphase über einen längeren Zeitraum.

Die hast du erst kürzlich auf dich genommen. Im Herbst steht eine weitere EP an, was kannst du uns dazu verraten?

Ja, es wird nochmal einen Clubtrack von mir geben, bevor es 2016 wieder mit einer radiotauglichen Single weitergeht. Der Track ist mit einer tollen französischen Sängerin entstanden, die ich auf Tour kennengelernt habe. Ich bin super happy damit, da ich wieder einmal eine echt spezielle Stimme für einen meiner Tracks aufgetan habe.

Du bist jetzt 28, vor rund drei Jahren ist mit „One Day“ dein persönlicher Durchbruch erschienen. Wie rekapitulierst du diese letzten drei Jahre?

In erster Linie ist das eine Zeit in der sich für mich nahezu alles verändert hat. Die wenigen Konstanten die es davor schon gab sind entsprechend die Eckpfeiler meines momentanen Lebens, was eben quasi nichts mit dem Leben vor „One Day“ zu tun hat. Tatsächlich ist es ein großes Glück, das mir widerfahren ist, wenn man sich überlegt, dass ich in den drei Jahren in zig Clubs auf der ganzen Welt als DJ gespielt habe und dadurch tolle Menschen, Szenen und Städte kennenlernen durfte. Die Tatsache, dass das heute mein Beruf ist, macht mich schon sehr stolz und zufrieden. Ganz ehrlich: Ich hätte nie damit gerechnet!

Welche waren in deinen Augen die wichtigsten Erfahrungen in dieser Zeit?

Zu den wichtigsten Erfahrungen gehört der Umgang mit „One Day“, das mir 1,5 Millionen verkaufte Tonträger, acht Nr. 1 Plätze in europäischen Charts und 160 Millionen Youtube-Video-Klicks bescherte. Dieses Phänomen zu kontrollieren und dann auch hinter mir zu lassen um mit „My Head Is A Jungle“ weiterzumachen, um darauf die DJ-Karriere aufzubauen und zu festigen, indem ich sehr viele Gigs gespielt habe, war und ist eine sehr intensive Erfahrung. Tatsächliche Erfahrungswerte konnte ich eben im Umgang mit den Single-Hits und der Einordnung meiner Person zwischen Over- und Underground sammeln. Auf der DJ Seite zählen die ganz großen Festivals, wie für viele Kollegen auch, zu den prägenden Erfahrungen, da die meist positive Konfrontation mit unfassbar vielen Menschen im Publikum eine der spannendsten Herausforderungen ist und bleibt.

Du hast es gerade schon angesprochen: Im Vergleich zu vielen anderen, die mit ihren Releases die Media-Control-Charts erobern konnten, hast du als Künstler im vermeindlichen „Underground“ nach wie vor nicht vollends dem kommerziellen Weg verschrieben. Der Hype damals in den großen, deutschen Medien war unglaublich. Mittlerweile ist es dort etwas ruhiger um dich geworden …

Es war mir und meinem Umfeld schon klar, dass sich „One Day“ nicht wiederholen lassen würde. Und ich habe dies auch gar nicht angestrebt. Im nächsten Schritt war meine Single „My Head Is A Jungle“ dann 2014 auch erfolgreich. Top 20 in Deutschland, Top 10 Italien, Top 5 in England. Auf dem Rücken der beiden Tracks und diverser Remixe, Podcasts etc. hat sich das DJ-Booking massiv ausgeweitet, und so bin ich 2015 nahezu nonstop weltweit unterwegs und habe mich entsprechend auf Underground-Releases wie z.B. auf HIVE Audio und Get Physical konzentriert. Eine generalstabsmäßige Planung steckt da allerdings nicht hinter. Ich lebe im Hier und Jetzt und arbeite intuitiv an meinen Sachen.

Du studierst aktuell noch immer Philosophie und würdest gerne deinen Bachelor machen. Um etwas „Vernünftiges“ in der Tasche zu haben, oder kannst du dir durchaus vorstellen, einmal in dieser Materie tätig zu werden?

Beim Studium habe ich die Pausetaste gedrückt. Momentan kann ich nicht absehen, ob ich das jemals wieder aufnehme. Es hat seinen Reiz und da steckt auch Herzblut und Leidenschaft von mir drin, aber es macht keinen Sinn, das nur so nebenher zu machen.

Du wirst 2015 noch USA, Australien, Großbritannien und Irland bereisen und kommst damit auf rund 80 Gigs weltweit. Welche waren die bislang skurrilsten Ecken, in denen du warst? Und wie unterscheidet sich für dich das Publikum in den jeweiligen Regionen?

Das Publikum in den verschiedenen Ländern und Städten der Welt unterscheidet sich in mancher Hinsicht schon stark – tanzen wollen sie aber alle, manche mehr, manche weniger. Wirklich abgefahren waren zum Beispiel Simbabwe und Jakarta. Am Verrücktesten sind aber die Iren!

2014 ist die zweite Ausgabe deiner „Wankelmoods“ erschienen. Hast du bereits Pläne für Vol. 3?

2016 zu meiner nächsten größeren Single soll Vol. 3 erscheinen. Die Serie soll immer den aktuellen und neuen Wankelmut-Sound einfangen, und da bietet es sich an, das nächste Singlerelease als Aufhänger zu nutzen.

Wie stehst du persönlich zum Format Album in der heutigen Zeit, und wann können wir mit einem Debütlangspieler von dir rechnen?

Für ein Album muss es eine Konstellation geben, die komplett Sinn macht. Alben von Künstlern wie z.B. Fritz Kalkbrenner, Stimming oder Efdemin sind einfach rund und fühlen sich gut an. Da stecken Zeit, Ideen, Skills und natürlich viel Engagement von Musikern etc. drin. Solche Alben sind Maßstäbe, und momentan lässt mir mein DJ-Leben kein Zeitfenster offen, um diesen Maßstab anzupeilen. Das bedeutet nicht, dass es mir nicht doch einmal gelingt mich für ein paar Monate auf eine einsame Insel zurückzuziehen, um Musik zu machen, die auf Albumlänge funktioniert, aber das wird erst dann passieren, wenn die Zeit dafür reif ist. Ich werde hier nichts übereilen, und ich habe auch das Glück, dass das niemand von mir nachhaltig verlangt oder erwartet. / Rafael Da Cruz

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Artikel aus dem FAZEmag 044/10.2015