wigbert
Es kommt nicht von ungefähr, dass der Frankfurter Wigbert Franze aka Wigbert in der Szene auch gerne als „Human Machine“ bezeichnet wird. Grund dafür ist die überaus greifbare Symbiose aus analogen Maschinen, die er mit Leben füllt. Er verschmilzt nahezu mit seiner Hardware. In den vergangenen Jahren konnte man das unter anderem auf Dubfires SCI+TEC oder bei seinen Remixen für Gregor Tresher und Pan-Pot hören. Letztere sind bereits seit Jahren große Anhänger Wigberts. Nach seiner Single auf der vergangenen „SUM 2“-Kopplung veröffentlicht der Hesse mit der „Stream“-EP und insgesamt fünf Titeln nun erneut auf Second State, dem Label von Thomas Benedix und Tassilo Ippenberger.



Das letzte Mal mit Wigbert gesprochen hat das FAZEmag im Januar 2016 – da ging um seine Anfänge, seine Inspiration und die Planung seines Live-Acts. In den letzten eineinhalb Jahren ist viel passiert, berichtet er. „Ich bin aus meinem damals relativ neuen Studio wieder zurück in mein altes gezogen und habe dadurch sogar meinen persönlichen Workflow weiterentwickeln können. Es tat gut, auf eine gewisse Weise auszubrechen und einen anderen Blickwickel auf diverse Dinge zu bekommen. Auch hatte ich viele tolle Gigs national und international während dieser Zeit. Ein Highlight war sicherlich das SCI+TEC10-Showcase in Beirut, wo ich neben Dubfire und Marwan Sabb ein Live-Set spielen durfte. Eine tolle Erfahrung! Meine Reisen in die kolumbianische Hauptstadt und zum Stereo Club in Montreal möchte ich ebenfalls nicht unerwähnt lassen. Das waren auf jeden Fall inspirierende Erlebnisse mit dem positiven Nebeneffekt, viele neue Menschen kennengelernt zu haben. Des Weiteren arbeite ich seit Juli dieses Jahres mit der Booking-Agentur Family Affairs zusammen, die schon jahrelang dabei ist und viel Erfahrung mitbringt. Mein Management EUAM, Family Affairs und ich arbeiten professionell als Team zusammen und versuchen so, das nächste Level zu erreichen.“

Kein sonderlich gewagtes Ziel, veröffentlichte er in den letzten Monaten doch schon viel gefeierte Produktionen. „Nach unserem letzten Interview wurden ein paar neue Remixe und auch Solo-EPs veröffentlicht. Sehr erfolgreich im letzten Jahr waren beispielsweise der Remix für Gregor Treshers Track ,Quiet Distortion’ und auch der Remix für Juheun auf Octopus Records. Nachdem die ,Urban Noise’-EP auf SCI+TEC im Januar 2016 erschienen war, kam kurze Zeit später positives Feedback von Gregor und er fragte mich daraufhin, ob ich nicht Lust hätte, ein Stück aus seinem neuen Album zu remixen – und ich sagte sofort zu. Zur selben Zeit arbeitete ich schon an weiteren Tracks und gab sie im Anschluss Dubfire. Aus einem großen Paket an Stücken haben wir schließlich zwei neue EPs zusammengestellt. Die ,Fall’-EP erschien Anfang Dezember letzten Jahres und die ,Rain Shower’-EP im Mai dieses Jahres. Bei Letzterer hat es mehr als ein Jahr gedauert, bis sie veröffentlicht wurde. Zuletzt kam dann noch ein Stück auf der ,SUM 2’-Compilation auf Pan-Pots Label Second State.“ Für solch einen qualitativ hochwertigen Output bedarf es optimaler Arbeitsbedingungen. Diese hat er sich im neuen alten Studio erschaffen. „Akustisch war der ehemalige Studioraum optimal und ich habe mich auch irgendwie wohlgefühlt, aber trotzdem kam ich zu dem Entschluss, dass gewisse Umstände meine Arbeitsweise im Produktionsfluss mehr behinderten, als dass sie sie förderten. Also musste ich etwas ändern. Die Umgebung, der Raum, in dem ich mich nun aufhalte und produziere, spielt für mich eine wesentliche Rolle für die Kreativität. Dies hatte ich mehr und mehr erkannt und so beschloss ich schließlich, das Raumkonzept aus akustischer Sicht zu transportieren und in den neuen Raum zu integrieren. Es entstand also das Studioprojekt 2.0. Jetzt habe ich meine alte, vertraute Wohlfühl-Umgebung, gepaart mit der optimalen Akustik. Meine Arbeitsweise hat sich dahingehend verändert, dass ich den Workflow von vornherein weiterentwickelt habe. So kann ich nun problemlos meine Geräte bedienen, ohne auf Dauer Rückenschmerzen zu bekommen. Ich erreiche vieles leichter und bleibe im Fluss, was letztendlich entscheidend und wichtig ist beim Musizieren.“

Dort ist ebenfalls die gesamte EP für Second State entstanden, die dieser Tage das Licht der Welt erblickt und für das Label die 33. Katalognummer bedeutet. „Die Idee der jeweiligen Stücke ist auf jeden Fall ein Merkmal, das sie beispielsweise von den Releases auf SCI+TEC unterscheidet. Auch ist die ,Stream’-EP meiner Meinung nach etwas technoider als andere Produktionen von mir in der Vergangenheit. Die EP umfasst insgesamt fünf Tracks, die alle eine gewisse Eigenart haben. So ist der Titeltrack ,Stream’ nach vorne preschend, mit Synth-Fetzen und einer wiederkehrenden Hookline. Im Gegensatz dazu wirkt ,The Rail’ eher hypnotisch und leicht psychedelisch – wie wenn man aus dem Führerstand eines ICEs stets auf die Gleise schaut und es sich wie im Loop anfühlt. Daher auch der Name. ,Moving’ ist groovig und im Zusammenspiel mit dem Vocal-Loop und der Bassline hat er ebenfalls einen hypnotischen Touch. ,Strange Feelings’ habe ich bewusst simpel gehalten. Eine durchgängige Bassline, eine etwas schräge Melodie aus dem Modularsystem, die an Sounds in einem OP-Saal erinnert, und Snare-Drums. Als Bonustrack gibt es ein acidartiges Stück, welches in einer Jam-Session entstand. Deshalb der Name ,Jam Mode’.“

Der Kontakt zu Pan-Pot und dem Label entstand bereits vor zwei Jahren durch eine Remix-Anfrage des Duos. Für die kommenden Wochen stehen einige Shows auf der Agenda, darunter das Klangtherapie Festival in der fränkischen Schweiz. „Ich war vor knapp zehn Jahren dort und bin echt gespannt, was sich seitdem verändert hat. Das Schöne an dem Festival ist, dass man als Besucher sofort spürt, wie sehr die Macher hinter dem Projekt stehen und wie viel Herzblut sie hineinstecken. Sehr naturverbunden, alternativ und eine Menge handgemachte Deko. Auch freue ich mich schon darauf, mir eine kleine kreative Auszeit im Studio zu nehmen und die sommerliche Stimmung in neuen Produktionen einzufangen.“ Für das zweite Halbjahr 2017 ist ein weiterer Titel auf der Jubiläums-Compilation „SCI+TEC10“ geplant. Außerdem werden zwei Remixe erscheinen. „Zum einen für Ukka, einen jungen Artist aus Argentinien, der auf dem befreundeten Label ONESELF erscheint. Zum anderen ein Remix für YENI, die aktuell ihr neues Label Cyborgs in Love startet. Neues Solomaterial steht ebenfalls ganz weit oben auf der Agenda und hoffentlich auch irgendwann mal mein Debütalbum.“ Es läuft rund bei Wigbert. Eine Human Machine eben.

Aus dem FAZEmag 066/08.2017