wigbert



Der 1987 in Höxter geborene Künstler trat bereits früh in Kontakt mit der elektronischen Musik. Sein älterer Bruder war es, der ihn in jungen Jahren mit der Szene bekannt gemacht hatte. Seinen ersten Auftritt als DJ hatte er im Jahr 1990 – also mit gerade einmal 13 Jahren. In der Zeit von 2003 bis 2010 war er unter dem einen oder anderen Synonym bekannt, ehe er 2011 sein neues und aktuelles Projekt begann: Wigbert. Er machte sich mit seiner Mixtur aus House, Tech-House, Techno und Minimal einen Namen und veröffentlichte bis dato auf Labels wie SCI+TEC, Infuse, Level Non Zero, Deeperfect, Rawthentic, Inmotion, KD Raw und Soño Vivo, welches zugleich auch sein eigenes Label ist.

Beeinflusst wurde er dabei von Größen wie Sven Väth, Anthony Rother, Carl Cox, Depeche Mode und Kraftwerk. „Ich war noch ein kleiner Junge, völlig frei und unbefangen – irgendwann in den 90ern. Ich war ziemlich offen, was die Musik angeht. Ich habe das gehört, was mir gefiel. Gerne mal Hip-Hop oder was Rockiges. Irgendwann wurde ich dann mit der elektronischen Musik konfrontiert. Mein älterer Bruder hörte damals u. a. die HR3 Clubnight und nahm alle möglichen Sets auf Tape auf. Die liefen dann auch mal tagsüber zu Hause. Eines Tages rief er mich in unser Wohnzimmer und zeigte mir einen Videomitschnitt von der MAYDAY, den er in der Nacht zuvor aufgenommen hatte. Westbam stand an den Decks und ich war ziemlich beeindruckt von dem, was da passierte – einer dieser Momente, die man nicht so schnell vergisst. 2002 habe ich dann die Loveparade besucht. Ich war gerade mal 14 Jahre alt und das erste Mal auf einem Event dieser Größenordnung. Es war schon abends, bei Einbruch der Dämmerung, und die DJs spielten ihre 20-minütigen Sets an der Siegessäule zur Abschlusskundgebung. Dieser Moment, als ich sah, wie fröhlich die Menschen zu der Musik feierten, tanzten und einfach Spaß hatten, war ein Moment, der mich dazu bewegte, selbst DJ zu werden. Mein Bruder hatte glücklicherweise schon zwei Turntables und ein Mischpult gekauft, was für mich den Einstieg etwas erleichterte. Ich übte jeden Tag und kurze Zeit später kam dann auch der Wunsch auf, eigene Musik zu produzieren.“ 2004 veröffentlichte er als Jon May sein erstes Release „Revolution EP“ auf dem Label Technoline, welches gleich in mehreren Portalen die jeweiligen Charts enterte. „Aus heutiger Sicht würde ich das Projekt Jon May als eine Art Testprojekt bezeichnen. Natürlich war es mir damals schon sehr ernst mit der Musik, aber ich habe auch viel herumprobiert und diverse Erfahrungen gesammelt, positive wie negative. Heute arbeite ich viel professioneller und verfolge versierter meine Ziele und Visionen. Auch soundtechnisch habe ich mich weiterentwickelt und ich glaube, dass meine Musik heute mehr meine Persönlichkeit widerspiegelt.“ Eine musikalische Sinnkrise brachte ihn dann dazu, sich neu auszurichten. Sein Umzug nach Offenbach 2008 spielte dabei ebenfalls eine wichtige und nicht zwingend positive Rolle. „Rückblickend musste ich feststellen, dass ich fast zwei Jahre lang einen musikalischen Break hatte. Als ich 2008 nach Offenbach kam, war es neben einer Ausbildung mein Ziel, mich musikalisch weiterzuentwickeln, etwas Neues aufzubauen. Genau das Gegenteil ist aber passiert. Ich wurde von vielen Dingen abgelenkt, sodass ich immer weniger Musik machte. Den kompletten Tiefpunkt erlebte ich dann Anfang 2010, als ich einen wichtigen Menschen verlor – das war die bisher schlimmste Zeit in meinem Leben. Ich habe viel mit mir selbst kämpfen müssen, um weitermachen zu können. Ab der zweiten Hälfte des Jahres 2010 hatte ich dann das Gefühl, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war, einen Cut zu machen, Altlasten hinter sich zu lassen und mit Wigbert neu zu starten.“

Da lernte er u. a. auch Matt Star kennen, mit dem er viel Zeit im Studio verbringt. 2012 veröffentlichten sie ihre erste gemeine EP auf Movida Records. „Sein Bruder betreibt in Offenbach den Plattenladen Mainrecords, wo ich ebenfalls oft bin. Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine Freundschaft und man tauscht sich aus. Des Weiteren lernte ich dort Hassan Ahmed kennen, der neben seiner eigenen Veranstaltungsreihe ,Lost‘ mittlerweile das ganze Programm im MTW Club managt und stark bei der Umgestaltung des Clubs mitwirkt. Eine neue Außenwirkung und eine neue musikalische Ausrichtung sind das Ziel. Für mich sind solche Entwicklungen spannend und beeinflussen mich positiv.“ Das wirkte sich ebenfalls auf sein Label aus, auf dem 2011 die erste Single „Locean Damour“ inklusive Remixen von Pascal Feos, Frank Leicher und Remerc erschien, das aber zurzeit stillgelegt ist. „Soño Vivo steht für ,Lebe deinen Traum’. Genau das soll auch die Philosophie des Labels sein – seine Träume leben, die Musik leben. Das war die Idee, als ich das Projekt startete. Aktuell ist es aber leider so, dass ich das Label vorerst auf Eis gelegt habe. Ich konzentriere mich momentan auf meine Solo-Produktionen und mich als Künstler. Da bleibt wenig Zeit für das Label. Mal sehen, was die Zukunft so bringt – und vielleicht gibt es ja irgendwann ein Comeback.“

Ebenfalls zeitintensiv ist die Arbeit an seinem Live-Act, den er seit geraumer Zeit auf die Bühne bringt. „Mich reizt vor allem die Möglichkeit, Sounds in Echtzeit zu manipulieren. Durch die Performance in dem Moment etwas live zu kreieren und zu improvisieren, wie beispielsweise bei meinem Gig im Watergate. Dazu kommt, dass man eine uneingeschränkte Palette an Möglichkeiten hat, was aber auch schnell überfordern kann. Mein Setup variiert leicht je nach Show und besteht aktuell aus Ableton Live, dem Livid DS1 Controller, um Ableton zu steuern, der Native Instruments Maschine, dem Elektron Analog Four und dem Moog Minitaur.“ Dadurch hat sich in den vergangenen Jahren auch seine Produktionsweise im Studio verändert – von digital verstärkt in den analogen Bereich. „Als ich anfing, Musik zu produzieren, habe ich nur mit meinem Computer und Reason gearbeitet, später wechselte ich dann zu Ableton Live. Nach meinem Neustart 2010 fing ich an, mehr und mehr analoges Equipment zu kaufen. Es war schon fast wie eine Sucht. Mein Workflow hat sich dadurch komplett geändert. Ich behaupte nicht, dass man einen Hardware-Fuhrpark im Studio haben muss, um gute Musik zu machen. Jeder muss da seinen eigenen Weg finden. Letztendlich steht der Spaßfaktor an erster Stelle und ich habe für mich herausgefunden, dass mir die Kombination aus analog und digital am besten liegt.“

Nach den Highlights im Jahr 2015, wie der Veröffentlichung seiner Remixe für Pan-Pot und Felix Kröcher, stehen für 2016 ebenfalls schon einige Punkte auf der Agenda. „Ich arbeite momentan an einer Follow-up-Platte für das New Yorker Label Inmotion Music. Die B-Seite ist schon fertig. Jetzt fehlt noch die A-Seite und dazu ist noch ein Remix von einem renommierten Artist geplant. Ein weiteres Highlight wird sicherlich meine ,Urban Noise EP’ auf SCI+TEC sein. Das Release beinhaltet vier Tracks und erscheint voraussichtlich im Februar. Ich freue mich schon sehr auf diese EP, da ich schon eine Menge toller Feedbacks bekommen habe. Zudem gab es schon einen riesigen Support im Sommer 2015, als Dubfire zwei der Stücke für die ,ENTER. Compilation’ nutzte. Das letzte Jahr war für mich ein tolles Jahr der Entwicklung mit vielen schönen Erlebnissen und ich bin schon sehr gespannt, was mich 2016 erwartet. Hoffentlich bleibt das eine oder andere Highlight nicht aus.“ / Rafael Da Cruz

Aus dem FAZEmag 047/01.2016