
Die MAYDAY kommt in ihrer ursprünglichen Form zurück nach Berlin? Nicht ganz, aber so ähnlich. Westbam kündigte gestern über seine sozialen Netzwerke eine Veranstaltung an, die es in der Form lange Zeit nicht gegeben hat und vermutlich auch länger nicht mehr geben wird.
1994: die Technokultur feiert ihren Durchbruch. Eine Jugendkultur, die ursprünglich aus dem Underground kommt, wird zum Massenphänomen der 1990er-Jahre. Die Loveparade knackt die 100 000-Besucher-Marke. Überall entstehen große Veranstaltungen der elektronischen Musik. Besucher in fünfstelliger Zahl strömen zu Hallen-Raves wie der MAYDAY. Die Fernseh-Musiksender, wie VIVA, spielen elektronische Musik und Rave rauf und runter. „Techno ist plötzlich“ überall.
„30 Years Raving Society“ nennt sich der Hallen-Rave, der dieses Jahr als Hommage an diese Zeit in Berlin mit DJs, Musik und sogar Technik von früher im November stattfindet und gerade von MAYDAY-Ikone und Mitbegründer Westbam verkündet wurde.
Nicht nur aufgrund des Mottos erinnert „30 Years of Raving Society“ an die damaligen Berlin-Ausgaben der MAYDAY aus den 90er-Jahren erinnert. 1994 fand die bis dato besucherstärkste Edition der MAYDAY in der Deutschlandhalle in Berlin statt. Die Besucherzahlen konnten dadurch erreicht werden, dass die Veranstaltung an zwei Tagen, Freitag und Samstag, durchgeführt wurde. Es blieb die einzige so genannte „Twin-Mayday“. An beiden Tagen kamen jeweils 17 000 Besucher, sodass man auf eine Gesamtzahl von 34 000 Ravern kam. Das Motto damals: „The Raving Society (We Are Different)“.
Die damalige VIVA-Live-Übertragung der Twin-MAYDAY, hier als VHS-Rip:
Die “Raving Society” war nicht nur das Motto der Berliner MAYDAY 1994, sondern ein bis heute prägender Begriff, der den Durchbruch von Techno und elektronischer Musik als Jugend- und Popkultur markierte und idealisierte. Jürgen Laarmann, Herausgeber des 90er-Jahre-Techno-Magazins Frontpage prägte den Begriff bis heute mit und verwendete ihn vielfach in seinen Publikationen. In der Frontpage wurde die Raving Society (zu Deutsch: Ravende Gesellschaft) als Gesellschaftsmodell ausgerufen. Eine „Gesellschaft, in der Herkunft, Rasse, Geschlecht, Bildung und Einkommen keine Rolle spielen“, wie Wissenschaftlerin Anja Seifert in einer Abhandlung aus dem Jahr 2004 nachträglich festhält. Im Vordergrund steht die gemeinsame Praxis des Ravens wie Erik Meyer in seiner soziologischen Abhandlung „Die Techno-Szene“ aus dem Jahr 1999 festhält. In einem Interview mit der Deutschen Welle aus dem Jahr 2013 beschreibt Westbam selbst die Raving Society als Vorläufer der Spaßgesellschaft.
Sogar das ARD sendete ein Special zur 1994er-Twin-MAYDAY, was den damaligen Stellenwert von Techno in der Gesellschaft verdeutlichen könnte:
In den 30 Jahren hat sich vieles innerhalb der Technokultur geändert. Die Revival-Veranstaltung „30 Years of Raving Society“ besinnt sich auf die damalige Zeit zurück. Sie ist ein von Westbam supporteter Oldschool-Hallen-Rave in Berlin im November, anlässlich zur 30-jährigen Begriffsprägung der „Raving Society“. Neben dem Motto wurde die gesamte graphische Ästhetik des Events im Stile der MAYDAY gehalten. Die Typograpie des neuen Events ist diejenige der MAYDAY 1994, sowohl ikonografisch, als auch farblich. Auch das restliche Design gleicht dem Plakat von 1994. Vergleicht doch mal selbst:


Auch inhaltlich lässt sich der Rave als MAYDAY-Berlin-Revival bezeichnen. Es spielen nicht nur DJs von damals, die Veranstaltung wirbt auch damit, „zu feiern wie bei einem echten Rave aus den 90ern“. Die Veranstalter wollen „das Lebensgefühl der goldenen Rave-Ära wieder aufleben“ lassen und den Besuchern auf „eine unvergessliche Zeitreise in die Ära“ schicken, „die uns alle geprägt hat“. Weiterhin soll es, wie in den 90er-Jahren eine Lasershow, dichten Nebel und Stroboskop geben. Der Trailer zur Veranstaltung spricht von der Auferstehung der ravenden Gesellschaft für eine Nacht, mit den „Original Beats“, dem „Original Laserlicht“ und dem „Original Soundgewitter“. Was anders ist: Entgegen dem MAYDAY-Motto „Forward Ever, Backward Never“, handelt es sich bei dieser Veranstaltung um eine Rückbesinnung – dem, was die MAYDAY nie sein wollte. Auch der originale Austragungsort ist nicht ganz derselbe: die Deutschlandhalle, in der die Twin-MAYDAY 1994 stattgefunden hat, wurde 2011 in ihren letzten Teilen abgerissen. Stattdessen weicht man nun auf die Berliner Columbiahalle aus. Ansonsten wurden sogar die Stimmen des Trailers so hochgepitcht, wie damals bei den MAYDAY-Hymnen üblich und markant.
Schaut doch mal selbst:
Vergleicht doch mal die Vocals:
Hier kommt das vollständige Line-up:
- Paul Elstak (MAYDAY Berlin 1992, MAYDAY Dortmund 1994, MAYDAY Dortmund 2007, MAYDAY Dortmund 2018)
- Westbam (Initiator und bis 2013 bei jeder MAYDAY dabei)
- Franky Jones (MAYDAY Dortmund und Berlin 1994)
- Hardsequencer (MAYDAY Dortmund 1993-1996, Berlin 1996, Dortmund 1999-2002, 2004-2006, 2011, 2013, 2017, teilweise als Hardy Hard)
- Housemeister (MAYDAY Dortmund 2003)
- Members Of Members
- Tiefundton (Deep- und Dark-Techno-Act, Live-Act, Produzent aus Rathenow)
- Surprise Act
Eine bunte Mischung aus Techno, House, Rave und Hardcore – Spekulationen über den Surprise Act in 3, 2, 1 …
Spekulationen dürfte es auch über den Act Members Of Members geben. Von 1993 lieferten Westbam und Produzent Klaus Jankuhn unter dem Namen Members Of Mayday die Hymnen zur MAYDAY. 1996 schuf man außerdem das Pseudonym Members Of Mars zur letzten Berlin-Ausgabe „Life On Mars“. Da es sich ja um keine offizielle MAYDAY-Ausgabe handelt, ergibt der Name Members Of Members Sinn. Ob sich dahinter wirklich Westbam und Klaus Jankuhn verbergen, bleibt offen.
Westbam rief die MAYDAY 1991 mit Erstausgabe in Berlin gemeinsam mit seinem Bruder DJ Dick und den leider verstorbenen William Röttger sowie Jürgen Laarmann ins Leben, um den Radiosender DT64 zu retten. Aus der MAYDAY entwickelte sich eine der größten Kult-Veranstaltungen der Techno-Kultur mit Ausgaben in Polen, Ungarn, Russland oder auch Belgien. 1993 fand die erste MAYDAY in den Dortmunder Westfalenhallen statt, 1996 die letzte in Berlin. Zudem gab es Editions in Köln und Frankfurt am Main. Seit 1997 finden die deutschen Ausgaben jährlich nur noch in den Dortmunder Westfalenhallen statt. 2007 wurde die MAYDAY an i-Motion verkauft, die Agentur, die für Veranstaltungen wie die NATURE ONE oder auch Ruhr-in-Love verantwortlich ist. 2014 zerstritt sich Gründer Westbam mit den neuen Veranstaltern, sodass er von fortan nicht mehr auf der MAYDAY spielte, außer auf manchen Ausgaben in Katowice, Polen.
Uns erinnert das Revival an das 30-jährige Loveparade-Jubiläum von Dr. Motte im Jahr 2019. Damals zelebrierte Motte, ursprünglich angedacht unter dem Motto „30 Jahre Love Parade“, unter dem Motto „30 Jahre Friede, Freude, Eierkuchen“ – dem Motto der ersten Loveparade. Es gab einen eigenen Bereich auf der Ausstellung Nineties Berlin sowie einen Truck auf dem Berlin Pride. Das Artwork dazu sah folgendermaßen aus:

Im Folgejahr kam dann die Ankündigung zur Rave The Planet Parade, der Nachfolge-Parade der Loveparade. Man darf gespannt sein, ob Westbam auch noch etwas Größeres plant, sind die Parallelen doch ähnlich. Aber erst mal genießen wir die Veranstaltung im November.
Denn fest steht: Jetzt ist also Westbam mit dem 30-jährigen seines „Babys“ an der Reihe. Tickets gibt es ab 29,99 Euro exklusive Gebühren in der Vorverkaufs-Stufe eins sowie VIP-Tickets mit exklusiven Speials ab 69,99 Euro exklusive Gebühren.

„30 Years Raving Society“ findet am 9. November 2024 ab 20 Uhr in der Columbiahalle in Berlin statt.
Das könnte dich auch interessieren: